Werner oder Herz und Welt#

Metadaten#

Herausgeber / Herausgeberin
  1. Anne-Kathrin Bernsdorf
  2. Roger Jones
Fassung
1.0
Letzte Bearbeitung
07.2009

Text#

Werner

oder

Herz und Welt.

Schauspiel

in

fünf Aufzügen.

Zum ersten Male aufgeführt in Hamburg,

den 21. Februar 1840.

Personen.

Präsident von Jordan *).

Heinrich von Jordan, dessen Adoptiv- und Schwiegersohn, Regierungsassessor.

Julie von Jordan, seine Gemahlin.

Max,Karl,} ihre Kinder.

Justizrath von Mehlhose.

Rittmeister von Rapp.

Commerzienrath Falke.

Baron Fresco.

Assessor Wolf.

Doctor Fels.

Referendar Fels, sein Sohn.

Polizeirath Denker.

Marie Winter.

Ein Polizei-Commissair.

Kanzleibote Schulz.

Dessen Frau.

Konrad, Bedienter im Hause des jungen Herrn von Jordan.Joseph, Bedienter beim Präsidenten.

Ein Knabe.

Zwei Polizei-Beamte.

Gäste und Bediente.

Die Handlung spielt in der Hauptstadt eines großen deutschenStaates.

*) Französisch auszusprechen.131

Erster Aufzug.#

Erste Scene.#

In der Wohnung des Kanzlei-Boten Schulz. Ein einfaches Zimmer mit zwei Ausgängen an der Hinterwand. Bescheidener Hausrath. Rechts vom Schauspieler steht ein Pianoforte, auf dem Noten und Bücher liegen. Eine Schwarzwalder Uhr zeigt dreiviertel auf 6. Am Fenster links, das mit Läden verschlossen werden kann, stehen Blumenstöcke und hängt ein Vogelbauer. Es ist Dämmerung. Frau Schulz und Marie Winter sitzen am Fenster. Jene näht an weißer Wäsche. Diese stickt. Später ein Knabe.

Frau Schulz(nach einer längern Pause aufstehend und ihr Nähzeug weglegend). Na, nu lassen Sie's genug sein, Mamsell Mariechen! Man verdirbt sich die Augen und Sie brauchen die Ihrigen mehr wie Einer. Was die Tage schon so kurz werden! Noch zehn Wochen und wir haben Weihnachten. 132 Geben Sie Acht, Mariechen, nun kriegen Sie viel zu thun. Die Leute wollen jetzt Alles gestickt haben. Sophakissen und Ofenschirme und was weiß ich– und manche junge Braut schenkt ihrem Bräutigam jetzt zu Weihnachten Tragbänder und Notizbüchelchen, bei denen sie ihr Lebtag nicht daran gedacht hat, sich mit der Nadel auch nur mal's Fingerchen weh zu thun. Ach, wenn die Herren wüßten, wo die Stickereien alle herkommen, die ihnen die Mädchen zum Präsent machen! Kann ja jetzt alles im Laden kaufen, allerhand Straminsachen zu mehr als drei Viertel schon fertig, wo bloß nur noch für ein Paar Stiche Platz da ist, so daß es doch wenigstens den Namen hat. (Komisch ärgerlich) Na, hören Sie auf! Hören Sie auf!

Marie. Nur noch an dieser Rose den Dorn! (Deckt das Papier von dem Rahmen ab.) Nun, Frau Schulz, wie läßt das Ganze?

Frau Schulz (hinsehend). I nun, recht hübsch – recht hübsch!– Wenn's nur mehr einbrächte! – Da kann man sich ja die Finger wund sticheln und es ist doch zuletzt nichts. (Mit vertraulichem Nachdruck) Nein, wenn Sie nur mehr Stunden kriegen könnten – die Stunde acht Groschen! Alles will ja jetzt Klavierspielen lernen. Ich muß lachen, was zu meiner Zeit nur bei reichen Herrschaften Mode war, fangen 133 jetzt schon ganz gewöhnliche Leute an. Hier nebenan– der Victualienhändler – hat kaum das liebe Brot und die dumme Jöre, sein Mädchen, muß nun auch schon Klavier lernen. Am Ende geben sie sie auf's Theater und dann wird gar was Rechts draus!

(Ein nett gekleideter Knabe tritt ein.)

Knabe. Empfehlung an Mamsell Winter!

Marie (steht auf).

Knabe. Und Sie möchten doch die franzö'sche Stunde heut' um Sechsen geben. Morgen kann meine Schwester nicht. –

Marie (sich besinnend). Es ist mir – doch – vielleicht nicht ganz– recht –

Frau Schulz (einfallend). Haben Sie denn heute was vor? Nichts. Machen Sie nur ein Kompliment, kleiner Musje, und es wäre gut.

Knabe. Ja, morgen kann meine Schwester nicht. (Mit kindischer Wichtigthuerei). Wir nehmen beide Tanzstunde. Adje! (Ab.)

134 Frau Schulz. Sie müssen nicht immer so viel Umstände machen! Herr Jemine! Wenn man von andern Leuten sein Fortkommen haben will – (Forschend und den Ton fallen lassend) Sie wissen recht gut, daß Sie's auch anders haben könnten –

Marie. Immer das alte Lied, liebe Schulz. Sie kennen recht gut meine Gedanken über den Assessor und was ich mir überhaupt für meine Zukunft –

Frau Schulz. Ach, Narrenspossen! Sie haben gewiß mal 'ne Liebesgeschichte gehabt. Werden Sich darum Ihre Zukunft ruiniren! Herr Assessor Wolf! Ein solcher Mann! Mein Alter kann gar nicht genug erzählen, wie hoch er im Ministerium in Ansehen steht und was der Alles noch werden kann! Hat nebenbei einen schönen Thaler Geld und ist ein proportionirlicher, wirklich ins Auge fallender Mann, ein Mann, der bloß die Auswahl hat. Lieber Gott, Mamsell Marie, ich muß Ihnen sagen, Sie – Sie handeln – Sie handeln (mit vorwurfsvollem Nachdrucke) recht thöricht!

Marie. Thorheit vor der Welt, liebe Madame Schulz, ist oft Weisheit vor Gott.

135 Frau Schulz. Und wenn Sie denn Ihre Stunden noch so recht abhielten; aber ich, – ich weiß nicht, Sie thun immer, als wenn Sie den Leuten ordentlich eine Gnade schenkten.

Marie. Ist es nicht schmerzlich, mit dem geistigen kleinen Reichthum, um dessentwillen man in die Häuser geht, weil man ihn den Kindern mittheilen soll, doch fast nur wie ein Dienstbote behandelt zu werden. Ich habe oft gedacht, ich wollte mein Bischen Musik, mein Englisch und Französisch lieber ganz bei Seite liegen lassen (wieder an den Stickrahmen gehend, um das Papier drauf festzustecken) und mich ganz auf diese Art von Arbeiten beschränken. Freilich ist der Ertrag geringer, aber man kommt doch den mancherlei Zumuthungen gegenüber, denen ein armes, auf diesen Erwerb angewiesenes Mädchen in fremden Häusern ausgesetzt ist, nicht so oft – zu falschen Stellungen– unangenehmen und schwierigen –

Frau Schulz (schnell einfallend). Na, d'rum heirathen Sie den Assessor! Warum stoßen Sie Ihr Glück so recht muthwillig von sich? Der Mann dauert mich, was er sich für eine unmenschliche Mühe giebt. Läuft sich die Schuhe ab. Gibt Ihnen, da Sie doch nichts von ihm nehmen wollen, mehr zu 136thun, als Sie fertig machen können. Weiß gar nicht, was er Alles aufbieten soll –

Marie (erzürnt). Wie können Sie denn glauben, liebe Madame Schulz, daß die Absichten dieses Mannes reell sind –

Frau Schulz (verwundert). Na hören Sie; das ist das Erste, was ich höre! Fragen Sie meinen Mann. Wenn der des Morgens auf die Kanzlei kommt, gleich: "Guten Morgen, Herr Schulz! Was macht Mariechen? Grüßen Sie Mariechen! Heut' Nachmittag mach' ich mir das Vergnügen" – und alle Herren auf der Regierung ziehen ihn ordentlich damit auf.

Marie. Und werden Böses von mir denken. Es ist endlich Zeit, Madame Schulz, daß ich mich unumwunden ausspreche. Ich muß Sie bitten, daß die Zudringlichkeit dieses Mannes ein Ende nimmt. Entweder ich verlasse Ihr Haus, oder Sie verbieten dem Assessor, je wieder Ihre Schwelle zu betreten.

137

Zweite Scene.#

Assessor Wolf. Die Vorigen.

Wolf. Schönen guten Abend, meine Damen!

Frau Schulz (laut bewillkommnend). Ach, Herr Assessor – (herausplatzend) Eben war von Ihnen – (sich verbessernd) Schon so frühe heute vom Bureau?

Wolf. Noch nicht genug des Tages Last und Hitze? (Zu Marien höflich) Fräulein! (Auf die Stickerei zeigend) Gewiß erst wieder von der Arbeit aufgestanden? –

Frau Schulz. Geben Sie doch Ihren Hut, Herr Assessor! Setzen Sie sich doch, Herr Assessor!

Wolf. Ich sitze den ganzen Tag (zur Stickerei gehend und sie etwas lüftend) Bald fertig! Welch' ein Fleiß! Und wie zart und sinnig gruppirt!

Marie. Die Muster werden gekauft.

138 Wolf. O auch in der Wahl zeigt sich der Geschmack. (Zum Klavier hin) Erhielten Sie, mein Fräulein, die Noten –

Marie. Ich dank' Ihnen, Herr Assessor. Ich stellte sie dem Ueberbringer zurück. Ich liebe diese neuen Walzercompositionen nicht.

Frau Schulz. Arien, Herr Assessor, Arien! Immer so was – hoch – hoch (wie etwas Phantastisches beschreiben wollend). So was aus der Ouverture, Herr Assessor.

Wolf (zu Marien). Sie sind so spröde gegen die kleinen Angebinde, die ich mir erlaube, Ihrer Nachsicht zu empfehlen. Die Mantille schickten Sie auch zurück. –

Frau Schulz. Ja, und wissen Sie warum?

Wolf. Nun?

Frau Schulz (lachend). Es ist ein eignes Frauenzimmer! Weil ein Zettel dran –

139 Marie (verweisend einfallend). Liebe Schulz! – Herr Assessor, ich würde diesen Putz auch so nicht angenommen haben. Es war nur zufällig, daß mir zugleich der an der Mantille gebliebene Zettel, (verächtlich) worauf der Preis bemerkt stand, die Gabe doppelt unangenehm machte. (Ab in die Kammer rechts.)

Wolf (ihr nachrufend). Ein Zufall! Mein Gott, ich hätte delikater sein können. (Für sich) Eine eigne Species von Kokette! Eine sentimentale Kokette!

Frau Schulz (vertraulich). Sie müssen Nachsicht haben, Herr Assessor. Kein Baum fällt vom ersten Schlag. Und sie bildet sich ein, Ihre Absichten wären nicht ganz (forschend) reell, Herr Assessor! (Die Uhr schlägt drei. Marie zum Ausgehen gekleidet, kommt zurück).

Wolf. Sie wollen uns verlassen, Fräulein Marie?

Marie (gibt der Schulz einen Schlüssel). Es ist dreiviertel auf sechs, liebe Schulz! Sie wissen, daß ich die morgende Stunde heute geben muß. (Will gehen.)

140 Wolf. Verschmähen Sie nicht meine Begleitung, Fräulein? Es ist schon Dämmerung, oder nehmen wir lieber einen Wagen?

Marie. Ich dank' Ihnen, Herr Assessor! Ich muß leider den Weg, den ich eben mache, so oft einschlagen, daß ich mich schwerlich verirren würde. (Frau Schulz ein wenig bei Seite nehmend, mit Nachdruck) Wie ich Ihnen gesagt habe, liebe Frau. Vergessen Sie nicht, unter welcher Bedingung wir noch länger zusammen bleiben. Mit Pallästen ist das Schicksal karg; aber Hütten, wo die Armuth, dunkle Kammern, wo das Unglück wohnen kann, gibt es genug! (Mit einer kalten Verbeugung gegen den Assessor ab.)

Dritte Scene.#

Wolf. Frau Schulz.

Wolf. Immer trotziger! Immer halsstarriger! Haben Sie denn gar nichts bei ihr ausgerichtet?

Frau Schulz (mit Achselzucken). Es ist ein eignes Mädchen! Denken Sie sich die Präposition, die sie mir eben gemacht hat!

141 Wolf. Was will sie? Ich biete alles auf, um die Gesinnungen der jungen Dame für mich günstig zu stimmen, überhäufe sie mit Geschenken, die sie nicht annehmen will, komme jeden Tag, um ihr meine Aufmerksamkeit zu bezeugen –

Frau Schulz (einfallend). Das ist's eben. Sie will, daß Sie – Ihre Besuche – einstellen; (schnell) oder sie miethet sich anderswo ein.

Wolf (für sich). Ich muß mit größerer Vorsicht zu Werke gehen. (Laut) Im Grunde, liebe Frau Schulz, wenn ich es recht bedenke, hätt' ich auch gegen diese Absicht, von Ihnen wegzuziehn, nichts einzuwenden. Was Sie verlieren, würd' ich Ihnen schon – hm – hm – ich sinne da über einen Plan nach – sind Sie denn auch ganz gewiß, daß Mamsell Winter keine weitere Bekanntschaft hat?

Frau Schulz. Das wissen Sie ja, Herr Assessor. Ihre Aeltern waren früher recht vermögend und konnten ihr noch zu rechter Zeit, so lange sie's hatten, eine feine Erziehung geben. Der Vater war ja Kaufmann, machte Bankrut und starb drüber aus Gram. Die Mutter überlebte ihn nur kurze Zeit. Das Wenige, was sie noch gerettet hatten, 142 ging grade auf Krankheit und Begräbniß hin. Nun stand Marie allein.

Wolf. Sagten Sie mir aber nicht früher von einer Bekanntschaft?

Frau Schulz. Ich hört' einmal so was, es war ein Student oder Doktor – kein Doktor – sondern so ein anderer Dokter– verstehen Sie, Herr Assessor?

Wolf. Doktor Juris vielleicht?

Frau Schulz. Ja, ja, so was! Ich konnt' es nie recht erfahren – aber – (zeigt eins von den Büchern auf dem Klaviere) sehen Sie, solche Bücher muß er ihr wohl immer geschenkt haben; denn es ist was eingeschrieben. Steht, glaub' ich, auch sein Name d'rin – (schlägt auf.)

Wolf (lesend). Schleiermachers Monologen! "Seiner geliebten Maria, zur Erhebung der Seele und Befestigung des Glaubens an Unsterblichkeit. Was wär' ich und wenn ich die ganze Welt gewönne und hätte der Liebe nicht. Von ihrem ewig treuen H–." Ich meine, ich sollte die Handschrift kennen! (Prüft sie eine Zeit lang und legt das Buch dann wieder weg.)

143 Frau Schulz (fährt fort). Na, mit der Treue und der Ewigkeit muß es wohl so weit nicht her gewesen sein! Das seh' ich wohl, Marie grämt und härmt sich im Stillen über etwas und recht meine Noth hab' ich, ihr nur die Thränen wegzuschwatzen.

Wolf. Sind Sie denn nie hinter etwas Gewisseres gekommen?

Frau Schulz. Sie ist so verschlossen, wie – Gott verzeih' mir die Sünde! – die Offenbarung Johannis. Kommt nichts aus ihr heraus. Manchmal liest sie alte Briefe, worin von Thränen die Buchstaben schon ganz zusammen gelaufen sind. Des Nachts muß sie recht schwere Träume haben, daß ich oft aufstehe, um sie nur zu wecken und von ihren Aengsten zu befreien. Manchmal fährt sie auch am Fenster, wenn Jemand vorübergeht, so zusammen, daß ich 'nen Todesschreck habe. Noch neulich, wie Referendar Fels vorüberging –

Wolf. Fels? – Liebe Frau Schulz, ich will Ihnen sagen, was ich mir ausgedacht habe. Sie sollen nichts verlieren. Ein junger Kanzlist, der ein anständiges Einkommen hat, soll zu Ihnen ziehen und Sie einigermaßen, das Uebrige werd' ich bezahlen, für Ihren Verlust schadlos halten. Ich will versuchen, ob ich Marie nicht in eine Familie 144 bringen kann, wo ich sie täglich sehen, wo sie mir nicht ausweichen darf. Noch dürfen Sie ihr davon Nichts –

Frau Schulz. Ach, Herr Assessor, was denken Sie?

Wolf (für sich). Ich muß es so veranstalten, daß sie keinen angelegten Plan merkt. (Laut) Frau Schulz, Sie sollen das Nähere erfahren! (Will gehen.)

Frau Schulz. Wollen Sie schon aufbrechen, Herr Assessor? Ach, Herr Assessor, noch Eins – nicht wahr – (forschend und ängstlich lachend) das närrische Frauenzimmer bild't sich ein – Sie meinten's nicht –

Wolf. Thorheit, Thorheit, liebe Frau Schulz, Sie kennen mich ja! (Für sich) Daß man um einen guten Fang zu machen, sich so viele Mühe geben muß! (Laut) Adieu, Frau Schulz. (Im Abgehen) Ist ja nun bald Weihnachten. Wie lieben Sie denn die Muster? Großblumig oder gewürfelt – ?

Frau Schulz (verschämt lachend). Ach, Herr Assessor – 'ne alte Frau!

145 Wolf. Nun, warten Sie, ich werd's schon zum Feste machen. Ich treffe Ihren Geschmack. Gute Nacht.

Frau Schulz (geschäftig). Gute Nacht, Herr Assessor! Nehmen Sie sich in Acht, die Treppe ist ein bischen steil, Herr Assessor–

Wolf (sie zurückhaltend). Bleiben Sie nur, bleiben Sie nur! (Ab.)

(Dieser Schluß muß ad libitum ausgeführt und stark aufgetragen werden, damit ein passender Einschnitt zur Verwandlung entsteht.)

Frau Schulz (an der von außen zugehaltenen Thüre). So lassen Sie doch, Herr Assessor, ich muß Ihnen doch das Geleite geben – die Treppe ist angestrichen, Herr Assessor – (ihm nach).

146

Vierte Scene.#

Eleganter Salon im Hause des Herrn von Jordan. Rechts und links geöffnete Seitenthüren. Im Prospekt große Flügelthüre mit Glasfenstern, durch welche ein brennender Kronenleuchter schimmert. Zuweilen gehen an diesen Fenstern elegant gekleidete Herren vorüber. Julie. Doktor Fels. (Treten rechts auf.)

Julie. Nicht wahr, Doktor? Nun müssen Sie mir's selbst bestätigen: ich habe mich nicht geirrt.

D. Fels. Aufrichtig gesprochen, liebe Frau Assessor, ich habe ihn nie so heiter gesehen.

Julie. Das läugn' ich nicht. Es wäre ja auch schrecklich, wenn die Beobachtung, die ich nun seit einem Jahre mache, schon so auffallend wäre, daß sie Jedem in's Auge spränge. Nein, ich meine, wenn er eben auf's Lebendigste an den Scherzen der Unterhaltung Theil genommen, so versinkt er plötzlich in eine Gleichgültigkeit– in eine Abwesenheit – wie soll ich es nennen? – er erschrickt, wenn man ihn anredet und sieht dann nicht selten zu mir und den Kindern mit einem so schmerzhaften Blick herü-147ber, daß ich vor innerer Wehmuth und Bangigkeit vergehen möchte –

D. Fels. Ganz recht, ganz recht – aber es scheint doch, liebe Assessorin, als wenn Sie trotz Ihrer nun fünfjährigen Ehe das Wesen Ihres Heinrichs noch nicht ergründet hätten. Die ganze Art und Weise seiner Erscheinung, die eine unmittelbare Folge seines Genies und seines weichen Herzens ist, sollte Ihnen entgangen sein?

Julie. Darüber, lieber Doktor, finden Sie mich beruhigt. Als ich Heinrich zum ersten Male sah, war ich erfahren genug, um mir gleich zu sagen: das ist ein ganz anderer Mann, als man ihnen auf der Heerstraße der Alltäglichkeit begegnet! Worüber Andere erstaunten, das gerade schloß mir das Innere seines großen Geistes auf. Jede Spötterei meiner Bekannten über die kleinen Verstöße, die er gegen die Formen des geselligen Lebens machte, konnt' ich mit freudiger Genugthuung ertragen; denn ich wußte doch, daß sie mich beneideten! Aber je länger es währte, fand ich, daß es eine Richtung seines Gefühlslebens gab, in welche ich ihm nicht folgen konnte. Des Morgens ist er, wie von schweren Träumen, verstimmt, bei der ersten Begrüßung wie abwesend, des Abends bei Spaziergängen trennt er sich von den Uebrigen, sucht sich einsame Wege auf und oft hab' ich ihn 148 gefunden, wie er den Arm um einen Baum geschlungen, den Blick starr auf Gegenstände richtet, die er kaum zu bemerken scheint. Ach, er beglückt mich mit dem ganzen Himmel seiner Liebe, er betet die Kinder an, er macht mich zur Vertrauten aller seiner Unternehmungen und Lebensverhältnisse und dochdoch ist es mir oft, als läge zwischen mir und seiner Liebe eine Kluft von unermeßlicher Weite!

D. Fels. Was ihr jungen Weibchen doch nicht alles verlangt! Er sinnt vielleicht über wissenschaftliche Fragen nach. Steht er nicht auch in einer schwierigen amtlichen Stellung? Da gibt es Verdruß auf dem Bureau, kleine Anfeindungen, kleine Aufhetzungen– nun ist er wieder hieher in seine Vaterstadt versetzt, denkt an alte Zeiten zurück–

Julie (schnell). Meinen Sie nicht, daß ihn vielleicht eine frühere Schuld –

D. Fels (abweisend). O!

Julie. Drückt sein Gewissen etwas?

D. Fels (lachend). Ein zweiter Eugen Aram! Nein, nein, Frauchen, 149 (lachend) ein Mord liegt nicht auf seiner Seele, Schulden auch nicht – o, wer wird denn mit solchen Grübeleien einen Mann quälen, der sich zusammennehmen muß, um die Aufgabe seines Lebens –

Julie (schnell). Nie hab' ich ihm etwas gesagt. Aber Sie, Doktor, Sie, dessen Großmuth er die Mittel verdankt, seinen Geist auszubilden, Sie, der Sie nach dem Tode seiner armen Aeltern wie ein zweiter Vater an ihm gehandelt haben, Sie sollten sich meines geängsteten Herzens annehmen und es versuchen, in sein Inneres, vielleicht in ein Geheimniß zu dringen!

D. Fels. Recht gern, lieb Weibchen, recht gern! Aber geben Sie Acht, wenn ich ihm rathe, täglich sich mehr Bewegung zu machen und des Morgens ein Paar Gläser frischen Wassers zu trinken, so werden die Gespenster, die Sie sehen, bald verscheucht und gebannt sein. (Man hört Geräusch nebenan.) Da, Ihre Gäste erheben sich. (Die hintere Thür' wird geöffnet.)

Julie (im Abgehen nach rechts). Also, Doktor, ich rechne auf Sie! Schieben Sie es nicht später, als höchstens bis morgen auf! (Ab.)

150 D. Fels. Verlassen Sie sich auf mich! (Allein) Unnütze Bedenklichkeiten! Ich habe wohl etwas auf dem Herzen gegen ihn (daß er den Adel annahm!) aber hätte er etwas, ich wüßt' es längst. (Ab nach links.)

Fünfte Scene.#

Die aus dem hintern Zimmer hereintretenden Herren sind im Begriff Abschied zu nehmen und trinken zum Theil noch Kaffee. Außerdem Baron

Fresco (noch im hintern Zimmer, dessen Schwelle er eben übertreten will, zu einem ihm Kaffee präsentirenden Bedienten). Danke recht sehr! (Im vordern Zimmer) Trinke nach Tische niemals Kaffee –

Rapp. Sie wollen sich den Nachgeschmack nicht verderben, Herr Baron.

Fresco (vertraulich zu den Uebrigen der Voranstehenden). Nun, das muß aber doch wahr sein; wir haben vortrefflich gegessen– Austern in Champagner – die 151 deliziöse Trüffelsauce zu dem Capaun – Ich weiß nicht, ich fühle mich in dem Hause so heimisch–

Falke. Es hat so etwas Ungezwungenes –

Fresco. Ungezwungenes? – Darum genirten Sie sich auch nicht, mir von dem Hecht das schöne Mittelstück vorwegzunehmen– (drohend) Commerzienrath!

Falke. Nun, wir revangiren uns ein Andermal. (Sich umsehend) Wie neu und elegant Alles hier ist! Man sieht, daß die Eltern was hergeben können.

Mehlhose. Viel silberne Aufsätze, Armleuchter, auch hübsche Livree – das ganze Gepräge ist massiver als seine Herkunft–

Rapp. Dem Herrn von Mehlhose hat er nicht Ahnen genug –

Falke. Er ist ja überhaupt von Geburt ein Bürgerlicher; aber gegen den alten Hugenottischen Adel seines Schwiegervaters, der ihn durch den König auf seinen Eidam übertragen ließ, werden Sie schwerlich etwas einzuwenden haben? –

152 Fresco. Wie kann man sich darüber streiten? Nennen Sie mir einen Assessor, der bei 500 Thalern Gehalt zum Dessert dreierlei Eis geben kann! Wenn's ja einmal eine Einladung gibt – Thee und Butterbrod!

Rapp. Und höchstens eine Vorlesung dazu!

Falke. Wie bei dem Regierungsrath – da – bei der Allee – wie heißt er doch? –

Fresco. Ach, Lerchendorf? Wo zwischen jede Tasse Thee immer drei Gedichte kommen? Bin grade kein so großer Feind vom Vorlesen; nur muß es nach, nicht vor dem Essen kommen. Wenn sie so den Tasso von – von – Schiller (die Andern lachen) vorlesen – Gott, es verdaut sich recht nett dabei.

Falke. Ich breche auf – gehen Sie mit, Baron?

Ref. Fels (heiter und jovial dazwischen tretend). Schon so zeitig fort, Herr Commerzienrath?

Falke. Sie, junger Sausewind, haben freilich keine Zeit zu verlieren. (Sieht nach der Uhr.) Um acht Uhr kommt die Hamburger Post. (Ab.)

153 Ref. Fels (ihm nachrufend). Das Korn soll ja in England sehr hoch stehen. Kaufen Sie brav auf? So ein Hamster von Kornwucherer! (zu Fresco) Sie, Herr Baron, sind ein Menschenfreund.

Fresco. Ich weiß nicht, Herr Fels; Menschen? Ich ziehe Trüffeln vor. Apropos, Herr Referendar, ich dank' Ihnen für Ihre Unterschrift. Kommt da ein Mensch zu mir, will gelernter Koch sein und hat grade kein Engagement. Sag' ich ihm: Nun, ich will Unterschriften sammeln und riskiren wir einmal ein Probe-Diner. (Zieht eine Liste heraus.) Schon eins – zwei, drei – sechs und zwanzig Couverts. Er hat eine neue Sauce à la Truffaldino versprochen; soll mich doch wundern, ob man ihn wird empfehlen können. Liefern muß er Entree von Pasteten en coquille; dann filet de boeuf mit gefüllten Krebsscheeren und einem Ueberguß von Maderasauce, dann Froschschenkel, eine Schüssel en papillote, die andere à la financière; ein Ortolan à la Cartouche, mit einer leisen Ahnung von Assa foetida – Essen – Essen – meine einzige Leidenschaft; aber gut essen, sehr gut – lieber – etwas mehr! (Ab.)

Ref. Fels. Wär' das Geschmeiß nur endlich fort, daß ich mich mit voller Seele an die Brust meines alten Freundes 154 werfen könnte! Hätt' es, als wir zusammen oft in Heidelberg vor Ungeduld den Wechsel nicht erwarten konnten, nie geahnt, daß er, noch so jung, in einem solchen Ueberflusse schwelgen sollte. Jetzt gehen sie.

(Heinrich ist inzwischen im Hintergrunde erschienen und entläßt die sich Empfehlenden mit viel Anstand und Freundlichkeit. Allmälig wird es leer.) 154

Sechste Scene.#

Heinrich. Fels.

Heinrich (freundlich aber gelassen seine Hand schüttelnd). Mein lieber, guter Fels!

Ref. Fels. Ein Fels im Meere, unerschütterlich! Du glaubst nicht, Heinrich, wie glücklich es mich macht, Dich so wiederzusehen! Reich, allen Deinen Mitstrebenden im Range voran, geadelt, ein herrliches Weib, blühende Kinder – aber Du verdienst es; denn Du warst immer der Erste und wie lange dauert's, bist Du Chef einer Regierung.

Heinrich. Für meine Dienstzeit und die jetzigen Verhältnisse hab' ich es weit genug gebracht. Tummle Dich nur auch; Du wirst nicht zurückbleiben.

155 Ref. Fels. Seit fünf Jahren Referendarius! Ich mache mir nichts daraus. Was mir mein Vater gibt, reicht hin, mir alle kleine Suiten – (lachend) höre, Du bist doch kein Duckmäuser geworden?

Heinrich (gelassen lächelnd). Ich denke noch immer mit innigster Freude an unsere akademische Zeit zurück.

Ref. Fels. Hättest Du sie nur besser genossen! Wir waren Haupthähne; Du mehr unter den Büchern, ich unter den Weibern.

Heinrich. Bist Du nicht endlich auch gefesselt worden?

Ref. Fels. Gott behüte! Man sieht wohl 'mal einen Mädchenkopf, den man von den Augen nicht wieder wegbannen kann; aber dieses Freien, dieses Rennen und Laufen, dies Blöde- und Verhimmeltthun – ich begreife nicht, wie manche Männer die Geduld haben, den Seidenfaden einer ersten Bekanntschaft sieben Jahre lang auszuspinnen, bis endlich die Schnur fertig ist, an der sie die Ehe strangulirt. Nein, ich werde mich ohne Zweifel einmal verlieben, bin es vielleicht schon; aber soll auf ein solches rosiges Verhältniß die Dornenkrone der Solidität gesetzt 156 werden, dann schick' ich meinen Vater ab. Glaube mir, die Romantik ist immer mehr im Absterben begriffen und es gibt weit mehr Paare, die sich lieben, weil sie verheirathet sind, als solche, die sich verheirathen, weil sie sich lieben. (Sich umsehend, leiser) Du hattest ja auch früher so ein Mondschein-Verhältniß?

Heinrich (eben so). Hast Du nie mehr etwas von Marien erfahren?

Ref. Fels. Ich weiß nicht, die Alten sind ja wohl, glaub ich, todt –

Heinrich. So hört' ich, aber sie sollen ihr ein artiges Vermögen hinterlassen haben.

Ref. Fels. Das nicht! (Sich besinnend) Nein – nein – nein – im Gegentheil – was hört' ich doch?

Heinrich (ängstlich). Sie wäre hülflos, während ich im Ueberfluß schwelge? Ich bitte Dich, Fels, weißt Du nichts Genaueres darüber?

Ref. Fels. Es gäbe einen schönen Spaß, wenn Ihr Euch einmal 157 wieder in den Wurf kämet! Gott sei Dank übrigens, daß aus der Geschichte nichts geworden ist –

Heinrich (nachsinnend). Ich hab' ihr die schönsten Jahre meiner Jugend geopfert.

Ref. Fels. Was kommt aus solchen Erstlingsversuchen heraus? Ich freue mich, was Du jetzt für ein herrliches Weib hast.

Heinrich. Ich bin in den glücklichsten Verhältnissen – (forschend). Weißt Du denn gar nicht, wie es mit ihr eigentlich steht?

Ref. Fels. Du weißt, Heinrich, ich habe sie nie gesehen – Gott, wie werden auch mit den anschwellenden Fluthen jedes Tages solche alte Dinge bei Einem weggeschwemmt! – Ich hörte nur, daß Deine Briefe, glaub' ich, seltner würden, und daß Du sie zuletzt so– was man sagt, gewissermaßen – aufgegeben hättest –

Heinrich (wendet sich ab).

Ref. Fels. Ich bin nicht davon so unterrichtet, wie ich in diesem Augenblick wohl wünschte. Du weißt, ich war nie ein 158Gönner des Verhältnisses; Du wurdest Deinen Freunden dadurch entzogen – Du verzehrtest Dich! – Wenn es hieß: Heinrich, heut' reiten wir zu zwölf nach dem Jägerhaus – so seh' ich noch Deine Verlegenheit; da hattest Du mit ihr eine idyllische Wasserfahrt vor, oder es war Thee bei den Verwandten, oder Du mußtest mit der Flöte accompagniren, wenn sie ihre Kränzchen hatten. Ein Glück, daß Du Dich herausgerissen hast; denn die besten Köpfe hab' ich an solchen kleinen nüchternen Verhältnissen mit Seel' und Leib zu Grunde gehen sehen.

Heinrich (forschend). Sie soll oft Gelegenheit gehabt haben, sich zu verheirathen.

Ref. Fels (sich gutmüthig verwundernd). Sieh', sieh', was Dich die Sachen noch so interessiren!

Heinrich. Wenn ich auch recht that, andre Wege einzuschlagen, so hab' ich doch die Achtung noch vor mir selbst, daß ich über meine schönste Jünglingszeit nicht den Stab breche, sondern die heilige Bedeutung ehre, die für mich jene Erinnerungen behalten werden. War jene Liebe eine Schlacke, so barg sie das edelste Metall meines damaligen Geisteslebens, und wer weiß was ich geworden wäre, hätte ein schönes sittliches Verhältniß nicht damals, wie 159 der Arm eines Engels, mich von Abgründen fern gehalten, in die ich später (mit ernstem Sinnen) nur zu tief hinuntersank!

Ref. Fels. Geh weg! Abgrund?! Wie eine Perle im Abgrund des Meeres! Ich wünschte, ich läge so, wie Du, darin.

Heinrich. Ach, mein Freund! Wenn Du Alles wüßtest, was in mir schläft –

Ref. Fels (ihm näher tretend und besorgt). Heinrich?

Heinrich (erregter). Nicht schläft, nein träumt – nein, auch träumen nicht; ach, es steht oft wie leibhafte Wirklichkeit vor mir und ich muß mich mit gedankenlosem Selbstvergessen dem nächsten Augenblick in die Arme werfen, um nicht rasend zu werden.

Ref. Fels. Jordan, ich war Dein Freund, ich bin es noch, und ich dächte, Du hättest Proben, wie ich Dich lieben kann. Hast Du mir etwas zu vertrauen?

Heinrich (grübelnd). Nein, Herrmann, nein – nein – Du weißt ja, ich bin ein Träumer, war's von jeher und werd's wohl bleiben.

160 Ref. Fels. Auf mich, Bruder, kannst Du rechnen. Ich werde Dir, heute ist's zu spät und Du sehnst Dich zu den Deinigen hin – (vertraulich) Manches über Deine hiesige amtliche Stellung mittheilen. Du weißt, ich bin ohne Ehrgeiz und wer die Augen nicht immer nach oben hin hat, der sieht neben sich Manches, was Andern entgeht. Nimm Dich nur gleich vor dem Schleicher, dem Assessor Wolf in Acht. Das ist so Einer, der sich schon auf der Universität durch Angebereien und solche Heldenthaten einen Namen gemacht hat; ließ sich in Verbindungen einschreiben, um hinter Geheimnisse zu kommen; ließ sich nicht selten auch mitfangen, wurde aber nie mitgehangen. Kennst Du noch solche Vögel? Er wohnt über Dir; deßhalb warn' ich Dich vor ihm zuerst! Nun, leb' wohl, lieber Bruder. (Komisch vertraulich) Hör' mal, man trinkt vortrefflichen Wein bei Dir. Teufel, nein, da merkt man, daß Deine Schwiegereltern in den Rheinprovinzen wohnen. (Ihn schnell umarmend) Adieu, guter Junge! (Sieht seinen Siegelring, ernst) Ist das Dein neues adeliges Wappen? Früher siegeltest Du mit einem flammenden Herzen, durchbohrt von einem Pfeile. Jetzt ist es ein flatternder Helmbusch, Lilien im sterndurchwirkten Felde und Rittersporen. (Pause. – Herzlich) Laß uns Freunde bleiben für die Ewigkeit! (Ab.)

161

Siebente Scene.#

Jordan. Dann Max, Karl und Julie.

Jordan (sinnend; setzt sich das Haupt auf eine Stuhllehne stützend, tief aufseufzend). Zu früh – zu früh hat der Geier des Ehrgeizes an meinem Herzen genagt und mich für die Opfer blind gemacht, die ich meinen glühenden Idealen in die grausamen Molochsarme legte. Nun höhnen mich die Streiflichter des Reichthums, der mich umgiebt; die Leiter der Auszeichnungen, die ich erklomm, wankt unter meinen Füßen und ich erschrecke vor den Erinnerungen, die aus einer wild bewegten, aber unendlich schönen Zeit in mein einsames Innere herüber klingen. Vergessen – o! – einst konnt' ich's so gut und jetzt – möcht' ich den Lethestrom austrinken – ich kann es nicht. Jeder Baum, den ich auf dem Schauplatz meiner Jugend jetzt wieder hier begrüße, flüstert mir mit ängstlicher Vertraulichkeit vergangne Leiden und vergangne Seligkeiten zu. Da – dort– überall hab' ich einmal gestanden und von Dingen geträumt, die damals mein ganzes Sein erfüllten und nun aus dem Grabesschutt der Vergangenheit wie mahnende Gespenster winken – (bleibt eine Weile mit den Händen auf den Augen in ängstlicher Stellung so stehen, dann lauschend nach rechts) Horch! Es sind meine Kinder! 162 (Weich) Meine holden Kinder; mein gutes Weib! Wie ihre Töne so lind auf meine geängstigte Seele wirken. Gott, ich bete zu Dir! Du wirst mir Ruhe geben.

Julie mit Max und Karl.

Max. Da ist der Papa.

Karl. Sind nun all' die Leute fort?

Heinrich (in seliger Erregung die Kinder aufhebend und sie küssend). Meine Kinder! Mein Max, mein guter Karl!

Julie (recht freundlich). Sie wollen dem Vater gute Nacht sagen!

Heinrich. Meine Julie! Euer bin ich. Ja, ja, ihr seid die Sterne meiner Lebensnacht, die Genien des Friedens und der Liebe!

Julie (betroffen). Heinrich, was hast Du?

Heinrich (außer sich). Frage nicht! frage nicht! Das Räthsel muß sich lösen. Wer spricht vom Kampf, wenn er den Sieg (Julien umarmend) in seinen Armen hält!

163

Zweiter Aufzug.#

Erste Scene.#

Elegantes Studierzimmer Jordans. Drei Thüren. Rechter Hand vom Schauspieler ein Büreau mit Scripturen und Büchern, die etwas wild durcheinander liegen. Ueber dem Büreau an der Seitencoulisse eine eingerahmte Stickerei (Blumenstück). Wolf. Julie.

Wolf. Nicht wahr? Wie ich Ihnen gesagt habe, Frau von Jordan. Die junge Dame ist mir mit Recht empfohlen worden. Sie ist die Tochter eines früher sehr bemittelten Kaufmanns. Man rühmte sie mir in dem Hause, wo ich sie sahe, als ein Wesen, das für die Erziehung der Jugend wie geboren scheint.

Julie. Dann wäre ja die Arme in manchen Fällen recht zu ihrem Unglück geboren. Ich habe mich über die rücksichtslose 164 Art, wie man in manchen Häusern Erzieherinnen begegnet, oft entrüstet. Bei uns wird sie wie in ihrem älterlichen Hause sein. Da sie in der That die Liebenswürdigkeit besitzt, von der Sie sprachen–

Wolf. Nur was ich Andern nachspreche –

Julie. Ich werde sie wie meine Schwester halten. Mir fehlte ein weibliches Wesen, das mir an der Last und Sorge für unsern nicht kleinen Hausstand ein wenig tragen hilft. Und, wenn sie mein Vertrauen verdient, wie oft kommen nicht selbst Fälle vor, wo man sich recht nach Mitwissenschaft einer vertrauten Freundin sehnt –

Wolf. Ich freue mich schon, wie früh sie Ihre liebenswürdigen Kleinen (Sie haben doch zwei herrliche Kinder!) in die Elemente des Wissens einweihen wird.

Julie. Die Kenntisse der jungen Dame werd' ich zu schätzen wissen; allein an ihrem Gemüth, an ihrer Seelengüte und sittlichen Ausbildung ist mir weit mehr gelegen. Ich dank' Ihnen also nochmals. Und lassen auch Sie, lieber Assessor, sich öfter bei uns sehen. Wir wohnen uns so nahe und ich höre, daß Sie die Abende immer 165 auswärts zubringen. Nehmen Sie öfter Theil an unserm kleinen häuslichen Zirkel!

Wolf. Ich werde nicht ermangeln, Frau von Jordan! (küßt ihr die Hand.) Ich wüßte kein Haus, das mir bis jetzt angenehmere Stunden verschafft hätte, als das Ihrige. (Ab.)

Zweite Scene.#

Julie. Dann Heinrich.

Julie. Ich denke, auch auf Heinrich wird die Nähe eines in so hohem Grade gebildeten Frauenzimmers sehr wohlthätig wirken. (Sieht auf seinen Tisch.) Wie wild hier Alles durcheinander liegt! War sonst seine Art nicht. Für Jedes hatt' er ein Fach und nie durft' ich ihm daran räumen. Jetzt würd' er es kaum merken, wenn ich ein wenig Ordnung hineinbrächte. (Sieht den Deckel eines Buches) "Mein Tagebuch. Angefangen – " Sieh', er hält sich jetzt ein Tagebuch. Sonst sagt' er, ich wäre sein Gedächtniß, mir vertraue er an, woran er sich in spätern Jahren gern einmal wieder erinnert sähe! Er ist von seiner kleinen Dienstreise heut' ganz so verstimmt wie früher 166 zurückgekehrt. Wenn nur der würdige Mann, dem ich mich anvertraute, bald etwas ausrichtet! (Sieht nach der Stickerei.) Immer mehr verblaßt die schöne Stickerei. Er hat mir nie ein Hehl daraus gemacht, daß es das Geschenk einer früheren Geliebten ist. Ich habe dazu gelacht, denn welche Frau (schmerzlich lächelnd) kann sich wohl rühmen, daß sie ihres Mannes erste Liebe ist! Nun sind (auf das Bild sehend) die Rosen und dunkelglühenden Nelken auch blässer geworden; wer weiß, wann in seinem Gedächtniß auch ich, auch meine Liebe verwelken wird!

(Heinrich tritt ein.)

Julie. Lieber Heinrich, da Du nichts dagegen hattest, so hab' ich dem Herrn Wolf nun wirklich festen Auftrag gegeben –

Heinrich (gelassen, aber zerstreut). Worüber denn?

Julie. Wovon wir schon früher sprachen. Wolf empfahl uns ja für die Kinder –

Heinrich. Ja so! Liebe Julie, Du weißt, in solchen Dingen gebe ich Dir ganz freie Hand.

167 Julie. Doktor Fels ließ im Vorbeifahren sagen, er wolle einige Augenblicke bei Dir vorsprechen. Du bleibst doch zu Hause?

Heinrich. Ja.

Julie. Lieber Heinrich, ich habe einige Gegenbesuche zu machen; sollte sich das junge Mädchen Dir früher vorstellen wollen, als ich zurück bin, so nimm sie freundlich auf.

Heinrich (lächelnd aber passiv). Bin ich denn gegen Frauen so ungalant?

Julie. Du bist mein freundlicher, mein guter Heinrich! Hast Du den Eltern geschrieben? Schieb' es nicht so lange auf! Der Vater ist sonst noch früher hier, als Du ihm unsere Ankunft gemeldet hast. Die Eltern sind streng und haben andere Begriffe vom Leben, als Du, doch lieben sie Dich, ihren Doppelsohn, so innig. Nun unterhalte Dich mit Deinem guten Doktor und der Erzieherin Deiner Kinder! Sie ist weit gelehrter, als Deine Julie, die vor all' der häuslichen Noth und Arbeit immer nicht dazu kommen kann, all' die Schriften zu lesen, die Du ihr empfiehlst. Gieb nur Acht, Heinrich, nun kommen die langen Winterabende, da sitzen wir traulich zusammen, 168 Du erklärst mir das Schwierige, Du machst mich auf die Schönheiten der Dichter aufmerksam und führst mich in den Kreis Deiner tiefen Ideen ein. Da soll Alles, Alles besser werden: mein Lieber, Guter, Theurer! (Küßt ihn. Ab.)

Dritte Scene.#

Heinrich (allein). Armes Kind, Du ahnst meine Quaalen nicht. Dieses lästige Briefschreiben an die Eltern! Diese ewigen Betheurungen von Liebe und Dankbarkeit gegen Menschen, die in den lästigsten Vorurtheilen befangen sind! Schlimm genug, daß ich mich von ihnen zum Mann machen ließ; ich der ich Kraft genug besaß, meines Schicksals eigner Schöpfer zu werden. Fünf Jahre schlepp' ich das Joch – des Glücks, ja dies Glück unterwühlt innerlich meine Ruhe. Ich fürchte, ich werde vor der Zeit zusammenbrechen.

Konrad (durch die Thür' rufend). Eben ist Doktor Fels vorgefahren. Herr Assessor! (Ab.)

169 Heinrich (wirklich erfreut). Immer willkommen!

D. Fels (tritt ein). Guten Morgen, lieber Jordan. Heute nicht auf dem Büreau?

Heinrich. Guten Morgen, lieber Doktor. Ich war einige Tage verreist, auch glaub' ich, heut' ist keine Sitzung.

D. Fels. Dienstag? ei, ei – freilich –

Heinrich. Sieh', sieh', da hab' ich sie heut' versäumt. Gott, ich mache mir nichts d'raus. Die Maschine des Staats bleibt drum nicht stehen.

D. Fels. Sieh', ich dachte, Heinrich von Jordan hätte sich den Beinamen: Pünktlich, erworben.

Heinrich. Glauben Sie das nicht, lieber Fels. Ich bin für eine so geregelte Thätigkeit nicht geboren. Meine für die jetzigen Verhältnisse ziemlich beschleunigte Carrière verdanke ich dem Präsidenten, meinem Schwiegervater, dem Mi-170nister, seinem Bruder; durch Connexionen und Verwendungen bin ich das willenlose Geschöpf meiner Gönner geworden.

D. Fels. Nicht doch, Heinrich. (Legt Hut und Stock ab und greift nach einem Stuhl.) Sieh', sieh', ich habe das nicht glauben wollen. Bist wirklich ein Hypochonder geworden. Wer wird sich solchen Grillen hingeben? Komm', laß uns einmal ein vernünftig Wort zusammen sprechen!

Heinrich (nimmt einen Stuhl. Schmerzlich lächelnd). Hat man mich bei Ihnen verklagt?

D. Fels. Das nicht, Heinrich! Nein, nein, ich bemerkt' es selbst. War kürzlich ganz erstaunt bei Tisch. Diese Abwesenheit! Dieses Hinstieren auf einen Punkt! Dieses schmerzliche Lächeln, das immer um Deine Mundwinkel spielt – sag' mir nur, was hast Du denn?

Heinrich (erregter). Bemerkt man etwas an mir? Bin ich anders, als Sie mich kannten?

D. Fels. Mir thut Deine Frau leid. Sie ließ keinen Blick von Dir ab. Mensch, das fällt ja auf. Hast Du etwa häuslichen Kummer?

171 Heinrich. Nein.

D. Fels. Ist Dir in Deinen Dienstverhältnissen (leiser) etwas passirt?

Heinrich (gekränkt). Doktor!

D. Fels. Heinrich, das bekümmert mich. Ich sollte meinen, ich verdiente Dein Vertrauen. Du hattest sonst nie Hehl vor mir –

Heinrich. Mein würdiger Freund, Sie beurtheilen mich nach meinem früheren Wesen. Seit der Zeit, wo ich am Rhein lebte, wo ich meine Absicht, als Gelehrter zu wirken, mit dem Staatsdienste vertauschte, meinen sehr stolzen Schwiegereltern das Opfer brachte, einen von armen aber braven Eltern überkommenen bürgerlichen Namen mit ihrem adeligen zu verwechseln, seit der Zeit, wo ich, um in einem so bequemen Comfort zu wohnen, fortwährend von meinen Schwiegereltern abhängig bin – hat sich in meinem Innern viel, viel verändert.

D. Fels. Wegen dieser Dinge? Das kann ich unmöglich glauben. Sind das nicht alles Zufälle, wie sie keinem 172Menschen glücklicher können geboten werden? Wer würde Dich in unserm Staat empfehlen dürfen, wenn Du die Empfehlung nicht wirklich verdientest? Nein, nein, es ist etwas Andres, was Dich drückt.

Heinrich (sinnt vor sich hin).

D. Fels. Du schweigst, Jordan? Sprich Dich aus. Heinrich, sei aufrichtig gegen mich!

Heinrich (steht auf und geht leidenschaftlich auf und ab). Ja es ist noch etwas Andres – ich muß die Brust von ihren Fesseln lösen– ich muß die namenlose Unruhe, die mich foltert, vor mir sehen, den Gedanken, der in mir träumt, aussprechen, und den Grund meiner Verzweiflung endlich einmal wenigstens in Worten verkörpern.

D. Fels (aufstehend). Thu' es, Heinrich! Wie oft ist nicht das Geständniß einer Krankheit schon der Anfang zu ihrer Heilung!

Heinrich (ihn umarmend). Vor dem Vater meines einzigen Freundes, vor einem Manne von Ihrem Gefühle, von Ihrem weichen Herzen, 173 komm' ich nicht in die Gefahr, mißverstanden zu werden. Sie, Sie sollen mein Vertrauter sein. (Nach einigen leidenschaftlichen Schritten setzt er sich.)

D. Fels (sich gleichfalls setzend). Ich bin begierig, was Du mir zu sagen hast.

Heinrich (nach einer kleinen Pause). Doktor, ich hatte einen Jugendfreund, dessen geistige Entwickelung der meinigen sehr ähnlich war. Kaum neunzehn Jahre alt, machte er die Bekanntschaft eines jungen Mädchens aus einer achtbaren Familie, das damals kaum funfzehn zählte. Sie hatte eben die Pension verlassen, war weniger von ausnehmender Schönheit, als von eigenthümlichen Reizen, die Ihrem Auge, ihren schwellenden Lippen, ihrem dunkeln fast schwarzen HaareRitterdienst ihr nach und nach sein Inneres zu verrathen. Erst nach einigen Jahren fast täglichen und von den Eltern ge-174billigten Zusammenseins kam es zu einer Erklärung. Mein Freund war der Abgott seines Mädchens geworden, ja er war ihr dies im eigentlichen Sinne, da durch ihn die Welt, die Natur, die Geschichte dem Gegenstand seiner Liebe erst aufgeschlossen wurden. Er war ihr Alles. Hätte sie ihn verloren, sie wäre für die Schöpfung abgestorben gewesen, sie hätte das Leben, die Welt nicht mehr verstanden.

D. Fels. Das Verhältniß Deines Freundes bewegt Dich, Heinrich?

Heinrich. Und sie verlor ihn. (Pause.) Mein Freund war ein unruhiger Kopf. Tausend sich widersprechende Elemente gohren in seinem Innern. Er machte, von einem glühenden Ehrgeize getrieben, an das Leben abentheuerliche Ansprüche und suchte die Unruhe seines Geistes durch planloses Umherreisen zu beschwichtigen. Aus der Wirklichkeit glitt die Liebe nun auf das Papier – und das Papier ist der Fluch unsers Jahrhunderts. Mein Freund kam an den Rhein, wo – ich ihn kennen lernte. Mehre seiner Unternehmungen hatten grade damals einen glänzenden Erfolg. Man schmeichelte ihm. Man geizte nach der Ehre, ihn bei sich einzuführen. Man bot ihm Aussichten in eine Zukunft, die nicht bloß voller Verheißungen, sondern voll lachender Wirklichkeit waren. Er 175 lernte eine junge liebenswürdige Dame kennen, die unvorsichtig genug war, ihm eine glühende Neigung zu verrathen. Die Geburt derselben, der Stand ihrer Eltern und mehr als dieses, ihre wirkliche Liebe schmeichelten sich – seinem schwachen Gemüth mit so lachenden Farben ein, daß er seine erste Liebe – vergaß und im Strudel eines frivol-üppigen Lebens zur neuen Verbindung die Hand reichte.

D. Fels. Du spannst meine Neugier, Heinrich.

Heinrich (aufgeregter). Einige Jahre hindurch schien mein Freund in seinem neuen Verhältnisse sehr glücklich. Er wurde mit Auszeichnungen überhäuft, seine Frau, ein liebenswürdiges Geschöpf, betete ihn an, Kinder erweiterten den Kreis einer anscheinend glücklichen Häuslichkeit. Aber im Stillen fing schon ein Wurm an seinem Gewissen zu nagen an. So glänzend seine Verhältnisse sind, so ist er doch der Sklave derselben. Die Erinnerung, die er in sich tödten wollte, spiegelte sich in seiner Seele mit einer Frische wieder ab – (aufgeregt) mit einer Frische– die Vergangenheit taucht in seinem Gedächtnisse mit einer so entsetzlichen Lebendigkeit wieder auf –

D. Fels (für sich). Was überkommt ihn?

176 Heinrich. Sein ganzes Leiden hat sich auf sein Gewissen, auf seine Treulosigkeit geworfen. Und das ist die Rache dafür, daß die Erinnerung nicht sein Gewissen allein, sondern seine Phantasie zu beherrschen anfing. Von dem Gedanken an seine Aufgegebene, jetzt vielleicht Hülflose, fühlt er sich auf allen Wegen umschwebt, und so hold ist dieses Bild seiner Seele eingeprägt, daß es sich nicht in die dunkeln Schatten des Vorwurfs einhüllt, sondern in die alte liebe traute Freundlichkeit der Zeiten, wo er zu ihren Füßen saß, sein Haupt an sie lehnte und hinaufblickte in die Himmelsbläue ihrer Augen.

D. Fels (für sich). Es ist beängstigend –

Heinrich (in träumerischem Sichselbstvergessen). O, dann quollen oft, wie von bangen Ahnungen – aus ihnen große schwere Thränen – blieben in den langen schwarzen Wimpern eine Weile einsam hängen, und rieselten dann – während sie zu lächeln schien, über die Wange auf meine Lippen herab, die sie durstig auffingen–

D. Fels (erstaunt). Du?

177 Heinrich (sich besinnend und bezwingend). Mein Freund ist sehr unglücklich. Ich sehe ihn den armen Träumer oft an mir vorüber schleichen – wie er sich verzehrt. Er kann nicht schlafen– (feuriger) oder – ja – er kann es: aber er dürfte so, so nicht schlafen, so nicht träumen – wie er träumt. Kaum sind die Augenlieder geschlossen, so straft ihn sein schuldiges Bewußtsein dadurch, daß seine erste Liebe wie eine Zauberin ihn mit Träumen umstrickt, die ein Verbrechen gegen seine Gattin sind. Wird es ihm hier in der Welt zu eng, so flüchtet er sich, er kann nicht anders – wieder in das kleine Stübchen seiner Marie – ach, da steht der Rosenstock auf dem Fenster, da hüpft der gelbe kleine Vogel auf unsre Schultern, da hängen die kleinen Bilder, die sie zeichnete und die ich selbst in goldene Rahmen faßte, da lass' ich durch meine Finger ihre vollen schweren Locken gleiten – ich – ich –

D. Fels (aufstehend). Du, Heinrich?

Heinrich (sich erhebend, stark und außer sich). Ja, ich! Ich! Ich selbst! Verdamme mich, Welt, verdamme mich! Ich bin gefangen in diesen Erinnerungen; ich kann sie nicht bannen die aufsteigenden Geister der Vergangenheit; sie war mir zu golden, zu 178schön, diese verrathene Zeit der Jugend; ich kann nicht lassen von dem, was einmal mich beglückt hat: ich, ich bin es selbst. (Sinkt an die Brust des Doktors. Pause.)

D. Fels. Um Gotteswillen, Heinrich, wie Du mich erschreckt hast! Raffe Dich auf! Du solltest nicht die Kraft haben, solche Spiele der Phantasie von Deinen Augen wegzubannen?

Heinrich (tonlos). Ich kann es nicht. Es ist vergebens. Seit drei Jahren quälen mich diese Erinnerungen. Je mehr ich dagegen kämpfe, desto lebendiger umgaukeln sie mich.

D. Fels. Hätt' ich doch nie geglaubt, daß Du so unter der Herrschaft Deiner Einbildungskraft stündest! Schließe Dich an die Gegenwart mit ganzer Seele an und Du wirst vergessen, was hinter Dir liegt.

Heinrich. Ich hab' es oft versucht – es gelingt nicht.

D. Fels. Ich hörte nur früher von dem Verhältniß; Du hieltest geheim damit; solltest Du Dich wirklich so gefesselt haben, daß Du Dir eine Treulosigkeit vorwerfen mußt?

179 Heinrich. Sie trägt von mir den Verlobungsring.

D. Fels. So weit? Wie kamst Du aber darauf, sie preiszugeben?

Heinrich. Es war über mich ein winterliches frostiges Gedanken-Leben gekommen: eine kalte nach dem Blendenden und Witzigen haschende Frivolität verschneite den Frühling meiner Gefühle. Jetzt, wo ich dem Leben nicht mehr Trotz biete, thaut die Decke auf und ich sehe einen lachenden Reichthum grüner Lenzeskeime wieder aufblühen, die nun für mich verloren sind.

D. Fels. Besitzest Du nicht eine Frau, die Dich liebt und Deiner Gegenliebe würdig ist?

Heinrich. Sie ist die Mutter meiner Kinder.

D. Fels. O, mehr, mehr ist sie Dir!

Heinrich. Ich werde mein Weib nie betrüben –

D. Fels. Sonst aber warst Du ein Philosoph. Heinrich, Du wußtest Dich zu beherrschen.

180 Heinrich (mit banger nach Festigkeit ringender Stimme). Verlassen Sie sich darauf, Fels – nie – nie – Gott ist mein Zeuge – werd' ich mein Weib betrüben; verlassen Sie sich darauf. (Weich) Aber, es hat mir doch so unendlich wohl gethan, daß ich endlich eine Brust gefunden, in die ich mein Herz ausschütten konnte.

D. Fels. Und gewiß, das schon wird der Anfang zur Heilung sein. In Dichtungen liest man wohl von der unwiderstehlichen Macht der ersten Liebe: aber wir in unsern praktischen Verhältnissen! Reiß Dich von dem Gedanken los!

Heinrich. Ich reiße mich los! Ja, nun wage ich es, da ich ein Herz kenne, das meine Leiden versteht und wo ich im Spiegel meiner Reue wagen kann, mich selber wieder anzublicken.

D. Fels. Solche Fälle kommen ja heut' zu Tausenden vor. Mache nun nicht mehr die Einsamkeit zu Deiner Vertrauten, sondern jetzt, wo Du Dein Herz erleichtert hast, tritt unbefangen und freundlich Deiner Gattin entgegen.

Heinrich (ruhiger). Gab sie Ihnen einen Auftrag, mich auszuforschen?

181 D. Fels. Sie klagte über Deine öftere Verstimmung. (Jovial) Ich werde nun natürlich eine Ausrede brauchen müssen. Sei heiter! Mach' Dir Bewegung, Heinrich. Es ist ja nichts, als rein eine Phantasie, die aus dem Blut entsteht. Was ist da nun weiter? Hin ist hin. Adieu, Heinrich. Ich denke, ich treffe Dich morgen ganz beruhigt. (Im Abgehen) Laß die Todten ruhen und beherzige was Schiller sagt, nur der Lebende hat Recht! (Ab.)

Vierte Scene.#

Heinrich. Dann Konrad.

Heinrich (allein). Ich will es versuchen – ja, ja – ich fühle mich erleichtert, nun ich mich endlich einmal aussprechen durfte. Das eben steigert ja Schmerzen so fürchterlich, wenn sie stumm sein müssen. Ich habe treulos gehandelt – was konnt' ich thun? Ich wollte mich dem Geist des Jahrhunderts in die Arme werfen und riß mich aus denen einer idyllischen Liebe los. Wenn man auch die Männer der Geschichte nimmt, wer weiß, wie Viele sich über Den, den Alle bewunderten, im Stillen zu beklagen hatten –– 182 Nur Eines könnte mich wieder in die ganze Unruhe meines Gewissens zurückschleudern, – –

Konrad (noch draußen). Den Augenblick. Ich will Sie dem Herrn Assessor erst melden. (Eintretend mit einem Aktenstoß.) Ist vom Büreau gekommen. Waren ja heut' nicht in der Sitzung, Herr Assessor? Ist ja Dienstag! Die junge Mamsell ist da –

Heinrich (in den Akten blätternd, sanft). Wer?

Konrad. Die neue Gouvernante wollte sich Ihnen vorstellen.

Heinrich. Ach so! – Mein Gott, wozu ist das jetzt nöthig?

Konrad. Die Kinder haben sich schon recht an sie gewöhnt. Soll sie wiederkommen?

Heinrich. Es ist so lästig. Ich bin grade nicht in der Stimmung– (setzt sich an den Schreibtisch) nun, führ sie herein!

Konrad (im Abgehen). Treten Sie nur beim Herrn Assessor ein! (Ab, indem er Marien die Thür' öffnet.)

183

Fünfte Scene.#

Heinrich (sitzt am Tisch und blättert ohne sich umzusehen in seinen Akten und notirt in ihnen). Marie nähert sich langsam dem Vordergrunde. Später Konrad.

Heinrich (ohne aufzublicken). Ich stehe Ihnen sogleich zu Diensten, Fräulein –

Marie (für sich). Mein Gott, welche Stimme!

Heinrich (wie vorhin). Nur einige kleine, dringend nothwendige–

Marie (in großer Angst die Stickerei erblickend; für sich). Wo bin ich? Mir wird so beklommen. Was seh' ich dort! – Der Kranz ist ja– von meiner Hand –

Heinrich (wie oben). Sie sollen ja neben einem seltenen Talent in Sprachen – Musik –

184 Marie (in höchster Aufregung). Allmächtiger Gott! Es ist Heinrich! (Zur Flucht gewendet).

Heinrich. So – so – (Steht schnell auf und spricht dabei mit Galanterie) Mein Fräulein! (Erkennt Marien und ruft erschüttert) Marie!

Marie (heftet einen rührenden von Freude und Schmerz bewegten Blick auf ihn).

Heinrich (wie vernichtet). So sehen wir uns wieder!

Marie (bedeckt mit ihrem Tuch, um die hervorstürzenden Thränen zu verbergen, schnell ihr Gesicht und will fort).

Heinrich (ergreift ihre Hand und hält sie zurück). Marie, bleibe! (Sie lange und seelenvoll betrachtend) So sehen wir uns wieder!

Marie (sich zusammennehmend). Herr Assessor – ich konnte nicht ahnen – daß – die Aufforderung – die an mich erging – mich in Ihr Haus –

185 Heinrich (sie noch immer mit trunknem Blick betrachtend). O, diese Töne! Diese Alphorntöne, mit denen der Sohn des Gebirgs, in seine Thäler zurückkehrend, das Heimweh-kranke Herz heilt!

Marie (wieder zur Flucht gewendet). Unter diesen Verhältnissen darf ich nicht –

Heinrich (sanft). Bleibe, Marie! Der Himmel selbst hat Dich mir zugeführt!

Marie. Ich beschwöre Sie – die Pflichten – die Sie gegen Ihre Gattin –

Heinrich (vertritt ihr den Weg).

Marie. Lassen Sie mich, Herr von Jordan!

Heinrich (bitter). Herr von Jordan!

Marie. Sie foltern mich, jetzt muß ich Ihr Haus verlassen – ich darf – ich kann nicht –

186 Heinrich (entschlossener). Dürfen! Das ist meine Sache. Können? (Schwärmerisch) Können, Marie? Warum willst Du entfliehen? Ergreife diesen überirrdischen Augenblick (ernst niederblickend) und vernichte mich mit Deinen Vorwürfen!

Marie (gefaßter). Erwarten Sie diese nicht von mir! Was Sie gethan und was ich gelitten, kann nicht in Vergleichung kommen. Wenn die Liebe die Natur des Magnets haben muß, so ist es nicht des Eisens Schuld, daß es abfällt, sondern die schwindende Kraft jener Gewalt, die es anziehn sollte. Jetzt – Jetzt – (sich losreißend) hab' ich keine Ansprüche mehr.

Heinrich (kräftig). Aber ich – ich habe Ansprüche an mich selbst. Marie, bleibe, bis ich für Deine Zukunft gesorgt habe, in unserm Hause.

Marie (sich wegwendend). Nimmermehr.

Heinrich. Deine Eltern sind todt – unser Verhältniß wurde Wenigen bekannt – wir werden nur zwischen uns Beiden 187 ein Geheimniß haben – Ich bleibe meinem Weibe treu, ich werde sie nie betrüben, aber glücklich sein, wenn ein vergebender Blick Deines Auges mein Gewissen beruhigt.

Marie. Geben Sie diesen Gedanken auf, der uns namenlosem Elende zuführen würde –

Heinrich. Ich habe Dich verrathen, ich habe Deine Zukunft verschüttet.

Marie. So können Sie's nicht wieder gut machen. Wie sollt' ich dastehen – ich darf nicht –

Heinrich. Du stehst arm und verlassen in der Welt – durch meine Schuld. In einer feierlichen Stunde hab' ich einst Deinen Eltern geschworen, Dich nie zu verlassen und ich verließ Dich, ich Undankbarer!

Marie (schwärmerisch). Die Welle reißt sich von dem Ufer los und stirbt im Ocean. Ich darf – ich kann nicht – (will fort).

Heinrich (sie entschlossen zurückführend). Marie, wenn Dir an dem Glück meiner Gattin etwas gelegen ist, wenn Du meinen Kindern den Vater 188 erhalten willst, wenn Du schauderst vor der Zerrüttung, in die mich die Dämonen der Schuld stürzen würden, wenn sie zur Strafe für mein Vergehen wieder die Leidenschaft meiner ersten Liebe entfesselten – so gibt es nur ein Mittel– Du bleibst.

Marie. Wie seine Augen rollen – seine Pulse fiebern – Heinrich – mäßige Dich, – beherrschen Sie Ihre Gefühle!

Heinrich. Ich werde mich beherrschen. Dies plötzliche Wiedersehen hat mich übermannt und Erleichterung kann ich nur in dem Gedanken finden, daß meine Gattin sich an Dich gewöhnt, Deine Freundin wird und wir einen innigen trauten Bund der Seelen schließen.

Marie. Sie irren sich, sie würde vor Gram vergehen –

Heinrich. Die Mutter meiner Kinder soll Alles erfahren, sie wird Deine Freundin werden –

Konrad (tritt ein). Gnädige Frau sind gekommen und erwarten Sie. (Ab.)

Marie. Gerechter Gott, jetzt nach dieser Entdeckung!

189 Heinrich (erst betroffen, dann lauschend). Ich höre sie. Geh' zu ihr, Marie! Sie ist edel und gut. Du wirst sie, sie wird Dich liebgewinnen. Zögre nicht, Marie! Geh': sie könnte kommen und meine Aufregung sehen. Du gehst, Marie? (Sie wehmüthig anblickend) Meine erste Liebe!

Marie (mit Thränen, gefühlvoll). Heinrich – (sich besinnend) ich gehe – aber rechnen Sie nicht, daß ich bleiben werde. Ich habe mich daran gewöhnt, Sie für todt zu halten und die Erinnerung an unsre Liebe nur noch wie die Blumen eines Grabes zu pflegen. (Sie geht langsam an die Thür' rechts).

Heinrich (ihr nachblickend, allein).

  • "Dich besäße doch mein Kummer
  • Meinem Leide lebtest Du!"

Ach! Auch das ist ein Trost, daß man seinen Gram nicht flieht und seinem Schmerz und seinen Thränen sich vermählt! (Pause. Nach der Wand horchend.) Da durchkreuzen sich jetzt die beiden Bahnen, durch welche der Ball meines Schicksals rollt! Suche nur, suche nur den Ton, in dem Du zu ihr reden willst! (Schmerzlich) Ach, wie kalt, wie vornehm spricht sie mit ihr! Können doch selbst die edelsten Gemüther nicht immer gleich den Ton 190 treffen, den sie gegen das Unglück anschlagen sollten! (Horchend) Nun– nun soll sie gar ans Klavier. (Man hört einige sehr zarte Accorde auf dem Klavier, die sich allmälig zu einer stürmisch-schmerzlichen Passage steigern.) Gott – was mußt Du leiden, arme Dulderin – Sie haucht in die Töne des Instrumentes ihre Schmerzen hinein! Ha, sie wirft sich dem Genius der Musik an die Brust, um ihre Gefühle auszutoben. – Wie wild! wie wild! – Stürme nur! Stürme nur! (Die Musik schweigt plötzlich. Erschrocken wie über etwas Dämonisches.) Eine Saite ist gerissen. Es rieselt mir ein kalter Schauer über den Nacken; (entschieden nach vorn) aber sie bleibt! (Erschreckend) Sie bleibt? – Wohin verirr' ich mich?–– Schwindelnd steh' ich an einem Scheidewege: Dort meine Pflicht, hier ein Schwur. (Sinnend) Dies plötzliche Wiedersehen– die Macht der Erinnerung – meine Jugendzeit – (Entschlossen) Mein Inneres spricht mich frei: ich entdecke mich meiner Gattin; sie selbst soll die Richterin meiner Gefühle sein. Die Welt mag mir einen andern Ausweg rathen; aber wem ein Herz im Busen schlägt, der wird mich verstehen, wie mich Gott versteht! (Ab.)

191

Dritter Aufzug.#

Erste Scene.#

Wohnzimmer im Hause Jordan's. Drei Thüren. Links ein Fenster. Rechts ein Tisch, auf dem Materialien zum Zeichnen liegen. Eine Klingel auf dem Tisch. Heinrich. Dann Konrad und Referendar Fels.

Heinrich (tritt in geschmackvollem Reitkostüm, mit Sporen und Reitpeitsche, den Hut auf dem Kopfe, in bester Laune aus der Thür' links). Konrad! Konrad! Wird's bald?

Konrad (tritt ein). Herr Assessor, den Augenblick. Christian hat sie schon beide aus dem Stall gezogen.

Heinrich. Nur die Sattelgurte nicht zu fest, damit die Thiere ausholen können! Und den Braunen für mich blos auf 192 Stangen, daß er endlich lernt den Kopf tragen. Für Fels die Minka, ganz wie immer!

Konrad. Sehr wohl, Herr Assessor! (Ab.)

Heinrich (allein, zieht freudig einen Brief aus der Tasche und erbricht ihn). Sie steckte mir's im Vorbeigehen in die Hand. Was wird's sein? Ich hatte noch nicht den Muth, mich meiner Frau zu entdecken und so die alte Klage: Fort! Fort! Seit den acht Tagen wo sie hier ist, muß ich's ja täglich hören. (Liest) Sieh' einmal! Dieser Wolf in Schaafskleidern! Schleicht dem armen Mädchen nach auf Flur und Hof, durch Feld und Garten, wo sie nur eben sich blicken läßt! (Liest) "Ich halte diese Lage nicht länger aus. Immer von dem Schmerz durchwühlt, wie tief ich Ihr edles, liebevolles Weib kränke – äußerlich beunruhigt von einem Manne, der mich nun schon seit fast einem Jahre mit den zweideutigsten Absichten verfolgt –" (Lachend) Seit fast einem Jahre! Und um sich den Fang leichter zu machen, hat er sie in's Haus empfohlen! Wart, wenn ich von meinem Ritt zurück bin, wollen wir doch ein ernstliches Wort zusammen sprechen, Herr Assessor! Welche Angst muß es für Rosen sein, wenn sie von einem grün und blau glänzenden, brummenden dicken Käfer so umschwirrt werden! Weiß ich doch 193 nun, warum ich in seiner Gegenwart immer das Fenster öffnen und mit dem Tuche etwas hinaus wehen möchte!

Ref. Fels (auch im Reitkostüm). Guten Morgen, Jordan! Weißt Du, was ich Dir für eine Neuigkeit bringe?

Heinrich. Nun?

Ref. Fels. Jetzt wollen wir noch einmal so heiter den Zügel schießen lassen. Es ist im Werke, daß Du binnen vier Wochen Rath wirst.

Heinrich. Endlich.

Ref. Fels. Endlich? Mensch, willst Du Alles im Sturme erobern?

Heinrich. Ich muß weiter – weiter – bis ich aus diesen Vorbereitungen zu einer freien, umfassenderen Thätigkeit, aus diesem collegialischen Wirken zu selbstständigen Schöpfungen im Staate komme. Sieh' Fels, dann bin ich erst in meinem Element. Gegenüber einem großen Ganzen, Ueberlebtes einreißen, Neues aufbauen, als Staatsmann, im höhern Sinne des Wortes, mein Vaterland mit dem 194 Jahrhundert vermitteln und jede gesunde ächte Frucht des Zeitgeistes vom Baum der modernen Erkenntniß pflücken – das ist mein Ziel, das ich zu erreichen fast ungeduldig werde.

Ref. Fels. Wenn Du solche Dinge im Kopfe hast, Heinrich, dann freilich mußt Du in jungen Jahren an's Ruder kommen, so lange Dein Enthusiasmus noch nicht verraucht ist. Sie wissen recht gut, warum sie da oben nur Leute (lachend) von einem gewissen, gesetzten Alter, Männer, die sehr viel Weisheit, aber auch schon stark das Podagra haben, hinstellen! Uebrigens freu' ich mich, Heinrich, Dich so heiter und lebenslustig zu sehen.

Heinrich. Seit acht Tagen bin ich ein andrer Mensch geworden.

Ref. Fels. Seh' ich mit Vergnügen. Kamst so mürrisch und kopfhängerisch hier an. Nun sieht man Dich in den Gesellschaften; Casino, im Theater, zu Pferde –

Heinrich. Ich habe nie in den Bügel steigen können, wenn mein Kopf nicht ganz frei, mein Gemüth jeder Sorge ledig war. Ich war geistig sehr, sehr bedenklich krank. Nun fühl' ich mich wie neugeboren und möchte alle Welt mit solcher Freundschaft an's Herz drücken, wie (ihm die Hand 195 schüttelnd) Dich, mein Herrmann. Nun, die Pferde warten. Weißt Du irgendwo eine Schöne?

Ref. Fels (grübelnd). Ich war gewohnt, immer durch eine Straße zu reiten –

Heinrich (lachend). Verliebt?

Ref. Fels (abweisend). Ach, verliebt! Ich halte die Ehe für einen Salto mortale, der nur dann gelingt, wenn man so wenig Vorbereitungen wie möglich dazu macht! (Mit der Reitgerte durch die Luft schlagend.) Ein Satz – und mitten drin muß man sein! Komm, ich weiß einige Fenster, wo acht Tage lang davon gesprochen wird, wenn ihre weibliche Garnitur von einem Herrn zu Pferde gegrüßt wird!

Heinrich (ihn im Abgehen neckend umfassend). Nein, nein, vor dem Fenster der Einen müssen wir vorüber.

Ref. Fels (sich im Abgehen losringend). Ach, Du machst mich schaamroth.

(Beide sehr heiter ab.) 196

Zweite Scene.#

Dr. Fels (mit Hut und Stock), Julie, treten rechts auf.

D. Fels. Nun, was verlangen Sie mehr? Zu meiner Verwunderung sehe ich im Hof gesattelt. Will ausreiten! Ist das untrügliche Zeichen der Genesung. Sehen Sie doch! (an's Fenster tretend) wie er im Sattel sitzt! Die edle männliche Gestalt! Wie kraftvoll er den wilden Gaul bändigt! So grüßen Sie doch; er nickt Ihnen ja in Einem fort.

Julie (grüßt mit passiver Freundlichkeit).

D. Fels. Ich glaube gar, nun fangen Sie an, den Kopf hängen zu lassen. Ist es noch nicht recht?

Julie (gedrückt). Mich kann diese Fröhlichkeit meines Heinrich nur sehr glücklich machen!

D. Fels. Nun äußerlich sieht man Ihnen davon nichts an. Was haben Sie denn, Frauchen?

197 Julie. Es muß wohl sein, daß ich an meinem Mann nur immer jene finstere Stimmung gewohnt war. Nun er plötzlich so heiter und lebensfroh geworden ist, kann ich mich wohl an den schnellen Wechsel nicht sobald gewöhnen.

D. Fels. So etwas muß es wohl sein. Denn sonst, Frau Assessor – nehmen Sie mir's nicht übel –

Julie. Ich bitte Sie, lieber Fels, was glauben Sie denn? Wenn mich etwas verstimmte, so wäre es höchstens, daß es einer bloßen Unterredung mit Ihnen, einer veränderten Lebensweise, und fast möcht' ich sagen, nur einer andern Diät bedurfte, um aus Heinrich's Gemüth eine Verstimmung zu entfernen, die mich Jahre lang unglücklich gemacht hat. Von wie geringfügigen Dingen hängen wir armen Frauen doch ab!

D. Fels. Alle Menschen – alle Menschen, liebe Frau von Jordan. Zur rechten Zeit ein Aderlaß, ein Bad, regelmäßige Bewegung – Sie glauben nicht, was man mit solchen Mitteln ungeschehen machen könnte. Die ganze Weltgeschichte würde eine andere Gestalt haben, wenn die Menschen in der Diät mehr Aufmerksamkeit auf sich selbst gehabt hätten.

198 Julie (wendet sich ab).

D. Fels. Ich glaube gar, Sie weinen. Sind Sie denn wunderlich, liebste beste Freundin! Haben Sie Ursache, traurig zu sein! (Aergerlich.) Da gibt es in der Welt ganz anderes Elend, das man mit Thränen vergebens wegzuschwemmen sucht. Wie sind Sie denn so närrisch!

Julie. Wahrhaft unglücklich sein, ist nichts gegen eine Lage, wo unter der grünschimmernden Decke scheinbarer Glückseligkeit der Boden wankt und Gefühle uns grade darum so beängstigen, weil wir nicht wissen, wo sie her kommen und wohin sie gehen.

D. Fels. Nicht meine Philosophie das! Wenn Sie noch sagten: Oft ist unser Glück so namenlos und überwältigend, daß wir unsre Seligkeit nicht anders, als durch Thränen äußern können. Was Sie da behaupten, das ist recht aus dem Treiben der jetzigen Gesellschaft hergeholt, die an allem Ueberdruß empfindet. Wohl dem, der nicht nöthig hat, in Kummer seine Nächte– zu durchwachen

Julie (mit sinnendem Ernst). Es müssen dies mehr, als man glaubt.

199 D. Fels. Nun, Sie doch wahrhaftig nicht? Ist jetzt Ihr Gatte wieder mit ganzer Seele gegenwärtig, wenn er Sie in seine Arme schließt, lacht mit Behagen, nimmt in der Gesellschaft am Wichtigen wie am Unbedeutenden gleich fröhlichen Antheil und nun stimmt es doch nicht!

Julie. Grade seine jetzige Heiterkeit hat Etwas, das mich ängstlicher anspricht, als früher seine Melancholie. Woher diese plötzliche Wiedergeburt? Warum verdankt er sie nicht meinem Zuspruch? Und so etwas Gereiztes, so etwas Krampfhaftes ist in seiner Fröhlichkeit; etwas, das mehr verwundet als erfreut.

D. Fels (lachend). Ist mir je eine solche Zergliederung des inneren Menschen vorgekommen?

Julie (entschiedener). Mögen Sie mich nun verurtheilen; ich kann nicht anders. Ich fühle mich unheimlich berührt von seinem Wesen. Er überschreitet in Allem die Gränzen, die Lust und Freude doch auch haben. Ich erschrecke über die Heftigkeit, mit der er die Kinder umarmt, über seine Ausgelassenheit, wenn er mit mir oder der Erzieherin, mit Marie –

200 D. Fels (abschneidend, ihr die Hand haltend und sie ansehend). Sind doch nicht wohl gar eifersüchtig?

Julie. Ich bitte Sie, Doktor! Aber – – unglücklich bin ich.

D. Fels (lachend). Hören Sie, ich will Ihnen etwas sagen: Wir Aerzte glauben an so Was von einer Materia peccans, d. h. an eine förmliche Stoffartigkeit der Krankheiten, die im Körper ihre Wanderungen und Spaziergänge hält. Wenn diese nun jetzt aus Ihrem Manne zu Ihnen übergesiedelt wäre! O, den Kopf oben behalten, Frauchen! Sollten's machen, wie er – ja, ja, ich spreche noch heute mit dem Stallmeister, Sie müssen Manége reiten – hilft Ihnen nichts – morgen führ' ich Sie auf die Bahn. Ihr Nervensystem hat um einen halben Ton nachgelassen – muß neu gestimmt werden– höher – höher – (Im Abgehen) hilft Ihnen nichts. Sie müssen Manége reiten. Ich halte selbst den Steigbügel. (Ab.)

201

Dritte Scene.#

Julie. Dann Konrad. Später Wolf.

Julie (setzt sich an den Tisch zum Zeichnen). Ein guter Mann; aber befangen in gewöhnlichen Anschauungen. Jeden Schmerz der Seele leitet er aus dem Blute her. Da wäre leicht geholfen! Ich muß nach Zerstreuungen greifen, um wenigstens auf Augenblicke von meiner Angst mich zu befreien. (Sinnend.) Er sagte neulich, ich sollt' einmal versuchen, Marien zu zeichnen. Er wollte damit mehr ausdrücken, als bloß eine Schmeichelei gegen mein schwaches Talent und die anmuthsvollen Züge des jungen Mädchens. Er wollte mehr sagen. Was er nur so drängt, daß wir uns an einander schlössen und zu einander Vertrauen gewönnen! Er sagte, jedes sich liebende Paar müßte einmal den Versuch machen, sich gegenseitig zu zeichnen. So würde man mit jedem Zuge des Andern vertraut und blicke durch das Auge in den Grund der Seele. Ach, (schmerzlich), ich sehne mich nach der Ankunft meines Vaters.

Konrad (durch die Thür' rufend). Herr Assessor Wolf!

202 Julie (steht auf).

Wolf. Lassen Sie sich nicht stören, Frau von Jordan; bleiben Sie, bleiben Sie!

Julie (zeigt auf einen Sessel). Nehmen Sie an meiner Seite Platz! (Setzt sich wieder.)

Wolf (holt einen Sessel). Ich wollte nur in Kürze meinen Morgengruß – Ei, sieh da, (auf die Zeichnung deutend) schon wieder im Wetteifer mit Raphael?

Julie (lächelnd). Kleine Gedankenspiele!

Wolf. O, bitte, Ihr letztes Gemälde auf der Ausstellung war ja fortwährend vom Publikum umringt –

Julie. Wahrscheinlich, um über die Unzahl von Fehlern, die ich gemacht, zu lachen.

Wolf. Zu bescheiden! Sie gehören ja gewissermaaßen auch der Düsseldorf'schen Schule an. Sieh, sieh, das wird ja das Bild der Demoiselle Winter.

203 Julie. Finden Sie eine Aehnlichkeit?

Wolf. Unverkennbar. Wollen Sie vielleicht dem Herrn Gemahl damit eine Ueberraschung machen?

Julie. Meinem Mann?

Wolf (tückisch). Ich meinte nur – es ist wirklich – wissen Sie, was er neulich in einer Gesellschaft – gesagt haben soll?

Julie. Sie machen mich recht neugierig.

Wolf (lachend). Hat seit einiger Zeit viel Humor, Ihr Herr Gemahl! –

Julie. Was sagte er denn?

Wolf (wie über etwas Spaßhaftes lachend). Er gliche dem Grafen von Gleichen, denn er hätte auch zwei Frauen.

204 Julie (die Augen niederschlagend und sich als Weltdame fassend). Ei, ei – ich dächte, er hätte an Einer genug. (Nach einer kleinen Pause steht sie leidenschaftlich auf und geht an's Fenster, als wollte sie dort etwas sehen.)

Wolf (während dieser Bewegung). Und schon um diese Eine hat die Welt ihn zu beneiden! (Aufstehend für sich) Es wirkt. Marie muß aus dem Hause. Dünkt sich sicher. Ich will ihr den Trotz benehmen.

Julie (am Fenster). Es ist nichts. (Rückkehrend) Ich glaubte etwas Bekanntes zu sehen. (Setzt sich wieder und streicht die Zeichnung mit einigen nicht zu heftigen Strichen aus.)

Wolf. O Sie vernichten ja – (Sich wieder setzend) ich sah meinen Collegen vorhin ausreiten. Es ist merkwürdig, wie sehr er seit kurzer Zeit sich gegen früher verändert hat.

Julie. Finden Sie das auch?

Wolf. Gar nicht mehr zum Wiedererkennen. Als Sie das Haus mietheten, was erschrak ich vor dem Anblick Ihres 205 Herrn Gemahls? Jetzt – wie lange kann es her sein? Ja, seit ich Sie wegen der jungen Dame zu sprechen das Vergnügen hatte – ganz ein Anderer geworden –

Julie. Die Unbequemlichkeiten der Reise hatten ihn etwas angegriffen.

Wolf. Das wohl, und Manches kommt hinzu; soll er doch neulich geäußert haben –

Julie. Ich erstaune, mit welcher Gewissenhaftigkeit Sie über seine Aeußerungen Buch führen. – Was sagte er denn?

Wolf. Das Leben müsse schöne Staffagen haben. Gemälde kaufe er sich jedoch nicht mehr, seitdem sich ihm in seinem Hause statt todter, so viel lebendige Anregungen seines Schönheitssinnes darböten. (Lacht.)

Julie. Finden Sie darin etwas?

Wolf. Nichts, nichts, gnädige Frau, als daß man Aeußerungen solcher Art von Ihrem Gemahl sich merkt. Ich bewundere ihn oft, wenn ich ihm im Garten begegne. Das Laub fällt schon ab, die Boskete, die Gänge werden 206 durchsichtig. Wenn er denn so einsam schreitet oder er verliert sich in Gespräche mit Demoiselle Winter –

Julie. Mit Marie?

Wolf. O, es ist ein schöner Zug seines Herzens, wie er die Liebe zu seinen Kindern in einer seltenen Aufmerksamkeit für die Erzieherin derselben verräth. Wie verpflichtet muß ich ihm sein – da ich die junge Dame in's Haus brachte. Hält er das liebenswürdige Wesen nicht wie seine Schwester?

Julie (in großer Aufregung sich erhebend, als wollte sie zur Rechten ab). Herr Assessor – Sie entschuldigen – einige kleine häusliche Geschäfte, die mich noch in Anspruch nehmen –

Wolf (will seinen Stuhl wegstellen). Ich bitte um Vergebung, wenn ich schon zu lange –

Vierte Scene.#

Konrad hereinstürzend. Nach ihm Heinrich (sehr blaß) und Ref. Fels. Die Vorigen.

Konrad. Erschrecken Sie nicht, gnädige Frau!

207 Julie. Um Gotteswillen, was ist?

Ref. Fels (Konrad hinausschiebend). Nichts – nichts – Was der alte Plauderer so vorschnell ist!

Heinrich. Nichts von Bedeutung – ich hatte das Unglück, mit dem Pferde zu stürzen.

Julie. Heinrich, Du erschreckst mich –

Ref. Fels. Er ist ja heil und gesund. Die alten Weidenstämme rechts am Wege vor dem Thor und die Windmühlflügel – immer werden dort die Thiere unruhig. Wir sind mit dem Schreck so weggekommen.

Heinrich (sich erschöpft setzend). Beruhige Dich, liebe Julie. Es hat nichts auf sich.

Wolf. Bedaure unendlich den Unfall. Sie werden der Ruhe bedürfen: ich habe die Ehre mich zu empfehlen. (Will fort.)

Heinrich. Bitte, Herr Wolf, bitte – ich wünschte Sie noch einen Augenblick wegen einer Angelegenheit zu sprechen –

208 Wolf. Mich?

Ref. Fels. Dann will ich nicht stören; ich habe Eile. Schone Dich, Heinrich, und rege Dich nicht auf. Dein Brauner hat eine kleine Contusion; das ist Alles. (Sich gegen Julien verbeugend) Gnädige Frau! (Gegen Wolf) Herr Wolf! (Pause. Ironisch) Soll ja schon wieder mit der Pensionscasse nicht richtig sein?

Wolf (erblassend). Wie so?

Ref. Fels. Ich meine nur, weil Sie die Revision haben. (Zu Allen) Empfehle mich bestens! (Ab.)

Fünfte Scene.#

Heinrich. Wolf. Julie.

Wolf (setzt sich). Sie machen mich neugierig, Herr von Jordan!

Heinrich (bekämpft seine Aufregung und ist sehr verstimmt). Herr Wolf, ich höre, daß Sie sich manchmal ein Geschäft daraus machen, zufällige Aeußerungen, die mir 209 im scherzhaften Gespräch dann und wann entfallen, aufzulesen, aus Schneebällen Lawinen, aus Mücken Elephanten zu machen, Herr Wolf?

Wolf (abweisend und auf Julie sehend). Herr von Jordan, ich bitte!

Julie (will gehen).

Heinrich. Bleib', liebes Kind, ich bitte Dich, bleib'! (Zu Wolf) Herr Wolf, Sie gehen etwas unvorsichtig mit der Ehre meines Hauses um –

Wolf (will aufstehen). Herr College!

Heinrich. Die junge Dame, die Sie uns empfohlen, scheint nicht geneigt, Ihnen auf die Art, wie Sie es wünschen, ihren Dank abzustatten.

Julie (will sich entfernen).

Heinrich. Liebe Julie, bleib'! Es ist eine Sache, die mehr Dich als mich angeht. Ich bitte Dich!

210 Julie (setzt sich wieder an ihre Zeichnungen. Für sich). An dem Ton, in welchem er von ihr spricht, will ich sehen, wie es mit ihnen beiden steht.

Wolf (aufstehend). Könnten wir nicht einandermal!

Heinrich. Herr Wolf, ich muß Sie sehr dringend ersuchen, zu bleiben! Es ist mir verrathen worden, daß Sie der Erzieherin meiner Kinder nachstellen!

Julie (für sich). Ihm!

Wolf. Nachstellen? Herr College!

Heinrich (aufgebracht aber sich bekämpfend). Die Dame ist nicht geneigt, Herr Wolf – verstehen Sie mich – unter keinerlei Bedingung – nicht geneigt –

Wolf. Wozu? Herr College!

Heinrich. Wirklich, Herr Wolf, gar nicht geneigt – Sie sind ihr so zu sagen, nicht genehm– zuwider sogar, Herr 211 Wolf– ich ersuche Sie daher – Sie verstehen mich wohl, Herr Wolf?

Wolf (indignirt aufstehend und als wollte er seinen Stuhl wegsetzen). Herr College –

Heinrich (aufspringend). Herr, der Satan ist Ihr College! (Julie zieht sich mit gemessenen Schritten in das Nebenzimmer zurück, dessen Thür' offen bleibt.) Wie können Sie sich unterstehen, einem Mädchen nachzustellen, das für Sie so unerreichbar ist, wie das Paradies dem Verbrecher! Wie dürfen Sie, eine welke Schlange der Verführung, zu einem Weibe hinaufblicken, das schon in Ihrer Atmosphäre ihr Herzblut stocken fühlt? Ich rathe Ihnen, Ihre Netze dahinauszuwerfen, wo Sie im Trüben fischen können.

Wolf (höhnisch zu der Seite hin, wo Julie abgegangen). Das hiesige Wasser, seh' ich, wird nun klar. Herr von Jordan, wie können Sie sich erlauben, gegen mich eine solche Sprache zu führen?

Heinrich. Darüber bin ich Ihnen keine Rechenschaft schuldig. Genug, daß ich Ihnen sage, ich verbiete Ihnen diese Bewerbungen.

212 Wolf. Mit welchem Rechte? Hat Sie das Frauenzimmer zu ihrem Vormund bestellt?

Heinrich. Ich, ich bestelle mich selbst dazu.

Wolf (boshaft). Nun, so halt ich bei Ihnen um die Hand der jungen Dame an?

Heinrich. Bei mir? Bei mir? Herr, was wollen Sie damit sagen?

Wolf. Sie verwickeln sich in Widersprüche, Herr von Jordan!

Heinrich (sich ganz vergessend). Sie wollen mir hier Schlingen legen? Sie wollen ein Wesen das Ihrige nennen, das die Götter für zu außerordentlich hielten und es selbst dem versagten – Für ein solches Weib muß man geboren sein, um ein Recht zu haben, sie vom Traualtar in des Lebens gemeine Wirklichkeit einzuführen. Man muß mit ihr gelitten, mit ihr gelacht, mit ihr geweint haben – und Sie, Sie wollen um diese von Gottes Meisterhand gezeichnete Landschaft einen schwarzen, wurmstichigen Rahmen legen, um 213 sie in Ihr Zimmer zu hängen – Herr, Sie machen mich lachen.

Wolf. Lachen Sie nur! (Auf das Zimmer nebenan blickend, ohne daß es Heinrich sieht.) Andern werden dabei die Augen übergehen.

Heinrich (exaltirt). Ein Freier in schwarzem Frack, mit gebranntem Jabot, Blumenstrauß auf der Weste, hintretend vor die Morgenröthe und mit ihr liebäugelnd bedeutungsvoll auf das Notariatsinstrument in der Rocktasche klopfend – (mit bitterstem Humor) Morgenröthe, willst Du mich? Morgenröthe, ich will Dich unter die Haube bringen – Herr, ich weiß nicht, soll ich lachen oder soll ich rasen?

Wolf. Ich würde mich an den Ausbrüchen Ihres Humors noch länger vergnügen; (auf Julie, die ganz vernichtet zugehört, zeigend) aber ich müßte fürchten, es auf fremde Kosten zu thun!

Heinrich. Verlassen Sie meine Schwelle!

Wolf. Ich werd' es thun, ich werd' es thun –, aber was Ihre Beleidigungen anbetrifft, (im Abgehen) so sollen Sie an mich denken!

214 Heinrich (sich umblickend). Sie wollen mir drohen?

Wolf (an der Thür). Sie sollen an mich denken.

Heinrich (ihm nach). Ich fürchte von Ihnen nichts, als daß Sie einen Kirchenraub an einem Weibe begehen, das ich, ich beschützen werde (ihn hinausdrängend, während Julie wieder erscheint). Bestehlen Sie die Wittwen, die Waisen, bestehlen Sie die Menschheit: aber lassen Sie dem Himmel, was vom Himmel stammt. (Er wirft die Thür' hinter ihm zu.)

Sechste Scene.#

Heinrich. Julie.

Julie (die in der vorigen Scene mit tiefstem Schmerz die Theilnahme ihres Mannes für Marie wahrgenommen hat, tritt heraus. Mit zitternder Stimme). Heinrich, seit ich Dich sahe, hätte ich nie glauben mögen, daß ein Augenblick kommen könnte, wo sich 215 zwischen uns die Erde zu einer so unermeßlichen Kluft auseinanderspaltete, daß sich auch nicht einmal eine Brücke mehr darüber schlagen ließe. Diese Scene trennt mich zwar nicht von dem Vater meiner Kinder, aber sie lös't das Band welches mich bisher an das Herz des Geliebten fesselte.

Heinrich (für sich). Ich verrieth mich. Jetzt gesteh' ich ihr Alles. So geht's in Einem hin.

Julie. Ich war gefaßt auf kleine Wolken am Horizont unsrer Ehe. Auf tiefe Nacht aber, (weich) auf den Verlust Deiner Liebe war ich's nicht.

Heinrich (zart). Liebe Julie!

Julie (wieder sich sammelnd). Schlage nicht mehr Töne an, die ihren versöhnenden Schmelz für mich verloren haben. (Sich steigernd) Seitdem ich sahe, wie es mit feurigen Engelzungen über Dich kam, als Du die Wonne eines Besitzes maltest, die ich – ich Dir nie gewähren konnte. – (Vernichtet) O Gott, was hab' ich hören müssen!

216 Heinrich (ruhig und sanft). Liebe Julie, jeder andere Mann in meiner Lage würde Dich jetzt zu trösten, Dir einen Verdacht auszureden suchen –

Julie (einfallend). Und nicht einmal Beruhigung hättest Du?

Heinrich (zart). Sieh, mein Kind, ich habe einen so felsenfesten Glauben, diese Scene werde versöhnend zwischen uns enden, daß ich sogar den Muth habe, zu den Besorgnissen, die so eben auf Dich einstürmen, noch etwas zu fügen, was bei Andern die Gährung überschäumend machen würde, bei Dir aber, nach ruhiger Ueberlegung, sie niederschlagen wird.

Julie (außer sich). Noch mehr? Noch mehr?

Heinrich. Eine Thatsache mehr, aber eine Besorgniß weniger. (Zwingt sie auf ihren Stuhl nieder und rückt zu ihr dicht heran.) Julie! Du kennst über meinem Schreibtisch die ausgeblaßte Stickerei? – – Sie ist von Mariens Hand.

Julie (will vom Stuhle auf). Von Mariens Hand!

217 Heinrich (mit einigem Nachdruck und sie fest haltend). Höre mich! Höre mich! (Sanft) Du warst eben Zeuge, daß Marie nur auf Veranlassung dieses Menschen, der ihr nachstellte, in unser Haus gekommen ist. Als sie den Vater der Kinder, die sie erziehen sollte, in mir, ihrem frühern Geliebten, erkannte, wollte sie fort. Ich zwang sie zu bleiben. (Julie will wieder auf.) Julie, prüfe mit Besonnenheit! Gib Dich keiner vorschnellen Leidenschaft, keinem unbegründeten Verdachte hin; Julie, Du willst nicht hören? (Julie hat sich losgerungen und geht zitternd auf die andere Seite.)

Julie. Ich weiß nicht, leb' ich denn noch.

Heinrich (ihr ruhig nahe tretend). Ich will Dir erst äußere Gründe für meinen Entschluß sagen. Marie ist arm. Sie steht allein da in der Welt; sie mußte sich ihren Unterhalt in den Häusern andrer Leute suchen.

Julie. Du hättest ihr von unserm Ueberfluß geben, hättest sie ohne mein, ohne ihr Wissen durch eine dritte Hand unterstützen können –

Heinrich. Nein, Julie. Sie ist zu stolz, um Gaben anzunehmen, deren Ursprung sie nicht kennt.

218 Julie. Und ich bin zu stolz, die Herrschaft in meinem Hause mit einer Andern zu theilen –

Heinrich. Die Herrschaft im Hause! Ich dachte, Dein Walten und Schaffen wäre nur meinem Glücke geweiht –

Julie. Und um dies zu erhöhen, soll ich ein Wesen in meiner Nähe dulden, das, ich hört' es ja, wieder die ganze Gluth Deiner Leidenschaft entzündet hat.

Heinrich. Ich liebe Dich, Julie. Ich würde meine künftige Seligkeit zu verlieren fürchten müssen, wenn ich Dich, meine Gattin, je in einem ihrer Rechte kränken und zurücksetzen wollte. Aber ich beschwöre Dich, denke Dich mit Besonnenheit in meine Empfindungen hinein und Du wirst finden, daß ich schuldlos dastehe.

Julie. Traue mir keinen Heldenmuth zu! Traue mir nichts zu, als die Schwäche des Weibes; ich will riesenstark in meiner Schwäche, ich will schwach sein.

Heinrich. Deine Seele, Julie, ist aus keinem gemeinen Stoffe geschaffen. Die kindischen Leidenschaften ihrer Mitschwestern 219 sollte ein Wesen nicht besitzen, das sich mir einst, als wir in der Schweiz auf dem Rigi standen (Julie legt die Hand auf ihre Augen) und das Morgenroth aus den tiefen Gründen der Nacht steigen sahen, an meine Brust warf und ausrief: Heinrich, laß uns größer als andre Menschen sein.

Julie (mit Thränen). Was mich begeisterte, war der eitle Wahn, Deine Liebe zu besitzen.

Heinrich. Sag' ich Dir, daß ich Marien noch liebe? Ich habe mir eine schnöde Treulosigkeit gegen sie vorzuwerfen. Ich habe ihre Zukunft zerstört. Durch mich steht sie in dieser jammervollen Lage da, die sie zwang, in einem fremden Hause bei Kindern sich als eine geistige Magd zu verdingen. Ich habe ihren Namen mit einem Makel befleckt, ich habe Bewerber, die sie hatte, verscheucht–

Julie (wild). Und dafür soll ich büßen!

Heinrich (gesteigert). Noch mehr; ich habe mich an der Blüthezeit ihrer Jugend gesonnt; ich habe, als ich Undankbarer sie verließ, ihrem Gemüth fast den Lebensnerven abgetödtet, 220 ihr den Glauben an Menschen genommen, ich habe Schuld, daß sie verlernte, Andre zu lieben; noch mehr, ein feierlicher Schwur

Julie. Halte inne! Glaube nicht, daß es Deiner Beredsamkeit gelingen wird, mich über das zu täuschen, was deine Pflicht und mein Recht ist! In dem Augenblick, wo Du mir Deine Hand reichtest, fiel die Thür', welche in Deine Vergangenheit zurückführte, ins Schloß. Daß Du sie gewaltsam wieder öffnest, ist ein Frevel an mir, ein Frevel an Deinen Kindern!

Heinrich (mit einem Blick gen Himmel, gelassen). Ich werd' ihn verantworten! Wir Alle sind des Staubes schwache Söhne und Niemand ist, der sich rühmen könnte, die Gedanken Gottes zu errathen.

Julie (ekstatisch). Ich, ich rühme mich dessen – wenn ich der innern Stimme meines Herzens folge. Ich verlange von Dir, wenn ich Deine Liebe auch nicht erzwingen kann, daß Du wenigstens meine Ehre schonst. Marie verläßt das Haus.

Heinrich. Julie, Deine Heftigkeit!

221 Julie. Glaube nicht, daß Du mich verwirren kannst, wenn Du meine Gefühle, wie sie mir des Herzens unmittelbare Regung eingiebt, für etwas Gewöhnliches erklärst. Ich fühle mich verletzt, zurückgesetzt, entehrt und nenne es bei den Namen, die mir die Verzweiflung über Deine himmelschreiende That auf die Zunge legt!

Heinrich (entschieden). Laß Dich bedeuten!

Julie (wild). Nein, mir graut vor den Grundsätzen, mit denen Du Dir eine lustige Welt auf eigne Hand bauen willst! Die Wege der Sitte sind durch Jahrtausende gezeichnet; Du wirst ihnen keine andere Bahn geben. Wer wie Du dem Laufe der göttlichen Ordnung zu widersprechen wagt, muß zuletzt das Opfer seines Frevels werden!

Heinrich (wendet sich sinnend ab).

Julie. Du willst den Gestirnen ihre Bahnen zeichnen, der Sonne willst Du neue Wege weisen und kannst nicht einmal die bescheidne kleine Straße finden, die die Ehre und Sittlichkeit wandelt? Nimm sie zurück, die Schwüre, mit denen Du mir Deine Liebe betheuertest, nimm sie 222 zurück, damit ich nicht zu sehen brauche, wie Du, von Schaam vernichtet, vor mir dastehst.

Heinrich (wie aus einem Traume aufwachend, um sie zu beschwichtigen). Marie!

Julie (in höchster Aufregung). Gerechter Gott! (Schmerzlich) Marie! Marie! – – So schwebt der Gedanke an sie beständig vor seiner Seele, daß er selbst in dieser fürchterlichen Stunde sich vergessen und mich mit ihrem Namen rufen kann. (Bedeckt weinend mit den Händen ihr Gesicht.)

Heinrich (aufgebracht). Julie, reize mich nicht! Reize mich nicht, Julie. Es soll so sein. Ich will Ruhe haben.

Julie (anscheinend gefaßt). Du sollst sie haben – Du sollst Ruhe haben – Ruhe – Ruhe – Du sollst sie haben – (Geht heftig an den Tisch und klingelt.)

Heinrich (entschlossen auf sie zu). Was willst Du unternehmen? Was hast Du vor?

223 Julie (mit zitternder und nach Festigkeit ringender Stimme). Ich will mich unter den Schutz meiner Eltern begeben – ich reise meinem Vater entgegen – noch in diesem Augenblick. –

Konrad (erscheint an der Thür').

Julie. Konrad – richte den Wagen zurecht – auf die Post – zur Reise! Geh' auf die Post, Konrad –

Heinrich (tritt entschlossen auf Konrad zu, und bedeutet ihn, schnell das Zimmer zu verlassen. Konrad ab. Dann geht er auf Julie zu und bricht mit entschlossener Kraft los). Du willst Dich gegen mich, der ich von meiner innern Gemüthsunruhe genug gefoltert bin, noch empören? Du willst bei Deinen mir ohnehin feindlichen Eltern die Ehre meines Namens opfern? Nicht die Schwelle dieses Hauses wirst Du verlassen. Ich will, daß sich unter diesem Dache der Knoten entwirrt, den Du unauflöslich machen wirst, wenn Du zu meiner Sorge noch Deine Leidenschaft fügst. Nicht Alles, was die Flamme des häuslichen Heerdes beleuchtet, ist für das Licht des Tages geschaffen. Wehe dem, der der Erste ist, und ein Geheimniß der Ehe an die Welt verräth! (Ab.)

224 Julie (ihm zwei Schritte nach). Ich fühle, daß in seinen Worten eine Wahrheit liegt, aber es gibt Wahrheiten der Vernunft, zu denen das Herz sich nicht erheben kann. Komme, was kommen mag! Die Liebe ist am reichsten, wenn sie alles gegeben und nichts mehr zu verschenken hat; aber was sie begehrt, (wild und entschlossen) und zu fordern hat, das will sie ungetheilt. Alles oder Nichts. (Ab.)

225

Vierter Aufzug.#

Erste Scene.#

Heinrichs Arbeitszimmer. Auf dem Schreibtisch brennt nur ein Licht, so daß es nur an dem Tisch hell, im übrigen Raume der Bühne dunkel ist.

Heinrich (liest).

  • "Nicht bloß der Stolz des Menschen füllt den Raum
  • "Mit Geistern, mit geheimnißvollen Kräften;
  • "Auch für ein liebend Herz ist die gemeine
  • "Natur zu eng und tiefere Bedeutung
  • "Liegt in dem Märchen (stockend) meiner Jünglingsjahre,
  • "Als in der Wahrheit, die das Leben lehrt." (Pause.)

Sie wollen's ja! Sie wollen's ja, daß reuevolle Buße ein Verbrechen sei. Aber auch den Vorwurf ertrag' ich. – – In einer Lage bin ich, die Tausende von Menschen kennen, nur daß sie den Muth haben, ihre 226 Gefühle zu bekämpfen, und Schaamlosigkeit genug, vor einer schuldvollen Vergangenheit nicht einmal mehr zu erröthen. Ich bin feiger, als Ihr Tapfern, die Ihr jeden Dorn, der in Eurem Gewissen schwärt, ausreißen könnt! Ich habe meinem Ehrgeiz und diesem modernen Schicksal, das an die Stelle des alten Fatums getreten ist, Verhältnisse genannt, Alles geopfert, meinen Namen, meinen Beruf, meine Geburt, meine Grundsätze; aber – mein Herz, das kleine Gärtchen meiner Gefühle, das ich mir mitten in den hohen Ringmauern unsers alltäglichen Daseins pflanzte, das Einzige, das ich habe, um mich als Mensch zu fühlen, – das gebe ich nicht hin. Ich will schwächer sein, als Tausende von Männern; ich schlage die Augen nicht nieder, verwinde meinen Schmerz nicht; fühlen will ich, wie mich Gott geschaffen hat und trotzt' ich auch den Gesetzen, die bei uns (bitter) ein historischer Zufall zur sittlichen Nothwendigkeit erhob. (Man klopft.)

Zweite Scene.#

Heinrich. Kanzleibote Schulz.

Schulz. Guten Abend, Herr Assessor! Lassen sich gar nicht mehr auf dem Büreau sehen?

227 Heinrich. Guten Abend, lieber Schulz!

Schulz (gibt einen Brief). Nichts Besonderes für Sie abzugeben. Bloß den Brief.

Heinrich (nimmt ihn und legt ihn unerbrochen auf den Tisch).

Schulz. Sind wohl unpäßlich, Herr Assessor?

Heinrich. Ich befinde mich nicht recht wohl!

Schulz. Als neulich wieder das Buch von Ihnen über unser Landrecht in den Zeitungen angekündigt war, sagten alle Herren auf dem Büreau: Sie arbeiten zu viel! Die arme Wittwe meines Collegen, der Sie die 100 Thaler schenkten, dankt Ihnen viel tausendmal.

Heinrich (sanft). Sie soll mich in ihr Gebet einschließen.

Schulz (geheimnißvoll). Ist grade jetzt nicht gut, daß Sie so lange fortbleiben –

228 Heinrich. Wie so?

Schulz. Ich weiß nicht, 's ist da immer so viel Rumorens unter den Akten und es werden Papiere gesucht und manche Zahlen stimmen nicht recht –

Heinrich. Ich glaube wohl, daß ich recht im Rückstande mit meinen Arbeiten bin.

Schulz. Geheimrath Langer kam einmal ums andere in Ihr Zimmer und – und da Sie immer Alles offen haben, wurde da in den Papieren herumgekramt und weiß nicht, Herr Assessor Wolf machte so ein kurioses Gesicht, als sollte Einer begraben werden.

Heinrich. Ich, ich, lieber Schulz, ich!

Schulz. Ach, wer kann Ihnen was anhaben! Sie sind ja der beste Arbeiter im ganzen Kollegium! (Gutmüthig forschend) Herr Assessor, Sie haben keine guten Freunde unter den Herren oben.

Heinrich (gelassen). Weiß es – weiß es.

229 Schulz. Sie sollten aber, Herr Assessor, das nicht so darauf ankommen lassen! Ein guter Name geht einem so leicht auf, wie einem Frauenzimmer ihr Schuhband. Man merkt's erst, wenn Andere sich d'rüber mokiren oder man selbst d'rüber fällt. Den Assessor Wolf, kann ich sonst wohl sagen, mag ich wohl leiden; aber manchmal macht dieser Mann Augen, als wollt' er die ganze Menschheit in seinem Tintenfaß ersäufen. Er hat – heute – recht – anzüglich über Sie, Herr von Jordan –

Heinrich. Dem Urtheil der Menschen kann Niemand entgehen, lieber Schulz.

Schulz. Nu, 's ist meine Sache nicht! Aber ich sage nur blos, ich habe heute bei dem Laufen und Rennen in der Registratur eine wahre Todesangst ausgestanden. Es fehlten wichtige Aktenstücke, manche Unterschriften sind nicht richtig; die Pupillengelder –

Heinrich (halb ärgerlich einfallend). Man soll nur genauer nachsehen. Es wird Alles in der gehörigen Ordnung sein.

Schulz. Geb' es Gott! Na, gute Nacht, Herr Assessor. Ihr Herr Schwiegervater ist ja angekommen?

230 Heinrich (tonlos). Seit gestern, ja!

Schulz. Wohnt im Hôtel d'Angleterre. (Forschend) Ihre Frau Gemahlin ist ja bei ihm? – Hat in dem Hause das ganze Stockwerk gemiethet. War heut' viel Vorfahrens bei ihm. Bei solchen Herrschaften vom Rhein machen sie jetzt immer erschrecklich viel Wesens. Es ist recht hübsch am Rhein, Herr Assessor – Anno13 bin ich auch d'rüber gegangen (auf seine Ehren-Medaille zeigend). Na gute Nacht, Herr Assessor – (im Abgehen) wollen wünschen, daß morgen Alles seine gehörige Richtigkeit hat! (Ab.)

Dritte Scene.#

Heinrich. Dann Konrad.

Heinrich (öffnet den Brief und liest). Das – ja das wäre der Wirkungskreis, in dem ich mich bewegen sollte! Hat man also doch auf meine kleinen gelehrten Arbeiten geachtet! Ein öffentlicher Lehrstuhl an einer so berühmten Hochschule. – Ich bin gefesselt 231 – ja recht gefesselt. (Legt den Brief fort.) Dieser fürchterliche Zustand des Versuchens und Mißlingens – es mißlang – sie ist bei ihrem Vater!

Konrad (beklommen). Wollen Sie denn heute gar nicht ausgehen, Herr Assessor? (Pause.) Der Herr Präsident haben einigemal anfragen lassen –

Heinrich. Weswegen!

Konrad. Gnädige Frau werden diese Nacht – wohl – wahrscheinlich –

Heinrich. Meine Frau wird diese Nacht ausbleiben.

Konrad. Herr Präsident sind gewiß recht ermüdet von der Reise. Herr Assessor könnten doch wohl –

Heinrich. Ihm einen Besuch machen? Nein. (Pause.) Wo ist Marie?

Konrad. Sie war in einer Todesangst, als die gnädige Frau nicht einmal wieder zurückkam. Seit den acht Tagen hat sie auch beständig die Augen verweint.

232 Heinrich (für sich aus tiefer Brust seufzend). Es werden noch nicht die letzten Thränen sein, die sie zu weinen hat. (Laut) Wir werden den Winter öfters auf die Jagd gehen, Konrad!

Konrad. Auf die Jagd?

Heinrich (todtkalt). Hast wohl Alles recht verrosten lassen – die schönen Pistolen, die ich in Brüssel kaufte – ?

Konrad (ängstlich). Herr Assessor! (Pause.)

Heinrich. Ist Marie zu Haus?

Konrad. Doktor Fels war fast eine Stunde bei ihr.

Heinrich. Doktor Fels?

Konrad. Haben viel zusammen gesprochen und ich hörte so ein Schluchzen – dann kleidete sie sich schnell um und ist ausgegangen – oben, Herr Wolf ist nun auch ausgezogen. – 'S wird recht öde und still im Hause.

233 Heinrich. Wo sind die Kinder?

Konrad. Die Kinder, Herr Assessor?

Heinrich (erregter). Wo sind die Kinder?

Konrad. Ja, sie sind ja – mein Gott – der Joseph, der kam, und Lieschen – sie haben sie ja beide – in Auftrag –

Heinrich (außer sich losbrechend). Gestohlen?

Konrad. Um Gotteswillen, Herr Assessor, die Kinder sind bei der Mutter!

Heinrich (mit Rührung und sich steigernd). Meine Kinder – meine Kinder – bei ihr!

Konrad. Ich hatte kein Arg, als sie geholt wurden – sie wollten Ihnen, Herr Assessor, (gerührt) noch einmal – das Händchen – aber sie hatten's beide so eilig – so eilig hatten sie's –

234 Heinrich. Mir die Kinder geraubt! (Einen Entschluß fassend.) Konrad, hörst Du? Konrad, ich muß sie zurück haben!

Konrad. Mein Himmel, Herr von Jordan, Sie thun ja, als hätten Sie eine Scheidung am Werke!

Heinrich (mit zitternder Aufregung). Ich muß sie zurück haben– meine Kinder, Konrad! Hörst Du? Sie sind mein! Hörst Du, heut' Nacht, um eilf, gegen zwölf? Du spannst die Pferde ein; den verschlossenen Wagen nimmst Du, die Leute meines Schwiegervaters kennen mich, sie werden kein Arg haben, sie werden mich einlassen, ich schleiche mich an das Bett meiner Frau und trage die Kinder im Mantel zurück – an mein Herz – mein armes, verlassenes, einsames Herz!

Konrad (wehmüthig). Herr Assessor!

Heinrich. Du thust, wie ich befahl. Es ist weit, weit mit mir gekommen, und noch – ist es das Letzte nicht! (Ab.)

235 Konrad (ergreift das Licht und ihm schnell nach). Was kann er haben? Er brütet noch über mehr. Um Gottes Willen! Ich darf ihn nicht aus den Augen lassen! (Ab.)

Vierte Scene.#

Beim Präsidenten. Sehr elegantes Zimmer mit drei Eingängen. Vorn steht rechts ein geöffneter Schreibsekretair, links und rechts ein Tisch. Zwei Bediente tragen Handleuchter von der rechten Seite herein, stellen sie nieder und gehen durch die Hinterthür ab. Nach ihnen: Doktor

D. Fels. Geben Sie Acht, ich entwirr' Ihnen das Räthsel. Ei, das ist jetzt eine Ehrensache für mich. Ich muß Ihnen zeigen, daß ich mich nicht bloß auf die Krankheiten der Leber, sondern auch auf die des Herzens verstehe.

Präsident. Sollte diese Angelegenheit sich durch Geld, durch eine Pension, die man der Jungfer abwürfe, arrangiren lassen, so stehe ich mit meinem Vermögen zu Diensten.

236 D. Fels (abweisend). O, das lassen Sie meine Sorge sein! Aus sich selbst muß er geheilt werden, aus sich selbst. Nun, verlieren Sie nicht den Muth, vertrauen Sie auf mich, ich mach's. (Ab.)

Präsident. Eine solche Zerrüttung Eurer Verhältnisse hier anzutreffen, darauf war ich nicht gefaßt. Meinem Bruder, dem Minister, wag' ich es nicht mitzutheilen. Er war von jeher, wie ich und unsre ganze Familie, gegen diese Verbindung, und mit Recht, wenn ich bedenke, wie wenig Vertrauen sich auf diesen Schwärmer, diesen excentrischen Kopf setzen ließ! Es ist gut, daß Du zum Aeußersten geschritten bist und ihn verlassen hast.

Julie (stützt das Haupt auf einen Tisch).

Präsident. Du schweigst? Bereuest Du vielleicht, was Du thatest?

Julie. Ich beweine, was ich that, aber ich bereue es nicht.

Präsident. Gegen diesen Mann hilft nur noch Energie. Ich muß hier überhaupt Dinge von Jordan hören, die unverantwortlich sind. Er vernachlässigt seine dienstliche 237 Stellung, er läßt sich Unregelmäßigkeiten zu Schulden kommen, die mich, die den Minister, meinen Bruder, in Verlegenheit setzen.

Julie. Vater, ich glaube nur, daß dies seine Neider sagen.

Präsident. Nein, der Chef seines Departements schien sehr mißgestimmt über ihn. Was hilft das Genie, wenn man sich nicht an Vorschriften halten kann und den Befehl der Obern mit Pünktlichkeit vollzieht! Ich dacht' es gleich. Solche Kometen passen nicht in die Bahnen eines Staates, wo Alles nach symmetrischen Gleisen geordnet ist. (Pause.) Hast Du ihm geschrieben?

Julie (schweigt).

Präsident. Warum schweigst Du? Hast Du ihm geschrieben?

Julie. Nein.

Präsident. Diese Thorheiten um eine frühere Liebe. Diese maaßlose Schwärmerei! Wär' er adlig geboren, würd' er frei davon sein, denn das ist das Gute unsres Standes, daß es uns eine leichtere Auffassung solcher Lebensverhältnisse gestattet.

238 Julie (aufstehend). Sollte mein Unrecht nicht größer sein, als das seine?

Präsident. Daß Du ihn verlassen hast? Jede andere Frau würde es an Deiner Stelle auch gethan haben.

Julie (sinnend). Es ist so beschämend, das zu thun, was jede andre auch gethan hätte.

Präsident. Julie, ich hoffe nicht, daß seine Schwärmereien auch Deine Begriffe verwirrt haben. Du bist in Grundsätzen erzogen, die sich an das Maaß der gegebenen Verhältnisse halten. Was über dies Maaß hinausgeht – wir sehen es ja täglich – führt nur ins Verderben – Anderer und unserer selbst.

Julie. Die Leidenschaft riß mich hin. Ich vergaß, daß Marie zu edel ist, –

Joseph (tritt ein). Eine Marie Winter wünscht die gnädige Frau zu sprechen.

Präsident. Wer ist diese?

239 Julie. Vater, sie ist es, die, vielleicht unschuldig, mir dennoch all mein Lebensglück geraubt hat.

Präsident. Sage der Jungfer, sie solle sich schriftlich – meine Tochter ist beschäftigt – so spät in der Nacht!

Julie. Nein, Vater, hassen – hassen kann ich sie nicht, sie soll kommen!

Joseph (ab).

Präsident. Du wirst Dich aufregen, Du solltest sie keines Blickes mehr würdigen.

Julie. Vater, alle meine Pulse schlagen fieberhaft – aber betrüben kann ich sie nicht. Laß mich mit ihr allein.

Präsident. Beherrsche Dein Gemüth und unterstütze Dich durch das Gefühl Deiner Würde.

Julie (birgt weinend ihr Haupt an seine Brust).

Präsident. Ich freue mich, daß Deine Selbstständigkeit doch noch stärker war, als Deine Liebe. Das Mädchen kommt, 240 laß sie die Verachtung fühlen, die sie verdient. – Ihr macht mir vielen Kummer! (Ab.)

Fünfte Scene.#

Julie. Dann Marie.

Julie (allein). Ich höre sie – aber noch lauter hör' ich die Schläge meines Herzens. Ich hab' aus trüber Ahnung stets ihren Anblick gemieden – werd' ich ihn ertragen können? – Da ist sie!

Marie (ohne Hut und Mantel, aber mit Shawl). Frau von Jordan, schon an der späten Stunde, wo ich zu Ihnen komme, werden Sie abnehmen dürfen, wie dringend die Angelegenheit ist, welche mich zu Ihnen führt.

Julie (höflich, ohne Kälte). Sie sind mir willkommen.

Marie. Ich bin in nicht geringer Verlegenheit, wie ich es anfangen soll, um Ihre Aufmerksamkeit auf Einen Punkt hinzuführen–

241 Julie (mit stiller Resignation). Lassen Sie alle Umständlichkeit! Es gibt Dinge, die über jede Form der Convenienz erhaben sind.

Marie. Ich wag' es, gnädige Frau, mehr an Ihr Gefühl, als an Ihre Weltbildung zu glauben und sprech' es unverholen aus –

Julie. Zögern Sie nicht, greifen Sie mitten in die Gedanken, die Sie über mich, Sie, über – Himmel und Erde haben und gewiß wir würden uns verstehen, selbst ohne Worte.

Marie. Nun denn, gnädige Frau, ich finde Ihr häusliches Glück zerrüttet und muß es aussprechen, daß ich es bin, die, Gott ist mein Zeuge, ohne es zu verdienen, einen Theil der Verantwortlichkeit trägt.

Julie (den Ton fallen lassend). Es wäre nutzlos, sich darüber etwas verschweigen zu wollen.

Marie (feuriger). Gnädige Frau, wenn ich Ihnen die Nächte malen sollte, die ich seit der Zeit, wo ich unter Ihrem Dache 242 lebte, unter Thränen durchwachte, wenn ich Ihnen die Gefühle der Verzweiflung über eine willenlose Schuld, die meine Seele drückte, schildern sollte – ach – ich denke mir, Sie müssen mein zerrissenes Innere verstehen, Sie können mich nicht verdammen.

Julie. Glauben Sie, daß ich Ihnen Vorwürfe machen werde?

Marie. Nein, bei Gott, das dürften Sie auch nicht! Ich habe mich selbst und die Achtung, die ich vor Ihnen verdiente, zum Opfer gebracht, um das Dämmerlicht der Erinnerung, das mit so viel schreckhaften Schatten wieder in das Herz Ihres – Gemahls fiel, auszulöschen. Ich mußte Ihr Haus beziehen, um dem Schauplatz der Scenen, die zwischen uns vorfallen konnten, die engsten Gränzen zu stecken und das Echo seiner Leidenschaft in den vier Wänden Ihrer Zimmer verhallen zu machen. Ich glaubte mich auf seine Selbstbeherrschung verlassen zu dürfen und hätte nie gedacht, daß wir uns je – so wie jetzt gegenüber stehen sollten!

Julie (das Haupt auf den Tisch stützend und sie lange und schmerzlich, aber ohne Härte betrachtend). Sie also waren es, der am Baume seiner Jugend die ersten Blüthen der Liebe dufteten!

243 Marie. Einen Schleier über die Vergangenheit! Der Himmel gibt uns hienieden die Ahnungen der Seligkeit nur, um sie uns bald wieder zu nehmen und er nimmt sie uns, um unsere Herzen reif zu machen, sie dereinst in Wahrheit zu verdienen und sie zu besitzen, als unser Eigenthum, das uns keine Macht mehr rauben darf. Es zitterte vor seinen Augen ein Schuldbrief, den er mir glaubte für die Zukunft ausgestellt zu haben; nicht Blumenknospen einer neu erwachten Liebe waren die Lettern dieses Briefes, sondern die finster höhnenden Gespensterlarven eines schuldgequälten Bewußtseins; ich zerstöre den Spuk und gebe den Schuldbrief, zerrissen, jetzt selbst in seine Hand zurück.

Julie. Was bezwecken Sie?

Marie. Einen Friedhof will ich umackern und den Schlüssel dazu in den tiefsten Grund des Meeres werfen.

Julie. Wie versteh' ich Sie?

Marie. Ich will mich vermählen.

Julie (aufstehend). Sie wollten mir ein Opfer bringen? Nimmermehr! 244 Lieber will ich die kurzen Tage meines Lebens im Wittwen- und Trauerkleide über seine verlorne Liebe hinbringen, als Ihrem Herzen, das früher auf ihn Rechte hatte, Gewalt anzuthun.

Marie (gefaßt). Ich handle aus – freiem – Entschluß und muß Ihnen ein Geständniß machen.

Julie. Ich schwebe zwischen Hoffnung und Schaam. Was können Sie mir anders sagen, als daß Sie Ihre Gefühle ersticken, um mir das Leben zu lassen! (Setzt sich.)

Marie. Ich spreche zu einem Herzen, das liebt; und das Gefühl des Weibes soll mein Dolmetscher sein. Was mir Heinrich war, davon konnte sowohl Ihr eignes Glück, eh' ich es zu stören begann, Zeugniß geben, wie die Verzweiflung, die ihn überkam, als er glaubte, gegen mich etwas verbrochen zu haben. Als seine Briefe reicher an schönen Wendungen, aber ärmer an Gefühlen wurden, als sie sich zuletzt auf kalte Mittheilung äußerlicher Lebensverhältnisse beschränkten, immer seltner wurden, und endlich ganz ausblieben, – ach – (mit Thränen) ich kann die Verzweiflung nicht schildern, die mich damals auf's Krankenlager warf, dem Tode nahe brachte und mich nur 245 genesen ließ, um zu hören, daß er vermählt und auf ewig für mich verloren war. –

Julie (wendet sich ab).

Marie. Fünf Jahre sind seitdem verflossen. Was das Unglück erst zu vergrößern schien, das Geschick meines Vaters, sein Tod, der Tod meiner Mutter, das grade lehrte mich ruhiger werden, gefaßter; denn es erstarrte mich, es gab mir die Todtenkälte eines Marmorbildes; ich sahe, es gibt eine Schule der Leiden, in der man lernt, unglücklich sein. Ich gewöhnte mich daran, meine erste und einzige Liebe nur noch zu betrachten, wie einen schönen Traum, der aus meiner Kindheit Tagen wie eine goldene Fabel, wie ein süßes liebliches Märchen herüber klang. Wer darin die Schäferin, wer der König war – ich hatt' es vergessen; ich konnte lächeln, wenn es manchmal in alter bunter Pracht an meiner Seele vorüberzog; denn es war mir, als hätt' es mir einer erzählt, nicht, als hätt' ich es selbst erlebt.

Julie. Und dennoch – dennoch könnten Sie sich vermählen?

Marie (sich bekämpfend). Ich kann es. Die Natur gab uns Frauen die Bestimmung, erst durch des Mannes Willen uns zur Selbst-246ständigkeit zu verklären. Was ist unsre Liebe? Was kann sie geben? Sie nimmt nur, sie ist nichts Freies und Ureignes, sie ist nur der Widerschein der Liebe, die auf uns fällt. Der Schöpfer wollte, daß wir schwach sind.

Julie. Sie bekämpfen sich; ich seh' es. Es ist nicht Ihre eigne Wahl.

Marie (zieht einen Ring vom Finger). Nehmen Sie das Symbol unseres Verlöbnisses zurück. Er wollte den Ring, so oft ich ihn vom Finger zog, nicht zurück haben.

Julie (den Ring mit Thränen betrachtend). Noch so glänzend und wie viel Thränen mögen ihn benetzt haben! (Steckt ihn auf.) Es ist– Sie foltern mich – nicht Ihr eigner Entschluß!

Marie. Nicht Wahl – nicht freier Entschluß; aber doch von innigstem Herzen und aus voller Seele. Was ich denke, Gott ist es klar. Was ich thue, der Himmel winkt mir vertraulich zu und es klingt wie von flüsternden Engelsstimmen: Thu' es; thu' es: wir haben unsre Freude daran!

Julie (umarmt sie). Marie!

247 Marie (feierlich und weniger gerührt als Julie). Ich wußt' es wohl, daß wir dahin kommen würden!

Julie (sich losreißend, eilig). Ich eile zu meinem Vater. Bleib', Marie, bleib'. Ich muß ihm die neue Wendung meines Schicksals nennen und den Engel zeigen, der der Bote meines Glückes wurde! (Ab zur Rechten.)

Marie (aufgeregt). Bleiben? Und in die Seligkeit mit einstimmen, die auf dem freudestrahlenden Antlitz Beider sich wiederspiegeln wird? Nein, das kann ich nicht. Ich konnte mich von meinen Gräbern aufraffen, ich konnte statt Todtenblumen Myrten in mein Haar flechten; aber die Thränen, die es mich gekostet, kann ich nicht zurückhalten. Und doch – Nicht einmal die Klage mehr darf als Trösterin mich in ihre schwarzen Gewänder hüllen, das getrocknete Auge lächelt vergebens selbst über das was es verlor – um ihn, ihn zu retten – sei nie etwas gewesen, – selbst die Erinnerung geb' ich hin. (Freudig) Eine höhre Kraft beseelt, ein Muth von oben begeistert mich. Ihn zu lieben, war mir Leben: ihm entsagen, war mir Tod. Aber ihn retten, ihn dem Glück 248 erhalten, das ihm sein Weib, seine Kinder gewähren, das ist Wonne der Auferstehung. (Ab.)

Sechste Scene.#

Präsident. Julie.

Julie. Sie ist fort –

Präsident. Wirst Du Dich auf sie verlassen können?

Julie. Es war nicht recht von mir, sie in der Aufregung ihrer Gefühle einem fremden Manne vorstellen zu wollen.

Präsident. Warum nannte sie keinen Namen?

Julie. Nimm den Verlobungsring! Er brennt mir am Finger, als wenn ich ihr ein Unrecht thäte!

Präsident (legt ihn auf den Tisch). Geh' nun zu Bett, mein Kind! Es war ein ereignißreicher Tag für Dich und ich dachte nicht, daß er mit ei-249ner so erfreulichen Wendung schließen würde. (Gibt ihr einen Handleuchter mit zwei Kerzen.) Ich schreibe an ihn– morgen früh, hoff' ich, werden wir zum erwünschten Ziele kommen. (Führt sie an die Thür' links.) Gute Nacht, mein Kind, küsse die Knaben von mir!

Julie. Auch daß er die Kinder nicht bei sich haben wird – er ist sie des Nachts gewohnt –

Präsident. Nimm es leichter! Ich werde ihn schon zur Vernunft zurückbringen.

Julie. Mehr zum Herzen, Vater, mehr zum Herzen! Sei in Deinen Ausdrücken milde, hörst Du, milde und versöhnlich – gute Nacht, Vater! (Ab.)

(Es wird dunkler auf der Bühne.)

Präsident (setzt sich an den Sekretär). Ich schreibe noch jetzt den Brief – die Aufregung von der Reise und diese Sorgen lassen mich doch nicht schlafen! – Ich werde ihn mit Entschiedenheit an seine Pflicht erinnern und nicht früher von des Mädchens Verlobung sprechen, bis er nicht aus sich selbst zur Besinnung gekommen ist. Was mich am meisten kümmert, ist seine dienstliche Stellung. Ich hatte große Dinge mit 250 ihm vor – und jetzt macht er meinen Empfehlungen Schande – (Legt sich Papier zurecht und schneidet sich eine Feder; horchend) Ging da nicht eine Thür?– Er führt meinen Namen – in ihm sah ich alle Hoffnungen verwirklicht, die ich auf einen Sohn setzte, den Gott meiner Ehe nicht schenken wollte – mein alter hugonottischer Stamm sollte frische Schößlinge treiben – (Eine Stutzuhr schlägt zweimal.) Schon halb ein Uhr! – Ich sagte ihm oft: Eine Zeitlang muß man Sklave sein, bis man Herr wird. Er kann seine Flügel nicht ruhig halten, schlägt noch immer, wie Pegasus im Joche, damit herum – (Schreibend.) Ich will ihm Alles vorführen –

(Die Mittelthür' im Hintergrunde wird leise geöffnet. Heinrich erscheint an der Schwelle. In dem Zimmer draußen ist es hell, so daß Heinrich grell absticht. Heinrich, im Mantel, späht eine Weile, die Thür' geht leise hinter ihm zu, er schleicht sich herein nach der Thür' links.)

Siebente Scene.#

Präsident. Heinrich.

Präsident (bemerkt das Geräusch, wendet sich um, erhebt sich schnell und ruft): Werda!

Heinrich (läßt den Mantel fallen).

251 Präsident. Sie sind's? Was wollen Sie?

Heinrich (fast dämonisch). Es wird zu spät – die Kinder müssen schlafen gehen –

Präsident. Sie schlummern längst bei ihrer Mutter.

Heinrich. Sie haben – dem Vater – noch nicht gute Nacht gesagt –

Präsident. Dem Vater? dem Vater? hier gehört der Mutter, was unterm Mutterherzen lag. Ihnen (geht an den Tisch und nimmt den Ring, besinnt sich, und legt ihn wieder hin). Ist das eine Begrüßung wie ich sie verdiene? Kennen Sie mich?

Heinrich (schweigt).

Präsident. Ein fahrender Schüler klopfte einst arm an die Thüre meines Hauses und wagte mir zu sagen, er wolle meine Tochter heirathen. Ich gab ihm keinen Almosen, gab ihm meine Tochter, gab ihm Vermögen, den Adel, meinen Namen, öffnete ihm zu einer Laufbahn des Ruhmes und der Ehre den Weg– mein Dank (wartend ihn fixirend) ist Schweigen? Nun wohlan, kennen Sie die 252 Welt? Ich will Sie die Welt kennen lehren. Ich habe erfahren, daß eine Marie Winter sich heute verlobt hat.

Heinrich (betroffen). Verlobt?

Präsident. Ohne Zwang, aus freier Wahl! Fragen Sie nicht mit wem?! – – Ich weiß es nicht. Entsetzlich genug, (bitter) daß man Sie nur noch an die Ironie des Schicksals erinnern kann. Hier das Zeichen Ihres früheren Verlöbnisses. Sie brachte uns den Ring und zeigte uns freiwillig ihren Entschluß an. Sie lieben es, sich Welten aus Ihrem eignen Innern zu schaffen – vielleicht (legt den Ring auf den Tisch links) brauchen Sie dazu (mit Bitterkeit) diese glänzende Asche Ihrer Vergangenheit! (Ab.)

Heinrich (greift erstarrt nach dem Ring).

253

Fünfter Aufzug.#

Erste Scene.#

Heinrichs Arbeitszimmer. Wolf und Konrad (stehen an dem Arbeitstische und kramen in den Scripturen). Polizeirath Denker (sie genau beobachtend).

Denker. Herr Assessor, diese Papiere des Herrn von Jordan sind in gerichtlichem Beschlag – ich muß Sie bitten – es überschreitet meine Ordre –

Konrad (betrübt). Ich weiß auch gar nicht, daß hier je ein Buch, wie Sie es beschreiben, gelegen hätte –

Wolf. Ich lieh' es dem Herrn von Jordan vor vierzehn Tagen, in grauem Umschlag, gelbem Schnitt (sucht aus der 254 Brusttasche ein Papier auf den Tisch zu praktiziren), es muß sich doch wohl finden –

Denker. Ich darf nicht länger – lassen Sie's Herr Assessor– ich darf's nicht dulden – dieser Schreibtisch muß in dem unberührten Zustande bleiben, wie ich ihn diese Nacht beim Beginn des Arrestes, der leider über den Herrn des Hauses verhängt wurde, antraf.

Wolf (heftig suchend). Es muß sich doch finden lassen. Es ist ein Werk über die amerikanischen Zuchthäuser; ich brauche das Buch zum Nachschlagen (bringt das Papier glücklich auf den Tisch).

Denker. Wirklich, Herr Assessor, jetzt ist es genug. – Ah, was legten Sie da eben auf den Tisch? Dies Papier lag vorhin nicht da.

Wolf. Dies Papier?

Denker (nimmt es). Nein, ich sah es nicht liegen (sieht es an). Es ist ein Dokument.

Wolf. Ganz recht. Ja wohl, es fiel mir aus der Brusttasche – (will es wieder haben).

255 Denker. Entschuldigen Sie, Herr Assessor; ich muß das Papier zurückbehalten –

Wolf (ängstlich). Ei, Herr Polizeirath, – das Papier entglitt mir durch Zufall – ich würde ja in große Verlegenheit kommen –

Denker. Es ist nur Förmlichkeit, Herr Assessor. Ich leg' es auf den Tisch der Commission, die heute die Angelegenheit des Herrn von Jordan untersucht.

Zweite Scene.#

Referendar Fels (schnell mit einem Polizeicommissair eintretend). Die Vorigen.

Ref. Fels. Ah, da sind Sie ja, Herr Wolf – wir suchen Sie, Herr Wolf.

Wolf. Mich?

Commissair. Ihre Gegenwart ist bei der heutigen Untersuchung dringend nothwendig.

256 Wolf. Meine Gegenwart?

Ref. Fels. Ja, liebster Wolf; Sie sollen der Schlüssel –

Wolf (auffahrend). Was meinen Sie?

Ref. Fels. Mein Gott, was sind Sie denn so ängstlich? Sie sollen der Schlüssel zu einigen Schwierigkeiten, zu einigen Räthseln sein.

Wolf. Ah so, ich werde – als Zeuge

Commissair. Herr Assessor, es hat dringende Eile.

Wolf. Ich werde als Zeuge – natürlich nur als Zeuge –

Ref. Fels. Ihre Gegenwart soll außerordentlich wichtig sein.

Wolf. Wichtig? Natürlich – aber (zum Commissair) ich dürfte doch wohl allein

Commissair. Ich bedaure, daß ich Ordre habe, Sie zu begleiten.

257 Wolf. Mich zu begleiten? Ei, ei – das ist ja – ein komisches Mißverständniß –

Ref. Fels. Die Commission wird es wohl aufklären.

Wolf. Natürlich – es ist – ein reines – Mißverständniß. (Will Konrad aus seiner Börse Geld geben.) Hier, lieber Konrad, ich danke Ihnen für die Mühe –

Konrad (abweisend). Bitte, Herr Assessor, keinesweges!

Wolf (mit zitternder Stimme und aus Angst spaßhaft). Ich habe Sie recht gern – lieber Konrad – also guten Morgen, Herr Polizeirath– sind ja jetzt auf Ihre – Veranlassung – viele Verbesserungen – in den – in den Zuchthäusern eingeführt – (holt sich Hut und Stock; spaßend) Haben – haben auch recht artige Kinder, Herr Polizeirath– spielen immer so hübsch – spielen immer so hübsch im Sande – wenn ich auf der Promenade spazieren gehe –

Commissair. Herr Assessor – es hat Eile –

258 Wolf (immer wie spaßend und dabei zitternd). Sie sind so pressant, Herr Commissair – schönes Tuch da an Ihrem Rock, Herr Commissair – schönes Tuch – holländisches Tuch? –

Ref. Fels (zu Denker). Das ist ja ein wahrer Galgenhumor.

Wolf. Ach, der Tausend, ich – ich kenne Sie ja, Herr Commissair! Sieh – Sieh – waren ja früher Schirrmeister bei der Schnellpost – bin oft mit Ihnen – wissen Sie wohl – nach Leipzig – Gott, wie man doch manchmal – im Leben – so wieder zusammen kommt! (Ab. Commissair und Denker folgen.)

Dritte Scene.#

Julie (stürzt aus der Thüre links herein). Referendar Fels. Konrad.

Julie. Ich halte mich nicht länger zurück. Ich vergehe vor Angst. Ich muß ihn sprechen.

259 Ref. Fels. Beruhigen Sie sich! ich beschwöre Sie; keine Uebereilung!

Julie. Ihn in Gefahr zu wissen, allein mit seinem nagenden Schmerz, allein mit dem Gefühl seiner gekränkten Ehre – ich ertrag' es nicht.

Ref. Fels. Einen Augenblick! Sie müssen es. Gehen Sie so lange zurück, bis wir ein deutlicheres Ende absehen.

Julie. Nun ich ihn in Gefahr weiß, hab' ich keinen andern Gedanken mehr, als ihm zu leben, ihm zu sterben. Lassen Sie mich zu ihm!

Ref. Fels. Ich beschwöre Sie; überlassen Sie mir ihn noch einen Augenblick allein.

Julie. Wie soll ich mich rechtfertigen, wenn ein gefoltertes Gemüth sich dem Argwohn hingibt, daß ich ihn in der Stunde verließ, wo alle an ihm zweifeln konnten, aber sein Weib ihm treu bleiben mußte!

Ref. Fels. Ich nehme Alles auf mich. Ich verantwort' es. Gehen Sie jetzt (drängt sie zurück) Gehen Sie – jetzt 260hängen noch Wolken am Horizont – erst wenn der Himmel wieder blaut, dann gehen Sie ihm als die Sonne seines Lebens auf! (Drängt sie an die Thür links zurück.)

Julie. Machen Sie schnell, daß ich in meiner Angst nicht vergehe! (Ab.)

Vierte Scene.#

Referendar

Ref. Fels. Konrad, wie steht's mit Deinem Herrn?

Konrad. Recht traurig. Kam die Nacht todtenblaß nach Hause. Hier war es traurig hergegangen, Polizeirath Denker – alles mit Beschlag belegt.

Ref. Fels. Und Dein Herr!

Konrad. Schloß sich hier nebenan ein. Wollt' ihm ein Bett hineinstellen –

Ref. Fels. Schlief die Nacht nicht – ?

261 Konrad. Gibt auch gar keine Antwort.

Ref. Fels (mit einem Verdacht). Um Gotteswillen, Konrad!

Konrad. Nein, nein – ich hör' ihn wohl – er geht manchmal auf und ab. Ich wollt' ihm Essen bringen – Nein! Kein Frühstück – nichts – kaum eine Antwort –

Ref. Fels. Geh, Konrad, ich werde versuchen, ihn zum Oeffnen zu bewegen.

Konrad (bejahend). Gebe Gott, daß Sie Friede stiften! (Ab.)

Ref. Fels. Die Aufgabe ist furchtbar schwer. Bei seiner gereizten Stimmung ihm nun noch mein Geständniß anzubringen – ! Ich versuch' es. (Klopft an die Thür'.) Jordan! Heinrich! – Ich hör' etwas. – Heinrich! – Er kommt.

262

Fünfte Scene.#

Heinrich (tritt leidend und blaß, aber nicht mehr verstört, heraus. Sieht wie ein Gelehrter im Hauskleide aus, mit umgeschlagenem Hemdkragen. Er hat ein Buch in der Hand.) Referendar Fels.

Ref. Fels (theilnehmend). Jordan, wie fühlst Du Dich?

Heinrich (legt das Buch weg). Ich las in der Weltgeschichte und fand auf jeder ihrer Seiten bestätigt, daß die Menschenschicksale nur die scherzhaften Launen der Götter sind. (Setzt sich.)

Ref. Fels. Deine Angelegenheit nimmt die beste Wendung. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß die Intrigue dieses Wolf lediglich die Veranlassung der Unregelmäßigkeiten ist, die man Dir vorwirft.

Heinrich. Wäre mir lieb. Denn ich möchte, da ich mich in einen neuen Boden verpflanzen will, daß vom alten auch nicht das kleinste Stäubchen mehr an den Wurzeln zurückbliebe. Wenn man so den Sternen in's stille 263 Antlitz blickt, erweitert sich doch recht die Brust und alle Wunden schließen sich.

Ref. Fels. Heinrich, wird es Dir denn so schwer, in Marien die Gattin eines Andern zu wissen?

Heinrich (ruhig). Warum sprichst Du noch von ihr? Der Gedanke an sie war bei mir nur das Symptom eines Uebels, dessen wahren Sitz ich an einer ganz andern Stelle jetzt gefunden habe.

Ref. Fels. Heinrich, ich muß Dir etwas gestehen –

Heinrich. Im Betreff Mariens? (Lächelnd) Bist Du vielleicht gar der Freiwerber für den Intestaterben meiner Jugend?

Ref. Fels. Heinrich. (Pause.) Ich selbst bin es, der Marien seine Hand geboten hat.

Heinrich. Du?

Ref. Fels. Ich sah Marien, die ich zu Deiner Zeit nur dem Namen nach kannte, seit einigen Monaten öfters an dem 264 Fenster, wo sie früher wohnte; ich begegnete ihr in Häusern, wo sie unterrichtete, sie machte, da sie so ganz verschieden von den Mädchen meiner Bekannschaft ist, auf meine Flatterhaftigkeit einen Eindruck, der mein tiefstes Innerste fesselte; diese Seelengüte, diese Bildung, dieser romantische Reiz ihrer ganzen äußern Erscheinung, dieser schmerzliche und doch so unendlich holde Zug um ihre Lippen – o, mach mich nicht lachen, ich kann nicht wie ein Verliebter sprechen – ich sah sie in Deinem Hause zu meinem größten Erstaunen wieder, sagte ihr nie etwas von meiner Theilnahme – Gott, was ist Dir, Heinrich?

Heinrich (wie schwindelnd, aber freudig). Ich suche – ich suche festen Fuß für meinen schwankenden Tritt – Herrmann –

Ref. Fels. Nun sieh', Heinrich, ich ließ bei meinem Vater ein Wort fallen; der kannte die innern Zwistigkeiten Deines Familienlebens, er griff diesen Gedanken auf, trug Marien meine Wünsche vor –

Heinrich (forschend, aber freudig). Sie sträubte sich erst? Sie weinte, Herrmann?

265 Ref. Fels. Ja, es währte lange –

Heinrich (schwindelnd). Lange? (Sich sammelnd und freudiger) Dann wußte sie aber, daß Du mein einziger, theuerster Freund auf der Welt bist, daß mich nichts glücklicher machen würde, als meine Schuld, da ich es selbst nicht durfte, von Dir abgetragen, meine verscherzte Jugendliebe an Deiner Hand durchs Leben wallen zu sehen – sieh', Herrmann, ich weiß nicht, es wird nun vollends so klar um mich, es fallen mir Nebel von den Augen, ich finde mich zurecht, ich sehe Licht, Herrmann, mein theuerster Freund – (Ihm in die Arme stürzend) Ich werde genesen.

Ref. Fels. Freilich, so ein schwärmerischer Liebhaber, wie Du, bin ich nicht.

Heinrich. Herrmann, Ihre Vergangenheit wirst Du ehren?

Ref. Fels. Wie meine eigne! Hab' ich doch, ohne Marien damals zu sehen, alle Freuden und Leiden Deiner ersten Liebe durchgekostet und mitempfunden, von Deiner eignen Jünglingszeit bin ich die eine Hälfte, wir rangen nach 266 einem Ziele, wir litten, wir jubelten mit einander –

Heinrich. Du nur, Du nur warst es, der das Räthsel lösen konnte! Ein Theilein Theil meiner Leiden ist getilgt!

Ref. Fels. Ein Theil, Heinrich?

Heinrich. Laß dies! Noch Manches hab' ich Euch mitzutheilen. Aber den ersten Sieg, den wir errangen, wollen wir darum nicht minder fröhlich feiern.

Ref. Fels. Sie ist hier! (An die Thür' links hin.) Du selbst sollst unsre Hände in einander legen!

Heinrich (ihm nach). Für die Ewigkeit, mit der freudigsten, lächelndsten Entsagung.

Ref. Fels. (öffnet. Ab.)

267

Sechste Scene.#

Julie (tritt beklommen, aber hingebend heraus). Heinrich.

Heinrich (zurückfahrend). Julie!

Julie (fäßt mit Leidenschaft seine Hand). Heinrich, kannst Du fühlen, was dieser Druck der Hand Dir sagen soll?

Heinrich (die Augen niederschlagend). Wenn er Vergebung ist–

Julie. Wer bedürfte deren mehr, Heinrich, als ich? Ich schäme mich, daß ich Dich verlassen konnte – in einer solchen Nacht – Heinrich (besorgt) was hab' ich hören müssen –

Heinrich (ruhig). Mein liebes Weib! Durch die Zerrüttung meines Gemüths sind in jüngster Zeit meine Arbeiten in Unordnung gerathen. Ein Böswilliger hat dies benutzt und 268 darauf Anklagen gestützt, die sich bald als grundlos erweisen werden.

Julie (ihn umarmend). Wenn wir darüber beruhigt sind, dann, Theurer, laß' uns das Uebrige, was störend zwischen uns treten konnte, in den Strom der Vergessenheit schütten!

Heinrich. Nichts vergessen, Julie! Es ist ein arges Wort: vergessen! Man muß mit ruhigem zufriedenem Lächeln in die grünen Auen der Erinnerung zurückblicken dürfen, (sinnend) – noch liegt etwas auf meiner Seele, – aber (zärtlich) was sich aus allen Finsternissen herausgerungen hat, das ist der holde Stern meiner Liebe zu Dir und (sie umarmend) meiner ewigen Treue.

Siebente Scene.#

Dr. Fels. Ref. Fels (treten links ein). Die Vorigen.

D. Fels. Sieh, da erneuern sich ja schon die Flitterwochen, und weit ächtere sind die, die erst in den späteren Jahren der Ehe kommen! Ich, Heinrich, gehöre nicht zu denen, 269 die Dich verdammen, ich achte Dich, ich liebe Dich um so inniger, daß Du Gefühl genug besaßest, um alte Zeiten, wie es Tausende junger herzloser Leute thun, nicht in Deiner Seele auszulöschen. Du warst krank an Deinen Verhältnissen; Du hattest das Gefühl einer Schuld, die die meisten jungen Männer obenhin nehmen würden, die aber Dich um so mehr ergreifen mußte, als die Macht der Erinnerung über Dich kam – (eine Thräne wegwischend) Laß, mein Sohn! Ein Jeder hat in seinem Herzen so einen stillen Fleck, wo um ein Grab (unter Thränen sich ermannend) der Jugend manchmal – noch die Geister umgehen. Glauben Sie mir, junge Frau, nicht die besten und herrlichsten Männer sind die, die vor allem erschrecken, was die Welt verwerfen würde – es gibt Stimmungen (mit der Hand abweisend, um sein Gefühl zu verbergen, dann aber übermannt zu Jordan) mein guter Sohn!

Ref. Fels (komisch und trocken). Vater, hatten Sie vielleicht auch – ehe Sie meine Mutter –

D. Fels. (heiter auf seinen Sohn). Er liebte sie, der wilde Junge! Hätt' ihm kaum so viel Herz zugetraut! Der Gedanke an eine frühere Liebe machte ihn zwar stutzig, aber die Leidenschaft überwältigte und das Gefühl der Freundschaft riß ihn sogar zur 270 Schwärmerei hin. Kinder, das Leben gleicht alles aus. So manche Ehe, die wie eine Pflanze im Treibhaus erst künstlich gezogen wurde, gedeiht und blüht, voll und kräftig, wenn sie in Gottes freie Natur verpflanzt wird.

Ref. Fels. Vater, was mich betrifft, ich heirathe, was Sie mir aussuchen: Marie – (weich zu Heinrich) Sie sagte mir unter Thränen, Treue –, bis zum Grabe! Ich antwortete: Was Grabe! Erst durch ein Leben voll Sonnenschein und Liebe. Ich eile jetzt auf's Bureau, um zu sehen, wie es mit Deiner Untersuchung ist. Glücklich wär' ich, könnt' ich bei Marien der Bote Deiner Freisprechung sein! (Will ab.)

Letzte Scene.#

Der

Präsident (schon an der Thür). Bleiben Sie, die Intrigue ist entlarvt.

271 D. Fels. Sagt' ich's nicht!

Julie. Mein Vater, sprich!

Präsident. Eine solche Schlange im Busen zu nähren! Dieser Assessor Wolf ist die Ursache der ganzen Verwirrung. Seine Betriebsamkeit in Ihrer Angelegenheit fiel gleich anfangs auf. Man verfolgte seine Schritte, kam auf Unebenheiten, entdeckte, daß er ein wichtiges Dokument hier unter Ihre Papiere zu mischen suchte, betrieb die Untersuchung und ist jetzt so weit, daß man in ihm nicht bloß den Verräther Ihrer Ehre entlarvt hat, sondern ihn noch größrer Verbrechen überführt, die ihn zur Cassation reif machen.

Ref. Fels. Dieser Neuntödter!

D. Fels. Jetzt erklär' ich mir das Vermögen, das er zusammenscharrte.

Präsident. Der Minister wohnte selbst dem Verhöre bei. Ihre Unschuld ist erwiesen, und um Ihnen eine Genugthuung zu geben, wie Sie sie verdienen, werden Sie das Bureau 272 nicht mehr als Assessor, sondern als Rath besuchen, wozu Sie noch heute die Bestallung erhalten sollen.

Ref. Fels (freudig auf Heinrich zu). Meinen Glückwunsch!

Heinrich (weicht aus).

Präsident (betroffen). Sie weigern sich, ihn anzunehmen?

Julie (besorgt). Was könnte nun noch sein?

Präsident. Worüber grübeln Sie, Jordan? Das Aeußre ist nun beigelegt, und auch das Innere seh' ich, ist in die alten Fugen der Liebe wieder eingelenkt. Kommen Sie an mein Herz! Warum zögern Sie? –

Heinrich (einen Schritt vortretend und die Aufmerksamkeit der Zuschauer fesselnd). Wenn ich zurückdenke, was, ich kann wohl sagen, mich in diesen Wochen beinahe zum Aeußersten gebracht hätte, so ist dies nicht blos das Gefühl einer Schuld, die 273 ich einem verrathenen Herzen glaubte abtragen zu müssen, sondern mein ganzes Dasein, meine ganze Stellung zur Welt.

Präsident. Jordan?

Heinrich. Nennen Sie mich nicht mehr mit einem Namen, den ich nicht länger tragen darf. Sie sind (zum Präsident) ein edler, aufopfernder, trefflicher Mann; aber – der Entschluß, den ich gefaßt habe, ist unwiderruflich.

D. Fels (freudig). Heinrich, versteh' ich recht?

Heinrich. Ich bin von armen aber braven Eltern aus dem Bürgerstande geboren. Durch die Fürsorge meines wackern väterlichen Freundes dort (auf den alten Fels zeigend) erhielt ich eine Erziehung, die mir alle die geistigen Mittel gab, um die Pläne eines Ehrgeizes, wie ihn jedes Jünglingsherz besitzen darf, auf mich selbst zu bauen. Was that ich aber? Ich betrübte meine Eltern im Grabe, indem ich den Namen ablegte, der alles war, was sie mir auf meine Lebensbahn mitgeben konnten. Kein Mann von Ehre wechselt ohne die innere Nothwendigkeit der Ueberzeugung seine Religion; kein Mann von Gefühl 274 wechselt den Namen seiner Eltern; daß ich nun gar noch den Adel annahm, das war vollends ein Verrath an den Ansichten, die ich vom Unterschied der Stände habe.

D. Fels (freudig zu seinem Sohne). Er wird unser! Wir bekommen ihn wieder!

Heinrich. Man hat einige Arbeiten, die ich über den Rechtszustand Deutschlands herausgab, anerkannt, man hat mir an einer rheinischen Hochschule einen Lehrstuhl angeboten. Das, das ist mein Feld. Der hoffnungsvollen Jugend des Vaterlandes gegenüber, selbst als Greis sich noch Jüngling fühlen unter Jünglingen, die Weisheit der Jahrhunderte vor Augen ausbreiten, die noch nicht wählen, was sie davon für das Brot des Lebens brauchen können, – das ist die Aufgabe, für die ich mich gebildet hatte. (Zum Präsidenten, weich) Sie sehen auf mich mit betrübtem Blicke, edler Mann! Aber (mit hoher Begeisterung) wir leben in einer Zeit, wo die Menschheit bei den immer höher und höher gesteigerten Ansprüchen, die das Leben an uns macht, nur allzuschmerzlich empfindet, daß das Herz in dem Gewühl der Welt erkaltet und wir zurückkehren müssen zu dem, was mit uns geboren wurde, zur Wahrheit der Natur, die das Maaß aller Dinge ist. Und so, mein theures Weib, frag' ich Dich, willst Du mir, dem wiedergebornen Heinrich 275 Werner, das alte Wort der Treue nicht brechen, sondern ihm als liebende Gattin auf den Schauplatz seiner neuen Bestimmung aus freiem heiligen Willen folgen?

Julie (ihm in die Arme stürzend). Durch's ganze Leben!

Konrad (kommt mit den Kindern).

Die Kinder. Vater, Vater, wir waren beim Großpapa!

Heinrich (die Kinder zum Präsidenten führend). Diese, diese bleiben die Ihren. Auf sie häufen Sie Ihre edlen Opfer! Was Sie mir zudachten, geben Sie's meinen, Ihren Kindern!

Präsident (ihm die Hand reichend). Ihre Erklärung, Werner, ist schmerzlich für mich, aber ist sie nöthig, um Ihnen die Ruhe Ihres Lebens zu sichern, so geb' ich ihr mit getröstetem Herzen meinen Segen!

Julie (ihm halb vertraulich). Und was Deine erste Liebe betrifft, Heinrich, so nehm' 276 ich sie jetzt, wie das erste Morgenroth Deiner Jugend. Ja, ja, ich fühl' es – erste Liebe ist der Maimorgen des Lebens. Ich werde die Erinnerung an sie ehren, wie Deine Jugend und dieses Heiligthum nie betreten, ohne die fromme Scheu, die uns ziemt vor dem, was über alles Irdische erhaben ist.

Heinrich. Warst Du nicht meine erste Liebe, so brennt Dir dafür auf dem Altar meines Herzens eine reine geläuterte Flamme. Durch das, liebe Julie, was uns begegnete, hast Du einen tiefen Blick in die Geschichte der Herzen gethan, die Euch Liebe schwören, einen tiefen Blick in die dunkle Region, die wir Männer Euch Frauen so gern verbergen. In tausend Seelen unsrer Zeit schlummert der Widerspruch des Herzens mit der Welt still verborgen. Wohl dem, der ihn so lösen kann, wie ich – durch Dich!

Apparat#

Fußnoten#