Patkul#

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Herausgeber / Herausgeberin
  1. Claudia Volland
Fassung
1.0
Letzte Bearbeitung
07.2009

Text#

Patkul#

5

Erster Aufzug.#

Erste Scene.#

Vorzimmer der Churfürstin im Lustschloß Pillnitz. Anna von Einsiedel und Baronesse von Jänkendorf sitzen mit kleinen Handstickereien beschäftigt rechts und links von der Bühne. Später die Oberhofmeisterin von Nostiz. Auf jedem Tisch ein schwarzes Gebetbuch.

Bar. Jänkendorf (von einer kleinen Flugschrift verstohlen aufblickend). Klingelte die Churfürstin nicht?

Anna. Nein, nein, wir sind unbelauscht. Lies nur!

Bar. Jänkendorf (liest:) „Ich, Johann Reinhold von Patkul, bin zu Stockholm im Kerker geboren.“ Im Kerker? “Mein Vater, ein geborner Deutsch-Liefländer, hatte als schwedischer 6 Offizier das Unglück, gegen die Polen eine kleine liefländische Vestung zu verlieren. Dafür schleppten ihn die Schweden über's Meer und ließen ihn in einem Kerker schmachten bis an sein Ende. Die einzige Gnade, die sie ihm gewährten, war, daß sie meiner armen Mutter gestatteten, das Loos ihres Gatten zu theilen. So wurd' ich im Kerker geboren. Des Kindes erster Blick fiel auf graue feuchte Wände, des Knaben Spielzeug wurden Ketten, das erste Buch, aus dem ich lesen lernte, waren die verwitterten Klagen, welche die Gefangenen vor uns an die Wände gemalt hatten. Erst als mein armer Vater starb, erblickte ich das Licht des Tages.“(Erstaunt.) Das ist Alles unserm russischen Gesandten begegnet?

Anna. Es ist seine neueste Rechtfertigungsschrift gegen die Schweden.

Bar. Jänkendorf. Dem Herrn von Patkul? (liest:)„Als ich mein Vaterland, mein treues Liefland mit meiner nun auch todten Mutter betrat, war Alles, was ich in meiner Heimath traf, nur das bestätigende Echo der einsamen Stockholmer Kerkerstunden. Bei dem trüben Lampenlichte, das unsere Wände matt erhellte, hatte mir der gute Vater in Schattenbildern die Geschichte Lieflands erzählt, wie unsre deutschen Ahnen als Ritter des deutschen Ordens nach Liefland kamen, erst das Schwert, 7 mit ihm aber die einschmeichelnden Künste der Gesittung und das Licht des Evangeliums brachten, wie der Ritterorden allmälig dem Bürgergeist der neuen Zeit erlag und die deutsche Heimath erst an die milde Herrschaft der Polen, dann aber zuletzt durch Eroberung unter den furchtbaren Druck der Schweden kam. Der vom Vater eingeflößte Haß des Knaben wurde Leidenschaft beim Jüngling, That beim Manne. Ich wählte den Soldatenstand und trat als Cornet in ein Riga'sches Regiment.“ – Was tragen wohl die Cornets in Riga für Uniform?

Anna. Blau und gelb.

Bar. Jänkendorf. Blau und gelb? Gefällt mir nicht: unsere Garde in Sachsen sieht hübscher aus. (liest:)„Die Schweden nennen mich jetzt einen Empörer. Aber ich sahe in Riga –“ – Wenn ich nur wüßte, wo Riga liegt?

Anna. Die Hauptstadt Lieflands? An der Ostsee.

Bar. Jänkendorf. Ah, Liefland! Das ist ja nicht weit von – von – Versailles?

Anna. Behüte! (Zeichnet auf dem Tisch mit dem Finger.) Hier ist Dresden, da Berlin, dort Warschau, da Königsberg und oberhalb Königsberg Riga.

8 Bar. Jänkendorf. Ja so! Am Nordpol! (liest:)„Ich sahe in Riga liefländische Offiziere von den schwedischen mißhandeln, ohne daß es möglich war, eine Genugthuung zu erhalten. Blutend kamen die armen lettischen Rekruten aus dem militärischen Unterricht. Die gemeinste Kost, die schimpflichste Behandlung, Zurücksetzung aller Art mußten wir Deutsche uns von den schwedischen Oberoffizieren gefallen lassen. Aber im Stillen kochte eine Gährung unter dem Volke, die Unzufriedenheit reifte zu einer drohenden Empörung, die Tapfersten und Angesehensten traten unter meiner Leitung zusammen, man berieth, wie man der Noth des armen Vaterlandes wehren sollte. Da tönte aus Stockholm eine furchtbare Botschaft. Schwedens Finanznoth war wegen der Kriege –“ Um Gotteswillen, liebe Einsiedel, es wird doch nicht geschossen?

Anna. Närrin!

Bar. Jänkendorf. „– Finanznoth so gestiegen, daß man nun das gierige Auge auf die deutschen Provinzen warf. Schwedische Sendlinge kamen nach Liefland, maßen unsre Aecker, Wälder, Triften, zählten unsre Heerden, unser Geräth und legten auf Alles, was eine willkürlich bestimmte Gränze überschritt, gierigen Beschlag. Hunderte von Familien verarmten, alle Preise sanken, keine Arbeit, kein 9 Lohn, die Gewerbe stockten, Schiffsladungen voll geraubten Gutes gingen nach Stockholm hinüber, um ein eroberungssüchtiges Heer zu unterhalten und damit die Habsucht der käuflichen Staatsmänner Frankreichs zu bestechen. Da schickten mich die verzweifelnden Liefländer nach Stockholm. Ich trete dem König und seinem Reichsrath gegenüber. Das Bewußtsein einer edlen Sache hob mir die Brust, meine Augen flammten, ein göttliches Feuer blitzte aus meinen Worten. Der König, um mich sicher zu machen, rief mir von seinem Throne einmal über das andere zu: Brav, brav, Patkul! Ich traute der schwedischen Großmuth, rede für die Freiheit meines Volkes, setze der Wahrheit keine Schranken mehr, schildere das ganze Elend der schwedischen Herrschaft und werde zum Tode verurtheilt.“(Die beiden Damen stehen auf.)

Bar. Jänkendorf. Das ist unser russischer Gesandter?

Anna. Das ist Patkul – der Freund meines Bruders. – – Doch lies weiter, lies, wie er entkommen ist!

Bar. Jänkendorf (sich umblickend). Die Oberhofmeisterin wird uns überraschen (auf die schwarzen Bücher zeigend). Das ewige Singen und Beten aus den schwarzen Büchern! Lies Du! Mich hat es ganz erschreckt.

Anna (liest mit Innigkeit). „In denselben Kerker warf man mich, in dem ich 10 geboren wurde. Noch sah ich die Spuren meiner ersten Jugendspiele; sahe die düstern Wände wieder, las auf ihnen als erste Uebungen der Handschrift die kindischen Lebenshoffnungen des Knaben – Wiege und Grab jetzt in dem einen engen Raume. Als Hochverräther, weil ich für mein Volk gesprochen hatte, sollt' ich sterben. Aber aus meiner Kindheit wußt' ich, daß am Boden des Gefängnisses eine Stelle nur leicht mit steinernen Vliesen bedeckt und hohl war. Mein Vater hatte einst einen Befreiungsversuch gewagt, den er später aufgab, weil er unglücklich und lebensmüde war und die Welt nicht wiedersehen wollte. Ich hebe die steinerne Decke ab, sehe den Durchbruch einer tiefen Oeffnung in der Mauer – ich konnte noch nicht sterben, mein Leben hatte dem deutschen Vaterland noch so große Träume zu erfüllen. Die Höhlung mündete in einen Corridor (es klingelt hinter der Scene), dessen Ausgänge und Wachtposten ich kannte. Die Thurmglocke schlug zwei in der Nacht (es klingelt wieder), da lass' ich mich in diesen Corridor herab. Den hallenden Schritt der Wachtposten hört' ich durch die Gänge herauf; ich berge mich in den dunkelsten Winkel und halte zitternd den Athem an, wenn die Ablösung vorüberging. Endlich graut der Morgen. Ich fasse Muth und wage mein verwirktes Leben. Wer da? ruft die erste Schildwache“ –

(Die Oberhofmeisterin von Nostiz erscheint hinten.)

11 Oberhofmeisterin (an der Thür). Aber meine Damen! Die Churfürstin hat dreimal nach Ihnen verlangt.

Anna (verbirgt die kleine Schrift von Patkul in dem Gebetbuch, nimmt es mit und geht zur Seite ab).

Oberhofmeisterin. Was lasen Sie denn?

Bar. Jänkendorf. In – den – „sieben geistlichen Trostgründen,“ die uns die gute Churfürstin gegeben hat.

Oberhofmeisterin. Ach, es bleibt uns auch nichts mehr übrig, als der Himmel. Die Schweden sind nahe vor Dresden. Karl XII. hat uns Polen genommen und wird uns Sachsen nehmen. Die Churfürstin weint hier in Pillnitz, der König, um seine Leiden zu vergessen, jagt bei Hubertsburg; hätten wir nicht noch Herrn von Patkul, wir müßten Alles verloren geben.

Anna (kehrt zurück).

Oberhofmeisterin. Liebe Einsiedel, wenn Sie auch der König auszeichnet –

Anna. Mich?

Oberhofmeisterin. – So dürfen Sie darüber Ihre gnädige Gebieterin nicht vernachlässigen! Lassen Sie keine Minute vorüber, 12 um in so arger Zeit für Ihr Seelenheil zu sorgen. Ich werde zurückkommen und Sie hernach über die „sieben geistlichen Trostgründe“ examiniren! (Ab.)

Bar. Jänkendorf. Wir sind die ärmsten Geschöpfe von der Welt. Die Churfürstin sollte uns lieber zu Frauen, als zu Engeln machen. Im rechten Schloßflügel beim König wird gelacht, im linken bei uns nur geweint. Drüben lesen sie französische Romane, hier müssen wir beten. Drüben ist Versailles, hier Jerusalem. – Nun weiter liebe Einsiedel, wie entkam Patkul?

Anna (mit gestütztem Haupt an ihrem Tisch). Ach, lies es für dich! Er entkam seinen schwedischen Verfolgern, floh in die Schweiz, lebte dort lange verborgen, lernte meinen Oheim Flemming kennen und ließ sich bereden, in sächsische Dienste zu treten.

Bar. Jänkendorf. Ob es wohl wahr ist, daß sich Karl XII. nichts aus den Frauen macht? Die Schweden sollen im Kriege tapfer, aber im Frieden langweilig sein. Gelb und blau ist keine hübsche Farbe: drüben in Dresden sehen so uns're Portechaisenträger aus. Aber was hast Du nur?

Anna (aufstehend verstört). Laß mich, liebe Jänkendorf! Das zufällige Wort der Nostiz hat mich verletzt. Ich nehme innigen Antheil 13 an dem Schicksal meines Vaterlandes. Die Schweden belagern Leipzig, sie wollen Dresden anzünden, unsre Truppen sind geschlagen, die russischen Hülfsvölker, die Patkul befehligt, gesprengt. Die Churfürstin badete sich in Thränen, als ich auf ihrem Zimmer war; der König – Du bist jünger als ich, liebe Freundin. Scherze, tändle! Mein Herz ist schwer; Du verstehst mich nicht! Ich geh' auf mein Zimmer. Melde mich unwohl. Tagen wird es – vielleicht nur zu früh!

Bar. Jänkendorf (allein). Die gute Anna! Sie liebt. Aber wen? Sie ist unglücklich und „die sieben Trostgründe“ hat sie doch da liegen lassen! (Es klingelt hinter der Scene.) Einer davon hätte doch vielleicht gewirkt. Die Churfürstin klingelt. Ich wünschte, ich wäre statt einer Hofdame lieber ein Page und diente drüben auf unserm rechten Flügel, wo man französische Romane liest, in lebhafter Verbindung mit dem göttlichen Versailles steht und nicht nöthig hat, über jedes Compliment, das uns ein Cavalier macht, zu erröthen und zu sagen: Signore no capisco! (Es klingelt.) Ach, ich komme schon. (Hüpft ab.)

Verwandlung. 14

Zweite Scene.#

Zimmer im russischen Botschaftshotel in Dresden. Petrow, Muraview, Glinka mit noch vier Offizieren vom Russischen Generalstab treten rasch ein. Iwan. Später Patkul und Julius v. Einsiedel.

Petrow. Ganz Dresden ist in Aufruhr.

Muraview. Sie wollen wissen, wie es mit Sachsen steht.

Glinka. Der ganze Markt wogt von der Menschenmenge. (Treten alle ans Fenster.)

Petrow. Sie halten den General an.

Muraview. Er soll ihnen Nachricht geben. Der König ist nach Pillnitz. Die Minister bleiben verborgen. Dresden kann in vierundzwanzig Stunden in den Händen der Schweden sein.

Petrow. Sehen Sie da! – Der General spricht zu der Menge.

Muraview (horchend). Von seinem Haß gegen Schweden – von Schweden 15 und Frankreich, die sich in Europa theilen wollen – vom Krieg – von der polnischen Krone – Churhut retten – Deutschland retten – Schweden im Land – Jammer des dreißigjährigen Krieges – Sachsen ein Juwel – Friedrich August ein Vater seines Volkes – Frieden schließen – mit Karl – Um Sachsen zu retten – Frieden schließen – wie sie seinem begeisterten Worte lauschen!

Glinka. Sie kennen die Gefahr nicht in ihrer ganzen Größe.

Petrow. Sie begleiten den General hierher. Sie rufen – (Man hört hinter der Scene lautes Rufen, das sich immer mehr nähert:

Glinka. Kaum lassen sie ihn durch –

Petrow. Kommen Sie; der General!

Alle (treten an den Eingang der Thür). (Patkul und Julius von Einsiedel treten auf.)

Patkul (in Uniform, sehr aufgeregt). Das ist ein heißer Tag! (Nimmt seinen Hut ab.) Die armen Menschen dauern mich. Sie suchen in der Irre und finden keinen Hirten! – – (Sich erst erholend.) Wie stark ist noch unser Corps?

Petrow. Von zehn- nur noch viertausend.

16 Patkul. Entsetzliche Bellona! Was die eine Seite ihrer zweischneidigen Sichel im Kampfe verschont, mäht die andre in verheerenden Krankheiten fort! – – Ist die Kriegskasse noch gefüllt?

Muraview. 250,000 Thaler.

Patkul. Was in der Schlacht die Fahne, ist leider das Geld im Frieden! Den Muth nicht verloren, Freunde. Wir sind geschlagen,–– ja wir sind's! Peter der Große wird seine Eisfelder zu Hülfe nehmen müssen, um Karl dem XII. zu vergelten. Reiten Sie zu den Unsrigen! Grüßen Sie die Donischen Kosaken und die Zaporoger! (Zu Iwan.) Wie singt ihr an der Wolga, Knabe, wenn ihr in die Steppe reitet und Pferde in den Sümpfen fangt?

Iwan.

  • Die Stepp' ist wie das große Meer,
  • Schnell fliegt die Wolke drüber her,
  • Der Habicht wird wohl schneller sein,
  • Der Wind, der holt sie alle ein;
  • Doch schneller, als der ganze Troß
  • Ist der Kosak auf seinem Roß.

Patkul (für sich). Glückliches Naturvolk! Du weißt nicht, daß der menschliche Gedanke doch noch schneller als Kosakenpferde 17 ist! Lebt wohl! Reitet zu den Brüdern und meldet mir die Bewegungen der Feinde. Morgen beginnt der Waffenstillstand. (Alle bis auf Einsiedel und Patkul ab.)

Patkul. Du bist so ernst, Julius?

Einsiedel. Ich betrübe mich um Dich.

Patkul. Warum? Weil ich alle meine Hoffnungen scheitern sehe?

Einsiedel. Nein, Reinhold. Weil Du eine Entschlossenheit zeigst, die mir verräth, daß du sie noch nicht aufgegeben hast.

Patkul. Im Unglück wächst mir die Kraft. Geschlagen stehen wir an den rauchenden Trümmern unserer Hoffnungen! Aber wir müssen Alles wiedergewinnen, wenn der König seine wahren Feinde nicht draußen, sondern drinnen sucht.

Einsiedel. Reinhold, Du willst gegen die Creaturen eines Flemming auftreten? Ueberschau den Boden, auf dem Du Dich mit Deinem zusammengeschmolzenen, kampfunfähigen russischen Hülfscorps befindest! Die Minister hassen Dich, weil sie gehofft hatten, als Du in ihre Dienste tratest, Du würdest ihnen für ihre Pläne eine Scheide, keine Klinge sein. Du gingst in russische Dienste, bliebst hier in Dresden als Gesandter, commandirtest die Hülfstruppen, 18 Du warst das Gewissen dieser Menschen. Du hast sie gezügelt durch Deine Macht. Jetzt – lösen sich alle Bande der Ordnung und des Gesetzes, Du bist wehrlos – – Laß es fluthen! Laß es treiben! Der Weltgeist fordert nichts von Dir.

Patkul (hat sich niedergesetzt. Nach einer Pause). Ich bin ein Liefländer. – Deutsch war meine Muttersprache; doch mußt ich schwedisch sagen, was ich deutsch gefühlt. Bis zum Tage von Lützen waren die Schweden ein Segen für Europa, bis zum Tage von Fehrbellin ertrug man sie. Nach Gustav Adolf kam Torstensohn, dann lieh sich Oxenstierna von Richelieu das rothe Sammetkäppchen der jesuitischen Diplomatie; dann kamen die raubsüchtigen militärischen Nachzügler; Brandenburg, Preußen wurde von den Schweden frei; in Liefland blieben sie. Bin von ihnen zum Tod verurtheilt, weil ich für Recht und Gerechtigkeit sprach; entfloh, die Schweiz wurde mein Asyl, las in den Büchern, in den Sternen, trieb's so in der Stille fort – da läßt sich Euer Churfürst in Krakau als polnischer König krönen und verspricht, ein zweiter Sesostris, ein Augustus, wenigstens ein Louis quatorze zu werden – – (seufzt) – – (aufblickend) Nun bin ich einmal da; ich hoffte für mein Vaterland – – – (steht mit einem männlichen Entschluß auf) und hoffe noch!

Einsiedel. Polen, Rußland, Sachsen sind geschlagen, Patkul.

19 Patkul. Was Sachsen! Ich ließ diesen schwachen Staat und ging zu Peter, dem Czaaren. Rußlands Hülfsmittel sind unerschöpflich: Rußland hat das Gold und das Eis. Nicht das Schwert der Schweden hat uns besiegt. Die gelbe Furie der Intrigue schlich in unsre Reihen, der Sachse gehorchte nicht dem Russen, der Russe nicht dem Polen. Die Kriegsgelder sind verschleudert worden. Welcher Bundesgenosse konnte zu Sachsen Vertrauen fassen, einem Staat, dessen Credit untergraben, dessen Schatz leer, dessen Justiz und Staatsmänner käuflich sind.

Einsiedel. Wer beweist dies?

Patkul. Marmorne Palläste und Hütten von Stroh! Eine goldne Leibwache und kein Heer! Prachtgärten mit den Pflanzen beider Indien und brachliegende Aecker! Mitleid für Thränen auf der Bühne, keines für den Landmann in seiner gepfändeten Hütte! die Statüen der Griechen, die Gemälde Italiens, erkauft durch die allgemeine Armuth des Landes!

Einsiedel. Patkul! – Auf meiner Zunge, – auf meinem Herzen brennt ein Auftrag – ein Geheimniß – der König –

Patkul. Der König?

20 Einsiedel. O dürfte die Last mir bleiben und mich hinunterziehen!

Patkul. Was hast Du?

Einsiedel (sich sammelnd). Der König kennt unsre Freundschaft – er ließ mich zu einer Audienz fordern, wo er mir auftrug – Dir – im Geheim zu sagen, daß er von Dir ein – Gemälde seiner gegenwärtigen Lage –

Patkul (freudig). Das, das hab' ich gehofft, das hab' ich vom Schicksal mir erbeten!

Einsiedel (zieht einen Brief hervor). Hier, sein Brief an Dich!

Patkul (nimmt ihn). Polens Königskrone noch als Siegel! Höret die Wahrheit, Fürsten, und ihr werdet nie eine Krone verlieren! (er bricht:)„Mein lieber Herr von Patkul, Sie kennen das große Vertrauen, welches ich stets in Ihren Geist und Ihre Aufrichtigkeit setzte. Ich frage Sie jetzt auf Ihr Gewissen, muß ich jede Hoffnung aufgeben? Welche Politik rathen Sie an, selbst wenn ich jetzt Frieden schlösse, um in späterer Zeit meine gerechten Ansprüche auf Polen zu erneuern? Entwerfen Sie mir ein Gemälde meines Landes! Von Schmeichlern umgeben dringt kein Lichtstrahl der Dinge, wie sie sind, in 21 mein Auge, und doch ist es mein heiliger Ernst, die saumseligen Vollstrecker meines Willens, die Dränger meines Landes kennen zu lernen. Ich erwarte in den bekannten Chiffern, deren Schlüssel Sie besitzen, von Ihnen ein Memoire über Sachsen, Polen und Alles, was auf meine verlorne Königskrone und den Churhut sich bezieht. Ich muß wissen, wie ich wieder erobern kann, was ich jetzt verloren geben muß. Liefland –“

Einsiedel (will ihn am Weiterlesen hindern). Patkul, gieb den Brief! Du hast nicht nöthig, das Opfer Deines Freimuths zu werden.

Patkul (fährt begeistert fort): „Liefland hat meinen Schwur, daß ich mein Leben daran setze, es aus dem Joche der Schweden zu befreien. Lassen Sie uns Beide Hand in Hand gehen. Friedrich August,für jetzt besiegt, doch nicht ohne Hoffnung.“

(Besinnt sich eine Weile starr, faßt dann einen Entschluß und will seinen Hut nehmen.)

Einsiedel. Patkul, Du willst es wagen?

Patkul. Ich will. Liefland ließ mich im Kerker geboren werden; Ketten um Liefland; Liefland führte mich an die Leiter zum Hochgericht.

Einsiedel. Patkul, ich beschwöre Dich.

22 Patkul. Liefland! Ein grüner kleiner Fleck da am Busen der Ostsee! Klagend bricht sich dort die Welle an der Düne. Wer kennt das Land! Die Birken, seine Linden duften nur sich selber!–– Aber in dieses bunte russische Kleid will ich nicht vergebens gekommen sein. Auf mich fiel einst die Wahl meines Volkes. Hunderttausende hoffen auf mich gegen Schweden und singen mir ins Ohr das alte Lettenlied:

  • Die Birke weint aus ihrer Rinde,
  • Der Waidelotte spricht:
  • Hat denn Perkunos Sturm und Winde
  • Und seinen Donner nicht?

Einsiedel. Du schwärmst, Reinhold!

Patkul. Für die Freiheit schwärmen, heißt an den Himmel glauben. Für die Freiheit träumen, heißt wachen für die Ewigkeit. Liefland ist die Loosung! – – Ich schreibe– das Memoire! (Ab.)

Vorhang fällt. 23

Zweiter Aufzug.#

Erste Scene.#

Saal im Schlosse zu Pillnitz. Flemming in großer Aufregung, Pfingsten treten ein. Ein Offizier wartet.

Flemming (zum Offizier). Dresden soll sich ruhig verhalten. Die Truppen sind in den Casernen zu consigniren! Jeder Wachtposten hat scharf geladen, der Kommandant ist mir für die Ruhe der Hauptstadt verantwortlich! Melden Sie übrigens dem Magistrat, daß Seine Majestät sich bereit erklärt haben, Unterhandlungen wegen des Friedens anzuknüpfen. (Offizier ab.) Das ist das Ende, aber ich schwör's (wirft sich in einen Sessel), es soll der Anfang ungeahnter Dinge werden.

Pfingsten. Excellenz, dieser Unmuth um ein Paar Bogen Papier, worauf ein junger Weltstürmer seine ersten kameralistischen Ideen hingekritzelt hat!

24 Flemming. Nein, Pfingsten! Nach Imhof sollen auch Sie dies entehrende Pamphlet lesen!

Pfingsten. Wie wenig das Pamphlet auf Seine Majestät gewirkt hat, beweist der Umstand, daß sie es Ihnen mittheilten.

Flemming. Auf den ersten Blick sah' ich, was die Schrift enthielt, ich las sie zur Stelle und reichte dem König meine Entlassung ein. Dieser weigerte sich, sie anzunehmen. Patkul, vor meinen Augen vom Könige umarmt, schickt sich in größter Schnelligkeit zur Rückreise nach Dresden an. So stehen die Dinge! (Steht auf.) Was halten Sie davon?

Pfingsten. Es wird hier Vieles vom Könige abhängen; das Meiste aber von unserer eigenen Kraft.

Flemming. Frei will ich sein. Müssen wir Polen aufgeben, will ich wenigstens Sachsen regieren, wie es mir gefällt. Bin ich hier Minister? Unter dem Schein der größten Indifference beherrscht ein fremder Envoyé den Monarchen. Ich habe die Verantwortlichkeit, er die Macht.

Pfingsten. Es böte sich wohl eine Gelegenheit, ihn auf eine solenne Art (sinnend), was man allenfalls auf gut Sächsisch 25 nennen könnte, – zu eliminiren. (Schnell.) Wie ist es mit dem Frieden?

Flemming. Hier sind die Bedingungen, zu denen sich der König verstehen will! Um diese Präliminarien zu überreichen, reisen Sie noch heute Mittag in das schwedische Lager bei Altranstädt, Imhof wird Sie begleiten.

Pfingsten (nimmt die Papiere und blättert darin). Die polnische Krone – ade! Der Königstitel! – eine Kapsel ohne Werth! Die Reichskleinodien – stehen beim Könige von Preußen in Versatz! Schwedische Winterquartiere in Sachsen – werden die Stände dazu das Holz geben? Die Prinzen Sobiesky zu entlassen: ganz gut, ganz gut. – Da sind einige Blätter leer?

Flemming. Vorläufig schon mit meinem Namen unterzeichnet. Schreiben Sie hinein, was die Schweden sonst verlangen. Die Ratification bleibt natürlich dem Könige vorbehalten.

Pfingsten. Verlangen? – Was die Schweden sonst verlangen? Excellenz, was können die Schweden nicht Alles verlangen?

Flemming (ihn fixirend). Denken Sie an etwas?

Pfingsten (schnell). O, wir werden noch über Manches zu reden haben, 26 Excellenz! – Doch sehen Sie, (nach der Thüre blickend) Herr von Imhof scheint sich auch an dem Pamphlet überlesen zu haben.

Zweite Scene.#

Imhof. Die Vorigen. Zuletzt ein Laquai.

Flemming (auf Imhof zu). Nun, was sagen Sie?

Imhof (ganz bestürzt). Es giebt hier wohl nur zwei Fälle. Entweder wir treten alle vom Ruder ab, oder wir trennen auf immer Patkul von des Königs Person.

Pfingsten (halb laut, aber entschlossen). Schnell ans Werk, Excellenz. Patkul steht gegenwärtig in einer isolirten Lage. Er wird sich uns auf Gnade und Ungnade ergeben müssen.

Flemming. Sie combiniren?

Imhof. Worauf wollen Sie hinaus?

Pfingsten. Hören Sie! Als Patkul vor einigen Wochen in Berlin war und den letzten Versuch machte, Preußen in ein Bündniß mit dem Czaaren gegen Schweden zu ziehen, 27 befand er sich in dem Abendzirkel des Ministers von Ilgen. Wie immer waren wir der Gegenstand seiner Verwünschungen. Herr von Ilgen, erschrocken über seine unvorsichtige und verläumderische Sprache, wußte sich, um ihn zum Stillschweigen zu bringen, nicht anders zu helfen, als daß er ihn bei der Hand nahm, auf die Seite, wie zu einer vertraulichen Mittheilung führte und scherzhaft that, als wollt' er aus den Lineamenten seiner Hand sein künftiges Schicksal lesen. Patkul sieht, daß Herr von Ilgen über den Scherz plötzlich erblaßt. Ilgen will sich entfernen, Patkul zwingt ihn, Rede zu stehen. Ilgen bat, er hätte nur einen Scherz beabsichtigt, er möchte mit ihm zur Gesellschaft zurückkehren. Dies steigert die Neugier des wundersüchtigen Patkul nur noch mehr. Endlich mußte sich Herr von Ilgen entschließen, nachzugeben. Er nahm Patkuls Hand und sagte zu ihm mit zitternder Stimme: Herr von Patkul, Sie werden – keines – natürlichen Todes sterben! Patkul, der an Ahnungen glaubt, wie angedonnert, spricht kein Wort, nimmt Postpferde und reist in vierundzwanzig Stunden ab. In Berlin lachte man darüber und hält jetzt Herrn von Ilgen für einen großen – Diplomaten. Es liegt an uns, Excellenz (boshaft lächelnd), aus ihm einen noch größern – Propheten zu machen.

Flemming (sinnend). Hm, –

28 Imhof. Wenn Sie glauben, den König zu etwas stimmen zu können.

Pfingsten. Den König?

Imhof. Sie reden doch vom Frieden?

Flemming. Ein Coup de main

Imhof. Wenn wir unbedingte Vollmacht hätten –

Flemming. Allerdings, die haben Sie ja für diePräliminarien–

Pfingsten (geht während dieser gegenseitigen Ausforschungen, wo Jeder etwas ahnt und doch nichts auszusprechen wagt, an den Tisch und blättert in den erhaltenen Papieren). Par Exemple! Hier ist eine von den verhängnißvollen leeren Seiten. Gesetzt, auf einem der Blanketts stünde folgende Phrase: Patkul(schreibt und zeigt dann erwartungsvoll das Papier an Imhof).

Imhof (bestürzt, doch lächelnd). Ja, das wäre etwas! (Uebergiebt das Papier an Flemming.)

Flemming (liest es, erschrickt und giebt es schnell zurück). Um Gotteswillen – meine Herren – ich habe nichts gesehen. Die Unterhandlungen im schwedischen Lager stehen Ihnen ja gänzlich frei. Handeln 29 Sie – nach Willkür, (stark betonend) aber bedenken Sie Eines

Kammerdiener (kommt schnell von rechts und ruft laut). Der König!

(Alle Drei fahren auseinander.)

Dritte Scene.#

Friedrich August tritt auf. Sein Benehmen ist sehr galant, leicht, beweglich und doch wieder höchst bestimmt. Zwei Laquaien vor ihm her, die während der Scene ganz im Hintergrunde bleiben.

Friedrich August. Ah, meine Herren! Ging meine Mutter schon mit ihren Damen vorüber?

Imhof. Nein, Majestät.

Fr. August. So betet sie vielleicht noch. Gott, diese ewigen Belästigungen des Himmels! Die gute Frau muß den Engeln recht langweilig werden. Meine Herren, Sie sind verstimmt. Sie haben etwas? (ironisch) Ja so – o Sie müssen Herrn von Patkul nicht zürnen; er meint es gut mit mir, er liebt mich, er verbindet mich durch Zuvorkommenheiten, (zu Flemming) Flemming, 30 schicken Sie in die Russische Botschaftskanzlei! Da uns alle Geldsendungen aus der Provinz ausbleiben, hat Patkul die Güte gehabt, mir aus den Russischen Hülfsgeldern einen Vorschuß von Zweihunderttausend Thalern zu versprechen.

Flemming (bei Seite). Auch das noch?

Fr. August. Keine Rivalität! Keinen Partheigeist an meinem Hofe! In Polen hatt' ich Anarchie genug. In Sachsen will ich Alles d'Accord haben. Er hat Ihre Verwaltung angegriffen, Flemming, sie verdiente einige Reproches, lieber Flemming; es ging nicht Alles so – wie es sollte, mein bester Graf, – ich habe viel Ursache, Feldmarschall –

Flemming. Sire, als ich vor 10 Jahren vom Reichstag in Warschau eine Krone zu Ihren Füßen legte, begrüßte mich Friedrich August mit den Worten: So lange die Uhr meines Herzens schlägt, sollen Sie meinen Völkern der Weiser sein.

Fr. August. Ja wohl, ja wohl! Flemming! Aber un roi détrôné– bei Gott da hört wohl das Herz zu schlagen auf. (Zu Imhof) Herr von Imhof, Sie werden ins schwedische Lager reisen. Machen Sie, daß Sie bald zurückkommen. Unser Ballet soll im Winter nicht unter 31 der Politik leiden. Frau von Prittwitz hat im Mercure galant etwas von einem Divertissement, Amor und Psyche, gelesen – Eminent – was sie mir davon erzählte. Suchen Sie die Tänze aus Paris zu bekommen! Aber nochmals, keine Rivalität mit Herrn von Patkul! Ich ehre in ihm den Gesandten des Czaaren, meines Verbündeten, ich schätz' in ihm den Weltmann und Kenner der Zeiten und Menschen, ich bewundere den hohen Muth, mit dem er sein tragisches Lebensschicksal um das Wohl seiner Heimath ertragen hat (streng abbrechend) und damit lassen Sie's genug sein. (Zu Flemming) Ihre liebenswürdige Mündel – – wir sprechen noch darüber! (will abgehen: zu Pfingsten ernst) Was machen Sie da, Herr Referendair?

Pfingsten (hatte sich inzwischen dem Tisch genähert, um die Papiere fortzunehmen).

Flemming. Es sind die Friedensvorschläge, Majestät –

Pfingsten (erschrocken, Flemming ansehend, will sie einstecken).

Fr. August (nach einer Pause mit schmerzlichen Sinnen). Lassen Sie doch noch einmal sehen.

Imhof (bei Seite). Wir sind verloren!

Fr. August (nimmt die Papiere, ängstliche Pause). Es faßt sich wie glühende Kohlen an. Die letzte noch heiße Asche meiner Träume! Eine zerschmolzene Krone! 32 Ein zerrissener Hermelin! (Bricht seufzend ab; sieht dann auf die erste Seite, läßt die Hand sinken, und scharf die Andern fixirend). Werden Sie auch Sorge tragen, daß in diesen Papieren nichts von meinem Herzen gerissen wird? Hab ich meinen Ruf vor Europa, ein Kleinod, das kostbarer ist, als alle Schätze unsers grünen Gewölbes, auch treuen Händen anvertraut? (legt nach einer Pause die Papiere auf den Tisch). Reisen Sie in's schwedische Lager! Geben Sie nicht mehr, als was man uns schon genommen hat! Nicht mehr! War mir auch das Glück der Waffen nicht hold, so lerne die Welt doch dies als meinen Wahlspruch kennen: Besiegt aber ehrenvoll! (Mit Hoheit und Würde ab.)

Flemming (reißt schnell die von Pfingsten beschriebene Seite aus dem Convolut heraus und vernichtet sie). Verwünscht, daß dieser Plan uns scheitern wird.

Pfingsten (liest die Papiere auf). Excellenz – ist es Seiner Majestät mit Anna von Einsiedel Ernst?

Flemming. Wozu das jetzt?

Pfingsten. Es gehört zur Sache. Ist es Seiner Majestät Ernst damit?

Flemming. Ich bin überrascht. Er zeichnet die Einsiedel aus

33 Pfingsten. Nun, so wissen Sie denn, daß Anna von Einsiedel seit vier Wochen im Stillen verlobt ist.

Flemming. Meine Nichte?

Imhof. Mit wem?

Pfingsten (mit triumphirendem Lächeln). Mit Herrn von Patkul!

Flemming und Imhof. Mit Patkul?

Pfingsten (der sich an der Ueberraschung weidet). Das Verhältniß entspann sich in den frommen Abendzirkeln der Churfürstin. Gott, was liegt nicht Alles unter dem Deckmantel der christlichen Liebe oft verborgen! Es blieb geheim Ihretwillen, Excellenz! Wenn ich jetzt kein Anfänger in der Kenntniß der Welt bin, und wenn Fürsten nur von einer Seite auch Menschen sind, so setzen wir hier etwas zusammen, (frech) was noch der spätesten Nachwelt vor dem Genie des achtzehnten Jahrhunderts Ehrfurcht einflößen soll.

Flemming (besorgt). Pfingsten, ich stimme für nichts, als was dem König genehm ist.

34 Imhof (ebenfalls bedenklich). Auch meine Meinung, Pfingsten, nichts gegen den Willen des Königs.

Pfingsten (indem sich alle Drei zum Abgehn wenden). Versteht sich! Natürlich, natürlich! Nichts gegen den Willen des Königs.

(Alle Drei nach verschiedenen Seiten ab.) Verwandlung.

Vierte Scene.#

Im Schloß-Garten zu Pillnitz. Boskette. Springbrunnen. Statuen. Einsiedel. Anna. Dann Patkul.

Einsiedel (tritt mit seiner Schwester, sich ängstlich umblickend, rechts vom Schauspieler aus den Bosketten). O diese Tyrannei der Etikette!

Anna (in großer Aufregung). Wo? Wo? Dort? (Stürzt auf Patkul zu.)

Patkul (kommt von links mit ausgebreiteten Armen). Meine Anna! (Kurze selige Umarmung.)

Einsiedel (ängstlich nach rechts blickend). Der Hof naht – die Churfürstin – Pfingsten und Imhof – laßt es! Trennt Euch!

Patkul (vom Gefühl überwältigt). Anna, unsre Lippen stumm, nur unsre Herzen küssen sich!

35 Anna. Wann wird die Fessel springen!

Einsiedel. Nur noch einige Tage laßt Eure Liebe verschleiert. Flemming ist dein Vormund, Anna! Auf unsern Gütern liegt seine mächtige Hand. In einigen Tagen muß wegen ihrer der Prozeß entschieden sein. Ohne Flemming gewinnen wir ihn nicht. Nur noch einige Tage bleib' Eure Liebe ein Geheimniß. Man kommt. Trennt Euch! Wenn man Euch gesehen hätte! (Zieht Annen zurück.)

Patkul (nach links tretend). O nur dieser eine Sonnenblick! – Die Churfürstin!

Fünfte Scene.#

Die

Churfürstin. Auch nicht einen Tag, Herr von Patkul, bleiben Sie?

Patkul (sich sammelnd). Nicht eine Stunde, Churfürstliche Gnaden! Dresden harrt unserer Rückkunft. (Zu Imhof.) Wir machen den Weg zusammen?

36 Imhof. Auch wir wollen uns Churfürstlichen Gnaden empfohlen haben.

Churfürstin. So sind wir ganz allein, können aus dem schon fallenden Herbstlaub das Bild irdischer Größe lesen und für den Ausgang dieser trüben Stunden nur noch beten. Sprachen Sie Graf Zinzendorf in Berlin und den guten Spener?

Patkul. Zwei edle Männer, die unserm Jahrhundert wieder die fromme Weihe des apostolischen Zeitalters geben wollen.

Pfingsten (lachend). Es wird lange währen, bis Graf Zinzendorf in dieser gottlosen Welt die rechte Zahl der Apostel vollständig haben wird.

Patkul (mit Beziehung). Der zwölfte, der den Seckel trägt, möchte nicht so schwer zu finden sein.

Churfürstin. Ist das Werk des Grafen von Gott, so wird der Beistand des Himmels nicht fehlen. Herr von Patkul, wie schöne Stunden haben wir sonst zusammen gefeiert! Wie oft hat Ihr Geist und frommer Sinn die Binde von meinen Augen genommen! Ich lese Arndt, Pascal, Spener, aber je näher man den Geheimnissen der 37 Weltregierung kommt, desto heißer der Durst, desto karger die Befriedigung!

Patkul. Churfürstliche Gnaden, unser Zeitalter ist zu dunkel, als daß die Sehkraft unserer Augen so weit trüge, wie in Jahrhunderten, wo der Aether des Lebens heller, die Luft der Sitten und Meinungen reiner strömte. So überladen unsre Tracht, so überladen sind wir an Vorurtheilen. Es werden Zeiten kommen, wo die Menschen wieder in das reine Quellenbad der Natur untertauchen und die Herzen sich verjüngen werden.

Churfürstin. Wie schön, Herr von Patkul, wissen Sie von der Unsterblichkeit der Seele zu reden! Unvergeßlich wird mir die Jagd in Liebenwerda sein, wo die Cavaliere des Hofes über diesen schönsten Traum unsers Erdenlebens lachten und Sie der Einzige waren, der noch Muth besaß, ihn gegen den Unglauben dieser Zeit zu vertheidigen.

Pfingsten (lachend). Den Beweis für das Jenseits, Churfürstliche Gnaden, ist Herr von Patkul uns doch schuldig geblieben.

Patkul (zu Pfingsten.) Wenn es eine höhere Gerechtigkeit geben muß, die die Verbrechen dieser irdischen ausgleicht, so findet er sich vielleicht in den Akten Ihrer Criminaljustiz!

38 Churfürstin. Die Welt weiß so viel und von sich selbst so wenig! (lächelnd) Herr von Patkul, soll ich Ihnen einen Beweis geben, wie wir in diesem unglücklichen Kriege verwildern? (zu einer Hofdame) Fräulein von Brühl, was verbürgt uns, daß wir uns dereinst wiedersehen?

Pfingsten (zu Imhof bei Seite). Wollen wir nicht gehen? Ich fürchte, die Frage könnte die Reihe herum auch an uns kommen.

Churfürstin (lächelnd). Nun, liebe Brühl – Sie stocken – warum werden wir uns dereinst wiedersehen? Sie, Fräulein von Zeschwitz! –

Pfingsten (bei Seite). Lassen Sie uns gehen!

Churfürstin. Auch Sie nicht? Ei, ei, sogar die heidnischen Philosophen, die diesen Garten zieren, haben darauf nicht mit Stillschweigen geantwortet – Sie, liebe kleine Baronesse Jänkendorf! Was verbürgt uns das einstige Wiedersehen?

Bar. Jänkendorf (zögernd). Der Glaube!

Churfürstin (lächelnd). Ei, ei, für ein Kind naiv, für eine Christin fromm genug. Aber wie? Kann denn die Wärme für das Feuer zeugen, kann denn das Licht die Sonne erklären? 39 Sie, Fräulein Anna von Einsiedel, was bürgt Ihnen dafür, daß wir uns dereinst wiedersehen?

Anna. Die Liebe!

Churfürstin (tritt einen Schritt vor und reicht die Hand zum Kusse). O kommen Sie, (Anna stürzt auf die Hand zu und drückt sie an ihre Lippen) wie einfach und wie wahr! Thränen im Auge, gutes Kind? Augen, die um der Liebe willen weinen können, sind nicht bestimmt, ewig geschlossen zu bleiben! (Küßt ihre Stirn.)

Patkul (wendet sich erschüttert ab).

Churfürstin. Leben Sie wohl, meine Herren! Sie werden Sachsen den Frieden geben, segne der Himmel das Werk Ihrer Hände! (Ab mit ihrem Gefolge.)

Patkul (steht in Gedanken verloren).

Imhof. Sagen Sie, Herr von Patkul, wie kommen Sie bei Ihren ausgezeichneten theologischen Kenntnissen dazu, ein so berühmter Soldat und großer Staatsmann zu sein?

Pfingsten. O, Herr von Imhof, wie mögen Sie das fragen? Kennen Sie denn das Buch der Richter im alten Testamente nicht?

Patkul. Meine Herren, Sie haben eine so ungewohnte 40 Lektüre nicht nöthig. Sie werden sich Ihre Frage selbst sehr leicht beantworten können, wenn Sie nur in einem Buche blättern, das Sie wahrscheinlich stets in Händen haben, in der Geschichte der – Jesuiten! (Ab mit Einsiedel.)

Imhof. Emporkömmling!

Pfingsten. Lassen Sie nur! Er wird schon das Herabsteigen lernen. Sahen Sie nicht, wie in dem Lichtstrahl, der aus dem Auge dieser Einsiedel blitzte, alle seine Atome zitterten?

Imhof. Ist es möglich, der König liebt die Einsiedel?

Pfingsten. Seit Patkuls Abwesenheit am preußischen Hof mit einer geheimen, aber glühenden Leidenschaft.

Imhof. Ich bewundre, Herr Staatsreferendar, woher Sie das Alles –

Pfingsten. Augen! Augen! Herr Geheimrath! Die Mine ist gelegt; wenn die Politik versagt, soll die Liebe das Zündkraut sein. (Beide ab nach links.)

41

Sechste Scene.#

Anna (schnell zurückkehrend), später Friedrich August, von Vitzthum, einige Kammerdiener. (Treten vorn aus den Büschen links vom Schauspieler. Erst spannende Pause. Die Begleitung des Königs tritt dann zurück.) Zuletzt die Churfürstin mit ihren Damen.

Anna (sehr aufgeregt, Patkul suchend). Er ist verschwunden – ohne Abschied – könnt' ich ihn noch einmal sehen – O Gott, der König!

Friedrich August (tritt auf Anna, die entfliehen will, zu). Schöne Anna, Sie verschmähten das Diadem, das ich Ihnen zu schicken wagte?

Anna (mit niedergeschlagenen Augen, zitternd nach Fassung ringend). Majestät, die Farbe der Edelsteine stand nicht zu meinem Haar! (will ab.)

Fr. August. Und mein Billet uneröffnet zurück?

Anna (gezwungen lächelnd). Sire, ich sammle keine Handschriften, und in mein Album leg' ich nur, was jeder lesen darf (drängt in den Hintergrund).

Fr. August. Die ganze Welt soll es lesen, was Sie mir sind, 42 Anna! Angebetetes Wesen, entfliehen Sie mir nicht! Ich beschwöre Sie, Anna! Retten Sie ein unglückliches Herz! Wir sind allein. Anna, ich habe keinen Gedanken mehr als Sie! Anna, – meine Liebe (hat Annen, die ihm flieht, verfolgt bis in den Hintergrund).

Churfürstin (tritt plötzlich hinter ihnen mit ihren Damen dazwischen). Es ist jetzt eine schwere Zeit, mein lieber Sohn, Sie werden der Einsamkeit bedürfen, um für das Beste Ihres Volkes zu sorgen! (Führt ihm mit einer komischen Miene Anna fort.)

Fr. August. Mort de ma vie! Die Lehre hätt' ich mir selber geben können!

Vorhang fällt. 43

Dritter Aufzug.#

Erste Scene.#

Im Einsiedelschen Hause zu Dresden. Patkul mit einem Kästchen in der Hand und Anna von Einsiedel treten auf.

Anna. Ein Schmuck? O, laß mich sehen!

Patkul. Lach' mich nicht aus, Brillanten sind es nicht.

Anna. So sind es Türkisse, gelt? Oder Perlen?

Patkul. Nein, nicht so kostbar und mir dennoch unendlich theuer (öffnet das Kästchen). Sieh diese gelben, hunderteckig geschliffenen Korallen, doppelt ein mütterlich Vermächtniß.

Anna (den Schmuck herausnehmend). Wie schön! Das ist Bernstein!

44 Patkul. Es hat seinen guten Grund, daß man diesen Stein nur in meiner Heimath fischt. Diese gelben Perlen sind die Thränen der Ostsee. Als der kühne Sonnenknabe Phaeton aus allen seinen Himmeln stürzte, weinten seine Schwestern nach dem Glauben der Alten so lange um ihn, bis aus ihren Thränen sich der Bernstein schuf; es ist ein wunderbarer Stein, aus Schmerz geboren, heilt er Schmerzen. Trage den einfachen Schmuck, er erinnert mich an meine todte Mutter und an mein todtes Vaterland. Aber was ist das, Anna; seit den letzten Tagen in Pillnitz drückt Dich etwas, Du weigerst Dich, ins Schloß zurück zu kehren?

Anna (wendet sich ernst ab).

Patkul. Wie? Meinem Mädchen fehlt es an Vertrauen?

Anna. Mein Reinhold!

Patkul. Viel hab' ich mit dem Leben gerungen, Anna, viel an das Schicksal verloren. Eine freudlose Jugend, der Kelch des Lebens früh verbittert, die Heimath mir nur winkend, wie ein offenes Grab – o, dacht' ich je, daß in meines Lebens Finsterniß ein solches Bild mir leuchten würde! Einsam und bange hallte das Echo meiner Schritte. Was mir gelang, lockte mir kein Lächeln, was mir scheiterte, keine Klage ab. Da fiel der Strahl Deiner 45 Liebe in mein Herz und die Welt mit ihren Schatten entflieht, die Gefahren sind übergoldet, umwoben des Lebens Widersprüche vom rosigen Farbenspiel. Odiese Wehmuth des Herzens! Verlorne Klänge aus alten Tagen rauschen durch meine tiefsten Tiefen, zerschlagen wie ein Götterbild lagen in mir tausend Ahnungen der Seligkeit unbewußt, jetzt finden und binden sich die Glieder, und der rasselnde Lärm des Krieges, der Weltbühne verworrenes Echo klingt mir wie das kunstvolle Gebäu eines harmonischen Gesanges. Aber sieh', Anna, seit ich von meiner letzten Reise zurück bin, warum mischt sich ein räthselhafter Ton in diese Melodie? Was hast Du nur? Es drückt Dich eine Last? Erleichtere Dich!

Anna (nach einem innern Kampf). Nicht wahr, Reinhold, die Stund' ist da, wo die Welt wissen darf, was wir uns sind?

Patkul. Warum dieses wunderliche Drängen?

Anna (bei Seite). O, die Last muß vom Herzen!

Patkul. Was hast Du nur?

Anna (sinnt eine Weile, erblickt auf dem Tisch ein Buch und ergreift es schnell). Komm, Reinhold, laß uns ein Mährchen lesen.

Patkul. Wie kommst Du darauf?

46 Anna (schlägt das Buch auf). Sieh, Contes arabes et Féeries.

Patkul. Wunderliches Mädchen!

Anna (sich zur Heiterkeit zwingend). Sieh! Da ist ein Mährchen; es sprach mich besonders an, ich will es Dir im Auszuge mittheilen.

(Setzen sich Beide.)

Patkul . Willst Du mich im Bilde vielleicht auf etwas vorbereiten?

Anna (bei Seite). Jetzt wird mir wohl! (laut) Höre mir nur zu!

Patkul. Ich bin begierig.

Anna. Der Sultan Alhafar hatte an seinem glänzenden Hofe einen Emir, den ihm der große und tapfere Abderhaman aus Spanien zum Zeichen der Freundschaft als Gesandten geschickt hatte.

Patkul. Der Gesandte? – Das werde wohl ich sein.

Anna. Sei artig und höre! Die Mutter des Alhafar war eine gute und fromme Frau, die gern im Koran las und sich über die Sündhaftigkeit dieser Welt mit den Sprüchen des Propheten tröstete. Der Emir, Selim 47 hieß er, war ein Meister im Koran und wurde oft zur alten Sultanin gerufen, um ihr aus dem heiligen Buche vorzulesen. Die Sultanin aber hatte eine Sclavin – (ein Bedienter tritt ein).

Bedienter. Frau von Prittwitz läßt ersuchen, sich bereit zu halten.

Anna. Wozu?

Bedienter. Sie wird bald selbst erscheinen (Ab.)

Anna. Ich begreife nicht –

Patkul. Nun – weiter! weiter! Die Sultanin hatte eine Sclavin– diese Sclavin?

Anna. Diese Sclavin? Ach ja, diese Sclavin war ein gar einfältig Ding, etwas vorwitzig, und hatte sehr wenig Gefallen an dem Koran, dafür desto mehr an dem hübschen Ausleger. Sie mochte den Emir für ihr Leben gern von Dingen reden hören, von denen sie nichts verstand. Doch sieh, ich mache Dir das Rathen zu schwer, die Sclavin, siehst Du, soll ich sein.

Patkul. Himmlisches Mädchen! Doch fahre fort, Du machst mich neugierig.

48 Anna. Nun sieh, da ereignete es sich, daß – der Sultan –

Patkul. Du stockst, – der Sultan?

Anna. Der Sultan – (Pause, steht auf). Ich begreife nicht, was die Prittwitz will!

Patkul. Dein Mährchen, Anna, Dein Mährchen!

Anna (mit sich ringend). Laß es, Reinhold. Für das Bild hab' ich nicht Geschick genug, und für die Sache –

Patkul. Für die Sache? Wie errath' ich Dich?

Anna. Nein, nein, laß es, trennen kann uns ja nur der Tod. Ziehen wir den Schleier von unserer Liebe, so werden alle Nebel schwinden.

Patkul. Sonderbar.

Anna. Dringe nicht in mich, Reinhold. Nicht jedes Geständniß löst sich frei von der Lippe des Weibes. Sieh mir ins Auge, glaubst Du an mich?

Patkul. Befremdet bin ich –

49 Anna. Es wird Dir Alles klar werden: wir entdecken unsere Liebe der Churfürstin. Sei nicht zerstreut, Patkul! Laß Arabien mit seinen Mährchen, es war ein thörigter Scherz von mir. Horch, ein Wagen –

Bedienter. Frau von Prittwitz.

Zweite Scene.#

Frau von Prittwitz. Die Vorigen.

Fr. v. Prittwitz. Mais, mon dieu, liebe Einsiedel. Sind Sie noch nicht fertig? Ah, Herr von Patkul (forschend). So hat – die plauderhafte – Fama doch nicht –! Mein Gott, liebe Einsiedel, der Wagen steht vor der Thür. Wir sollen um 8 Uhr in Moritzburg sein.

Anna. In Moritzburg?

Fr. v. Prittwitz. Ist Ihnen denn nichts angezeigt worden? Da sieht man, in welchen Troubles wir leben. Die Churfürstin verlangt uns zum außerordentlichen Dienst nach Moritzburg.

Anna. Liebe Prittwitz, hier muß ein Mißverständniß sein.

50 Fr. v. Prittwitz. Nicht doch, nicht doch! Sonst, Herr von Patkul, brachten Sie uns noch zuweilen eine Stunde zum Opfer. Wissen Sie wohl noch, wie wir die Anglaise à la Marlborough einstudirt haben? Ach, diese schönen Tage kehren nicht zurück.

Anna. Die Churfürstin in dem entlegenen, düstern Schlosse?

Fr. v. Prittwitz. Entlegen? Das mag sein; düster? Da hätten Sie die Helle sehen sollen, als die Königsmark noch in ihrem Zenith war! Aber eilen Sie, wir haben keinen Augenblick zu verlieren. Kommen Sie, ich helfe Ihnen bei Ihrer Toilette.

Anna. Nicht wahr, Herr von Patkul, es bleibt dabei, ich spreche mit der Churfürstin.

Fr. v. Prittwitz. Worüber, worüber?

Anna (im Abgehen mit einem zärtlich verstohlenen Abschiedsblick auf Patkul). Ueber ein neues Mittel, Rosen Jahre lang frisch und blühend zu erhalten.

Fr. v. Prittwitz. Das hätten Sie erfunden, Herr von Patkul? Auch vielleicht, verblühte Rosen wieder jung zu machen (im 51 Abgehen), o! vortrefflich, liebe Einsiedel, dies Mittel – das müssen Sie mir auch mittheilen.

(Beide ab.)

Dritte Scene.#

Patkul. Dann Julius von Einsiedel.

Patkul (sinnend). Das Mährchen? Was hat sie mir sagen wollen? (an den Tisch gehend) sie vergaß das Buch, oder war es erfunden? Der Sultan?

Einsiedel (im Hereintreten). Meine Schwester will nach Pillnitz. Sieh da Patkul. Mich wundert, daß sich der König über sein Schicksal so schnell getröstet hat, es sollen glänzende Feste für die nächsten Tage angesagt sein, ich höre, einer unbekannten Dame zu Ehren, die der König liebt. Die Zweihundert Tausend Thaler, die Du ihm aus der russischen Kriegscasse versprochen hast, sollen dafür angewiesen sein.

Patkul. Die arme unbekannte Dame! Der Zustand meiner Truppen erlaubt mir nicht, mich jetzt von Geldmitteln zu entblößen. Ich muß mein Versprechen zurücknehmen.

52 Einsiedel. Das wird dem König eine unangenehme Ueberraschung sein.

Patkul. Ich kann sie ihm nicht ersparen. Ich werde in einer Stunde nach Pillnitz fahren, um mich zu entschuldigen.

Einsiedel. Nach Pillnitz? Der König ist in Moritzburg.

Patkul. In Moritzburg?

Einsiedel. So eben komm' ich von Deinem Hotel. Flemming's Creaturen sind doch sehr aufmerksam gegen Dich, sie ließen Dir im Vertrauen sagen: Der König wäre in Moritzburg.

Patkul. Die Churfürstin ist dort.

Einsiedel. Die Churfürstin ist in Pillnitz. Dieser Zettel wurde bei Dir abgegeben, (giebt ihm ein Papier) Du bist zerstreut, Patkul – Ich suche meine Schwester (ab nach Rechts).

Patkul (allein, liest). „Sie wollen den König sprechen? Der König ist in Moritzburg. Pfingsten.“(Ueberlegt.) Man holt Anna nach Moritzburg ab und alle Welt weiß, daß die Churfürstin in Pillnitz ist? Der König in Moritzburg? 53 Was geht hier vor? Hab' ich in ihren Mienen recht gelesen? Schon der Gedanke wiegelt alle meine Geister auf. Woran ich mich in der fiebernden Flucht der Sinne halten will, entschlüpft wie mit Hohngelächter in ein geheimnißvoll spottendes Dunkel. Himmel! Es wächst und bäumt sich in mir, als schössen alle meine Gefühle riesenhoch über mich selbst hinaus. Nieder, nieder mit dir, entsetzlicher Verdacht! Aber das ist gewiß, zur Stunde gehe auch ich, auf kürzerem Weg, nach Moritzburg und unterwegs (nimmt das Buch von dem Tisch) will ich doch – die Geschichte von dem Sultan auslesen! (Ab.)

Verwandlung.

Vierte Scene.#

Das schwedische Lager. Nacht, der Mond blickt durch zerrissene Wolken, in der Ferne sieht man Zelte, dem Hintergrunde zu stehen einige große, brennende und Flammen werfende Pechpfannen, auf dem Boden liegen einige Papierballen. In den Vorgrund treten eine beträchtliche Anzahl Offiziere. General

Horn. Nun, Herr General, werden wir Frieden haben?

54 Renschöld. Fürchten Sie nichts, Herr Oberst! Avancements und Lorbeern blühen uns noch in Rußland. Wir marschiren morgen in der Frühe nach Altranstädt.

Fersen. In dem Neste sollen die Friedenseier ausgebrütet werden.

Horn. Ich wünschte, es wären Windeier und wir marschirten vorwärts bis in's Herz Europa's. Da drüben bei Lützen sollten wir Gustav Adolphs verlorne Deutsche Kaiserkrone wieder aufsuchen und sie unserm Carl auf's Haupt setzen. Ich dächte, wir würden einen stattlichen Kreis von Churfürsten um ihn her machen.

Fersen. Vielleicht zerreißt Patkul wieder den Frieden.

Renschöld. Diesmal schwerlich! Gestern über Tafel zerschnitt der König im Zorn das Tischtuch und sagte: er oder ich! Dabei schwoll die Ader auf der Stirn unsers nordischen Alexander und drohte zu zerspringen. Der Friede mit Sachsen soll ganz eigne Bedingungen enthalten. Sehen Sie da!

(Ein großer Trupp Soldaten steht bereits postirt um die Pechpfannen herum. Der Feldprofoß tritt hervor. Zwei Freiknechte in rothen Mänteln schüren die Flammen.)

55 Feldprofoß (mit lauter Stimme). Im Namen Seiner Majestät, des sieghaften und ruhmgekrönten Königs Carls des XII., Königs zu Schweden, Herzogs zu Ingermanland, Liefland und Pommern. (Trommelwirbel.) Hiemit kund und zu wissen, daß, da Seine Majestät für gut befunden, die schon von höchstselig Allerhöchst Ihrem Vater ausgesprochene Todesstrafe über den Johann Reinhold von Patkul aus Liefland zu bestätigen, Jedermann, so diesen Erzlandesverräther todt oder lebendig ausliefert oder sonst behülflich zu seiner Verhaftnahme ist, von Seiner Majestät einen besondern Recompens und höchlichen Dank zu erwarten hat. Imgleichen werden die Rechtfertigungsschriften, so dieser Erzfeind Schwedischer Nation mit Hülfe des gewissenlosen Schöppenstuhls zu Leipzig und des Halleschen Professors Christian Thomasii Lateinisch und Deutsch hat ausgehen lassen, als trügliches Lügengewebe und ohnmächtige Pasquille auf die Glorie derer schwedischen Regenten aboliret und hiemit schimpflich durch Henkers Hand öffentlich verbrannt. (Die Freiknechte werfen Papierballen ins Feuer, so daß die Flammen hoch aufschlagen.) Hoch lebe der König!

Alle (entblößen das Haupt und sprechen leise nach). Hoch lebe der König! (Dann setzen sie sogleich Hüte und Helme wieder auf. Trommelwirbel. Die Soldaten marschiren ab. Die Offiziere empfehlen sich mit kurzer militairischer Begrüßung dem General

56

Fünfte Scene.#

Renschöld, Horn, Fersen, Liliensciold, Schlippenbach.

Renschöld (zu Schlippenbach, der eben gehen will). Herr von Schlippenbach!

Schlippenbach (herantretend). Herr General!

Renschöld. Seine Majestät wissen, daß die Liefländer noch immer in dem Patkul ihren Messias erwarten. Es ist eine Grille Seiner Majestät, zu allen Friedensverhandlungen (auch Patkul gehört in den Frieden) nur Liefländer zu wählen. (Mit Bedeutung) Sie sind ein Liefländer, Herr von Schlippenbach. Ich erwarte Sie in meinem Zelt. Sie werden noch vor Mitternacht mit Depeschen nach Dresden reiten, um die Geheimräthe des Churfürsten von Sachsen in die Residenz zurück zu begleiten.

Schlippenbach. Ganz wohl, Herr General! (Ab.)

Renschöld. Sie, Oberst Horn, müssen ja wohl mit Patkul zusammen gedient haben?

Horn. Sehr wohl, Herr General! Ich stand mit ihm bei 57 den Dragonern in Riga. Es war ein guter Soldat, nur etwas zu gelehrt für einen Militair, sonst aufsätzig, Theilnehmer an jedem Complot.

Renschöld. Seine politischen Enfiladen gegen Schweden waren tollkühn. Offiziere, meine Herren, gehören vor die Kanonen, nicht auf die Redner-Bühne. Schade um den Mann! Die Natur hatte ihm nicht gewöhnliche Talente geschenkt. Ich denke immer: thust du im Leben mehr als deine Pflicht, nun, so bringt's dir vielleicht Ehre, thust du aber nie weniger, als was du schuldig bist, so bist du wenigstens vor Schande sicher (wieder in der Ferne melodische Accorde von Signalhörnern). Also morgen früh um 4 Uhr marschiren wir vorwärts. Gute Nacht, meine Herren (ab nach rechts).

Horn. Den Cornet Schlippenbach beneid ich um seinen Ritt nach Dresden. Friedrich August sollte seine schönen Damen gegen uns ins Feld führen; ich wette, er wäre mit ihnen siegreicher, als mit seinen Männern. Gute Nacht, Graf Fersen.

Fersen (zu Liliensciold). Wir gehen zusammen, Herr Oberst. (Alle Drei ab nach rechts. Die Signal-Accorde hören allmählig auf.)

58

Sechste Scene.#

Schlippenbach (kommt schnell von links, sieht sich einigemal scheu um, stürzt dann auf die Pechpfannen, reißt einen am Rand derselben gelegenen nur halb verbrannten Stoß Papiere aus dem Feuer und eilt damit nach vorn). Vom Rand des glühenden Rostes stehl' ich euch, ihr heiligen Bekenntnißschriften einer großen Seele! Nur noch die Kohle eines Wortes gönne mir aus dem Scheiterhaufen des Henkers, du freundliches Mondlicht! O sie können den Leib tödten, aber die Seele steigt, wie ein entfesselter Gott, zu den Wolken auf. (Zitternd in den halbverbrannten Papieren suchend und lesend.) Da, wie ein zerfetztes Kleid! Worte, denen sie das Haupt verbrannt, Gedanken mit versengten Flügeln! Aber das Auge läßt noch auf den Mund, der Mund auf den starken Arm, ein Torso noch auf das Götterbild schließen. Da – da stehen die Worte: „Mein theures Vaterland!“ Sie stehen deutlich, die Flamme hat sie verschont. Da les' ich noch: „O alte Freiheit, sie schlugen dich –“ sie schlugen dich? An's Kreuz! An's Kreuz! Der Henker tilgte das Kreuz und durch das ganze Blatt weht ein gelber versengter Duft, wie wenn der Schwedische Fremdling durch Lieflands grüne Fluren zieht. – – Patkul! Hier fluchen sie ihm, dort bedecken sie ihn mit gleisnerischen Ehren, aber in Liefland beten sie für 59 ihn! Dem Kinde lehrt die Mutter seinen Namen, die Jungfrauen bekränzen sein Bild, die Männer schleifen für ihn die Sense, das Schwert. Der Tag muß kommen, wo die deutsche Küste der Ostsee sich von einem Volke befreit, das nur Eroberer und Eisen zeugt! (Nimmt den Helm ab und legt behutsam die verbrannten Papiere hinein.) Komm, Du heilige Asche, hier bewahr' ich Dich! Es ist nicht das erste Werk, das sie verbrannten, weil sie es nicht widerlegen konnten! – Ich wittre Verrath in der Luft. Hieß es nicht: Patkul gehört mit in den Frieden? Sächsische Emissaire durchschleichen das Lager – ein geheimnißvoller Schleier bedeckt die Unterhandlungen (schnell)wenn ich die Depeschen–– die Ehre des Kriegers verbietet es mir, aber wenn ich den Helden warnte, ihm ein Zeichen gäbe und ihn die Gefahr ahnen ließe, in die ihn Freund und Feind verstrickt! Es ist gewagt, (entschlossen) aber ich thu's. Kein Schwur, der mich an den fremden Eroberer bindet, soll mich hindern, dem bedrohten Glück eines großen Geistes mitfühlender Mensch, dem Märtyrer meines Volkes Sohn des Vaterlands zu sein (schnell ab).

Verwandlung. 60

Siebente Scene.#

Ein reizendes Gemach auf dem Schlosse Moritzburg, rings Nischen mit Statuen. Im Hintergrunde Drapperien, die halbgelüftet ein eigenthümlich grell erleuchtetes und mit Spiegeln und Divans dekorirtes Cabinet zeigen. Vorn beinahe Nacht. Hinten grellste Beleuchtung. Drei Eingänge.

Friedrich August (hat einen Zettel in der Hand, den er später einsteckt). Sie verschmäht meine Geschenke, sie erbricht nicht meine Briefe; so muß es hier gelingen, hier in Moritzburg. Vitzthum, ob sie wohl kommen wird?

Vitzthum. Ich hoffe, Sire! Ihre Dienstwoche war um. Eben nach Dresden zurückgekehrt, erhielt sie die Anzeige, die Churfürstin wünsche sie zum außerordentlichen Dienst nach Moritzburg. Sie wird kommen, Alles leer finden, durch die Säle irren, und die Heldin einer Scene werden, aus der ein Friedrich August nur als Sieger hervorgehen kann.

Fr. August. Ich zittre, wie bei meinem ersten Stelldichein (liest den Zettel). „Ihre Lebenssonne, Sire, sei die Liebe Ihres Volkes!“ Ein schlechter Trost, einen Dürstenden an das Weltmeer zu verweisen. Ich liebe sie; Ich muß sie besitzen. Hören Sie nicht Geräusch? Ich kann hier 61 Niemand sehen. Für Geschäfte bin ich gegenwärtig in Pillnitz, nicht in Moritzburg.

Vitzthum (ab).

Fr. August (indignirt nach einer Pause). Sehr kleinlich von Patkul, mir das versprochene Darlehn zu verweigern, fast mesquin! Ich werde bei Rußland nicht betteln gehen, um einer Dame, die ich liebe, Brillanten zu schenken! Patkul ist kein gutes Element an meinem Hofe. Er setzt zu viel Gährung ab. Sein Memoire überschritt die Gränzen des Freimuths. Halbkrankes heilen wollen, heißt oft, auch das noch Gesunde verderben. Horch! Eine unheimliche Nacht – wie der Sturm die Bäume rührt – gespenstisch leuchten die weißen Schwäne vom Weiher herüber – dichte Finsterniß in dem stillen Park. Und nähm' ich jeden Schwur, der einst auf meinen Lippen brannte, nähm' ich alle Schätze, die ich in den Schooß falscher Weiber warf, so kann ich sagen: diese bet' ich an! Ein Wagen fährt in den Hof – sie sind es – sie steigen aus – sie kommen! O die Krone als Spielzeug in die Hand eines Wesens, das mich in der Liebe mehr kennen lehrt, als einen Traum, von dem man zur schaalsten Wirklichkeit erwacht, mehr als eine Flamme, die uns Rauch statt Wärme giebt! Sie sind's – sie kommen! Dieser Augenblick entscheidet, oder keiner. (Schnell ab nach rechts.)

62

Achte Scene.#

Anna, Frau von Prittwitz bleiben prüfend an der Mittelthür stehen. Darauf Friedrich August.

Fr. v. Prittwitz. Kommt uns denn Niemand entgegen? Wo ist die Churfürstin? Warten Sie, Liebe – ich will doch sehen, – Alles hier wie ausgestorben – vielleicht dort – (folgt Vitzthum).

Anna (bange und mit Besorgniß). Was geht hier vor – eine ängstliche Ahnung – sollte die Churfürstin sich anders besonnen haben – (sich umsehend) diese unheimlichen Zimmer – (erblickt den eintretenden König) o mein Gott!

Fr. August (scheinbar ruhig sich nahend). Schöne Anna, welch' ein glücklicher Zufall führt in später Nacht Sie auf mein stilles, liebes Moritzburg?

Anna (ihn mit Strenge fixirend und die Situation überschauend). Zufall?

Fr. August (sich abwendend). Ich fühle – ich gesteh' es mit Beschämung – das Bittre dieser Betonung. Ja, Anna –

Anna (schnell, ernst einfallend). In der That, Majestät –

63 Fr. August. Anna, keinen Vorwurf! Verdammt man den Verurtheilten, der seinen Wächter besticht, ihn entfliehen zu lassen? Ich bekenne mich schuldig.

Anna. Sire, Sie treiben die Würde eines Weibes auf eine schwindelnde Höhe; entlassen Sie mich!

Fr. August. Ein Herz, das Sie verstoßen, tödten Sie!

Anna. Sire, Sie sind König, um zu beglücken, nicht um zu foltern!

Fr. August. Anna, was ich Ihnen nicht geben kann, ist das Diadem der gekrönten Herrscherin. Warum mußten Sie diesen Brand der Liebe in ein Herz werfen, das unter einem Purpur schlägt? Aber dies königliche Herz bebt wie jedes andere menschliche; in seinen Kammern kann dieselbe Leere, in seinen Fibern dasselbe Leiden zittern.

Anna. Majestät, die Bahn, durch welche die jetzt sinkende Sonne einer Königsmark schritt, geht nicht durch das Zeichen – der Jungfrau!

Fr. August. Fürchten Sie sich vor dem Augenblick, wo die Welt erfährt, daß Anna von Einsiedel die Beherrscherin 64 eines Königs ist? Vor ganz Europa wird man Sie die Gemahlin meiner Liebe nennen –

Anna. Liebe, Sire, wird durch Glanz und Schätze nicht belohnt.

Fr. August. So lassen Sie Glanz und Schätze. Lassen Sie mich im Staube vor Ihnen knieen, ich liebe, ich bete Sie an. (Fällt ihr zu Füßen.)

Anna (wendet sich ab.) Sire – – stehen Sie auf. (Nach einer Pause, mit abgewandtem Antlitz.) Sie sollen Wahrheit von mir hören.

Fr. August (steht auf).

Anna. Seit der kurzen Zeit, wo Ew. Majestät mich kennen lernten, greif' ich vergebens nach Mitteln, um mich von der Pein unserer Bewegungen zu befreien. So muß ich denn zum Letzten greifen. Sire, ich bin verlobt.

Fr. August (betroffen). Verlobt?

Anna. Seit länger als einem halben Jahre.

Fr. August. Verlobt? Mit wem? Man kann Fesseln lösen, man kann sie zerbrechen – mit wem?

65 Anna. Sire, ehren Sie mein Schweigen, entlassen Sie mich jetzt!

Fr. August. Sie wollen mir das Todesurtheil sprechen, und den Henker nicht nennen. Mit wem sind Sie verlobt?

Anna. Genügt es nicht, Majestät, daß ich es bin?

Fr. August. Nein, nein, ich muß wissen, wer an meinem Hofe nicht ahnte, daß ich den Himmel bat, meinem erblindenden Glanze mir nur Sie als letzten Schmuck zu lassen.

Anna. Und hätte der Eine es geahnt? Die Liebe ist der ärgste Egoist.

Fr. August. Scherzen Sie nicht über ein verblutendes Herz! In meinem Reich weicht Jeder dem Wunsche seines Herrschers. Nennen Sie ihn!

Anna. Sire, manchen Völkern ist es verboten, den Namen ihrer Gottheit auszusprechen.

Fr. August. Nein, nein, ich will ihn auch nicht hören, den Namen dieses Einzigen, den die Hölle zum Antipoden meiner Seligkeit machte! Mein Auge überfliegt fiebernd 66 die unermeßliche Kette der Wesen – wer kann es sein, der in dem tollen Gewimmel da von Tausenden, wo Alle glatt wie eine Linie sind, hoch, hoch sein Haupt erhebt, geschmückt mit dem Kranze Ihrer Liebe? – – Nein, nein, Anna, Sie täuschen mich! Sie erfinden einen Bund, der nie geschlossen ist! (An ihren Mienen lesend, furchtbar heftig). Doch? Doch?! Ein Name also! – – Da stehen Könige und Fürsten und Häupter der Völker, da ist alles Große und Entscheidende in der Welt wie eine Pyramide von Zahlen nach Namen und Rang und Stufe und Ort geordnet, da müssen Throne zersplittern und Reiche zerfasern und die Wogen des Schicksals treten aus ihren Ufern und Alles weit, weit ein großer See von Plage und Verderben – – (bitter und furchtbar) nur ein Einziger taucht empor, nur ein Einziger lächelt aus den Trümmern der Zerstörung, ein Jüngling vielleicht, (Patkul erscheint im Hintergrunde und zeigt die größte Aufregung) dem der kindische Zufall scherzend ein blindes Glück in den Schooß warf, ein rothwangiger Knabe vielleicht, der nie Etwas verloren und Alles, Alles finden soll, ein Kind vielleicht, das für nichts sprach, als der Zufall, daß er einst Ihr Spießgenoß war – – (heftig) ich will ihn hören – (despotisch) wer ist's, wer ist's? Sie sind verlobt. Mit wem? Mit wem?

Patkul (im Hintergrund). Mit mir, Majestät!

67 Anna (die während der Rede des Königs in größter Pein die Hände gerungen hatte, stößt einen Schrei der freudigsten Ueberraschung aus und stürzt auf Patkul zu). Ich betete und Du erschienst!

Fr. August (prallt zurück).

Patkul. Verzeihung, Sire; das Ohr der Liebe hört durch Felsenmauern und diese Wände sind von seidenen Tapeten! (Mit triumphirender Seligkeit.) Anna! Die Myrthe blüht am liebsten im Schatten, selten aber im Schatten eines Thrones! (Mit freudiger Sicherheit.) Komm, geliebte Anna, komm! O, du weißt so schöne Märchen zu erzählen. (Beide ab.)

Neunte Scene.#

Friedrich August, dann Vitzthum, zuletzt Flemming, Pfingsten und Imhof.

Fr. August (schwankt wie vernichtet zurück und hält sich vorn an einen Tisch. An seinem lauten Athmen hört man den Kampf seines Innern).

Vitzthum (tritt schon vorher schnell herein und sieht die Aufregung des Königs). Um Gotteswillen was ist? (Klingelt.)

68 Flemming, Pfingsten und Imhof (treten von der andern Seite auf, sie tragen Papiere in den Händen. Kammerdiener leuchtet. Es wird hell).

Fr. August (nach einer Weile die Angekommenen erblickend). Was bringt Ihr?

Flemming. Majestät den Frieden!

Fr. August. O, so ist diese Stunde dem Verderben geweiht. Eine Feder her! Weg mit Allem, was ich besaß! Weg mit meiner Ehre vor Europa! Auf dem Scheiterhaufen meines Glückes ist Kühlung, Wonne nur in Vernichtung. Eine Feder her! In Blut getaucht! Ich will Todesurtheile unterschreiben. (Reißt Flemming die Papiere aus der Hand, in fieberhafter Aufregung.) Hier Polen, fort, fort! Eine Krone, in Trümmern! Zerrissen alle Bündnisse! Ich gebe meinen Henkern Alles, meine Schwüre, meinen Glauben, die Grenzen Sachsens, noch mehr, noch mehr –

Pfingsten (übergiebt ein Papier mit großem Nachdruck). Ohne diesen einen Hauptparagraphen wird Carl der XII. sich zu keinem Frieden verstehen.

Fr. August. Vielleicht mein eigenes Leben – mit Freuden! Her! (Ergreift das Papier und liest mit krampfhafter Aufregung. Plötzlich erblassend. Pause.) Was ist das? – Patkul – Patkul – wird – Patkul wird – den Schweden – 69 (mit furchtbar heftiger Betonung) ausgeliefert! (Das Papier entfällt seinen Händen, er steht wie vernichtet. Vergeblich nach Worten ringend, gewinnt er erst nach langer Pause die Fassung und spricht mit fast tonlosem Ausdruck.) In mein Cabinet! Die ganze Nacht am Frieden arbeiten! Ueber die Augen kein Schlaf! Schach dem Könige, Schach also auch dem Menschen! (Er sinkt in den Sessel, erhebt sich dann plötzlich und macht einen Gang durch's Zimmer. Er winkt, wie im Traume, wie abwesend, das Papier aufzuheben.)

Pfingsten (übergiebt es, demüthig den Rücken beugend, mit teuflischer Miene).

Fr. August (erkennt jetzt erst Pfingsten und ruft entsetzt). Sie sind's? (Allmälig besinnt er sich, er sieht die Umgebung, es wird ihm klar.) Ah, nun versteh' ich! (Gefaßt, mit großartiger Würde) Folgen Sie mir in mein Cabinet!

Vorhang fällt. 70

Vierter Aufzug.#

Erste Scene.#

Im Schlosse zu Dresden. Bediente und Ordonnanzen gehen eilig über die Bühne, so daß die Scene belebt ist und ein Bild von Geschäftigkeit giebt. Dann Kammerdiener, Imhof und Schlippenbach. In Schlippenbachs Nähe hält sich immer ein Offizier.

Imhof (tritt schnell von rechts auf). Herr von Schlippenbach, man schlägt leichter eine Schlacht, als man einen Frieden schließt. Vor heut' Nacht werden Sie nicht expedirt werden. (Zum Kammerdiener.) Kamen die Herrschaften viel später an als ich?

Kammerdiener. Es mochte neun Uhr Morgens sein, dann schliefen Seine Majestät eine Stunde und arbeiten seitdem mit Herrn von Flemming.

71 Imhof (zu Schlippenbach). Schade, daß wir Ihnen Moritzburg nicht am Tage zeigen konnten; es war eine unheimliche Nacht.

Schlippenbach (für sich). Es war eine Nacht, als breitete die Schicksalsgöttin über die ganze Welt ihre schwarzen Flügel aus. Kein Stern am Himmel, schwere Wolken dicht auf den Gipfeln der nassen Bäume, deren sturmbewegte Zweige sich selbst, wie die Ruthenstreiche eines Büßers peitschten.

Imhof. Erlauben Sie, vielleicht kann ich im Cabinet Ihre Beförderung beschleunigen (will ab).

Zweite Scene.#

Pfingsten, Imhof, Schlippenbach. Der Offizier. Zuletzt Flemming.

Pfingsten (will freudig Imhof sprechen und bemerkt Schlippenbach). Ah! Unser wackrer Begleiter. Um elf, zwölf Uhr diese Nacht, Herr von Schlippenbach, früher ist nichts erledigt. Genießen Sie auch Dresden recht? Wir haben hier viel Sinn für Kunst, Theater, schöne Literatur und keinen übeln Geschmack an noch schöneren Weibern. Die Elbe ist ein gutmüthiges Wässerchen, das 72 Niemandem etwas zu Leide thut, ganz wie der sächsische Nationalcharakter überhaupt. Die Aussichten nehmen sich von den Ufern recht nett aus, besonders wenn sie in Kupfer gestochen sind; wir sprechen das reinste Deutsch, haben eine Gemälde-Gallerie, sind die Erfinder des Porzellans und können stolz sein auf die berühmte Elbbrücke, die tausend Fuß lang, hundert Fuß breit ist und im Jahre – ich glaube 1340 – erbaut wurde. Also bis gegen Mitternacht! Noch immer Zeit genug, um einen kleinen Roman anzuknüpfen, junger Schwede!

Schlippenbach (mit dem Offizier ab).

Pfingsten. Gott sei Dank, wir haben den König zwar noch nicht, wohin wir wollen, aber doch schon weit genug. Die Frage ist nur noch die, wie man sich seiner vorläufig am sichersten bemächtigt?

Imhof. Und noch größer wohl die, wie wir uns über diesen Bruch des Völkerrechts vor Europa rechtfertigen würden.

Pfingsten. O wir sagen: Patkul steht mit den Schweden in geheimer Unterhandlung, verstehen Sie – um für sich eine Amnestie zu erlangen und uns Alle seinem persönlichen Interesse zu opfern. Er hat das Bündniß zwischen dem König und dem Czaaren aufgelockert. Er will einen Separat-Frieden zwischen Schweden und Rußland 73 schließen, um Sachsen über Bord zu werfen – und dergleichen –

Imhof. Ich bewundere Ihr Erfindungstalent.

Pfingsten. Sollten sich die französischen Blätter gegen uns erheben, so verbieten wir sie. Im englischen Parlament sind wir mittelst unserer Speciesthaler nicht ohne einige warme Freunde. So werden wir der öffentlichen Meinung in ganz Europa die Spitze bieten können. Ah, Flemming!

Flemming (tritt schnell herein). Meine Herren – Pfingsten, ich bewundere Ihren Scharfsinn, Ihre Ueberredungskunst (flüstert ihm etwas Unverständliches zu).

Imhof. Er feiert heute seine Verlobung.

Flemming. Mit der Einsiedel. Jetzt erst hinter dies Complott zu kommen!

Pfingsten. Excellenz, ich denke, Hauptmann Schacht –

Flemming. Ja wohl! Vorläufig sind alle Truppen, die wir noch zur Bedeckung Dresdens aufwenden können, unter den Waffen. Wie gegen Mitternacht die Thore geschlossen sind, rückt eine Compagnie der Leibgarde auf den 74 Altmarkt, besetzt alle Straßen-Mündungen, nirgends wird eine Passage gestattet. Eine Compagnie besetzt das Schloß und ich denke ein Detaschement von 50 Mann wird hinreichend sein, Patkuln selbst in dem Einsiedelschen Hause, wenn es beim König gelingt, die Aufwartung zu machen. Die Stunde der Entscheidung ist da. Wir theilen den Lohn, theilen wir auch die Gefahr.

Imhof. Wenn uns nur – der König – –

Flemming. Zweifeln Sie?

Imhof. Ich hoffe. Die Stimmung des Königs ist sonderbar, höchst räthselhaft; indessen ich werde nach den Andeutungen, die mir Pfingsten gegeben hat, inzwischen die Note an die fremden Gesandten aufsetzen (ab).

Flemming. Pfingsten, der Adelsbrief ist Ihnen gewiß. Wie trefflich ist es Ihnen gelungen, durch den Brief, mit dem Sie die Leidenschaft des Königs aufreizten, durch den Wink an Patkul, daß der König in Moritzburg wäre – es ist eines Meisters würdig – die Katastrophe auf einen Schlag herbei zu führen!

Pfingsten. Ach, kleine Anfänge in der höhern Staatskunst! Und nicht durch mich: behüte Excellenz! Ich werde zu Hause einige Kapitel im Macchiavell lesen, um mich zu 75 überzeugen, welchen sonderbaren Einfluß seit Helena's weißem Nacken und der Cleopatra schwarzen Augen die Liebe noch stets auf den Lauf der Weltgeschichte gehabt hat. (Beide nach verschiedenen Seiten ab.)

Verwandlung.

Dritte Scene.#

Im Einsiedelschen Hause. Das Zimmer des dritten Aktes, festlich geschmückt, im Hintergrunde geöffnete Fenster, aus denen Kronenleuchter schimmern. Links ein Fenster. Allmälig finden sich in den hintern Sälen

Patkul. Willkommen Anna! Wie bezaubernd, schön und duftend! Wie der nun endlich erschlossene Kelch unsers Geheimnisses!

Anna. Mein Reinhold! Wie bös wird die Welt jetzt von Deinem Geschmack denken?

Patkul. Nein Anna, daß ich ein Kenner bin, der sie Alle übertrifft.

76 Anna. Laß uns glücklich sein!

Patkul. Warum sollten wir nicht, Anna? Wär' es auch auf Kosten eines Mannes, dem wie Friedrich August die Natur ein Herz gegeben hat, weit wie ein Bienenkorb mit vielen hundert Zellen, in denen die wechselnden Neigungen schwärmend aus- und einfliegen!

Anna. Reinhold, bei allem Glück, das mir diese Stunde gewährt, ergreift mich doch eine Bangigkeit, als schwankten die Wände und bebte der Boden unter meinen Füßen.

Patkul. Nach einer so wunderlichen Nacht? Bin ich doch selbst wie von Geistern getragen, die mich umgaukelnd, alle meine Bewegungen lenken. Aber sie tragen Rosenketten, sie lächeln süß und hold zu unsrer Liebe. Ich bin ein freier Mann. Ich stehe hier unter einem Gesetze, das heiliger als alle Verträge ist. Sind die Stürme des Kriegs vorüber, Anna, – wer weiß, ob ich diesen Schauplatz der Politik nicht auf immer lasse und hinabsteige – mit Dir – in die grünen Thäler der Schweiz. (Die Musik beginnt.) Für die Drommete der Fama töne uns dort die Flöte des Hirten! Für die Sturmglocke des Kriegs das friedliche Geläut' auf den Matten der Alpen!

Anna (freudig). Reinhold, das könntest Du?

77 Patkul. Ob ich es könnte? Statt der bestäubten Couriere mit unheilvollen Depeschen sollst Du vor mich hintreten mit einem Kranz von Alpen-Blumen. Geheimnisse wollen wir auskundschaften, aber vom Murmeln der Quelle und vom Wehen des Windes und Allianzen wollen wir auch stiften, wir beiden Diplomaten, aber Bündnisse nur, zwischen dem Mond und dem Spiegel des Sees, Bündnisse zwischen Himmel und Erde. (Die Musik dauert fort und die Gäste treten mehr nach vorne herein.)

Vierte Scene.#

Julius von Einsiedel führt Frau von Prittwitz am Arm. Die Vorigen. Gäste.

Fr. v. Prittwitz (zu Beiden). Nein wer hätte das so schnell ahnen sollen! Ein liebenswürdiges Paar. Ich sagte es übrigens schon seit einem Jahre voraus.

Patkul. Wir kennen uns kaum 6 Monate. (Geht mit Anna in den Hintergrund und kommt öfters zum Vorschein.) (Ein Bedienter bringt Einsiedeln einen Brief.)

Fr. v. Prittwitz. Ein Billet d'Amour? O lassen Sie doch sehen!

78 Einsiedel (erbricht den Brief, befremdet und liest bei Seite). „Es erwartet Sie ein Freund zu einer vertraulichen Besprechung. Theilen Sie Niemandem etwas von diesem Billet mit. In einer Stunde an der hintern Pforte Ihres Gartens. Parole: Sachsens Ehre. Die grüne Maske.“

Fr. v. Prittwitz. Ein Rendez-Vous en masque?

Einsiedel (für sich). Sonderbar! Was kann man mir so geheimnißvoll zu sagen haben?

Fr. v. Prittwitz. Eh bien, ertappt man Sie endlich einmal?

Einsiedel (hört darauf nicht, sondern für sich). Die grüne Maske? Ich sah eine solche. Was soll das heißen? (Sich umsehend.) Die grüne Maske? Ich glaube dort! Sie wird es sein. Ich muß mich doch vorher ihr zu nähern suchen. Sachsens Ehre? Die Maske trägt den Rautenkranz am Hut. Sie wird es sein. (Ab.)

Fr. v. Prittwitz. Ah, das muß ich sagen! Läßt mich hier allein sans rime et raison. Diese abscheulichen jungen Männer jetzt, mit ihrer affectirten Gleichgültigkeit gegen die Damen! Sie seufzen nicht mehr, sie knieen nicht mehr, sie lieben nicht mehr! Am Ende lösen sich alle Bande der 79 Natur und sie fangen an, mit uns auch nicht mehr – zu tanzen! (Ab in den Hintergrund.)

Schlippenbach (postirt sich schon vorher ganz vorn in eine Ecke des Saals. Patkul ist im Vordergrunde wieder erschienen. Jener tritt fieberhaft auf ihn zu).

Fünfte Scene.#

Patkul. Alfred von Schlippenbach. Dieser in einem schwarzen Domino und einer schwarzen Maske. Er führt Patkul sehr aufgeregt in den Vordergrund.

Schlippenbach. Auf ein Wort!

Patkul. Wer sind Sie, Maske!

Schlippenbach. Fragen Sie nicht! Ich habe Ursache, verborgen zu bleiben. Ihr Leben ist in Gefahr, verlassen Sie schnell, in aller Stille diese Säle, verlassen Sie Dresden, Sachsen.

Patkul. Wer sind Sie?

Schlippenbach. Fragen Sie nicht! Wetter, schwarz wie die Nacht, stehen an Ihrem Lebenshimmel.

80 Patkul (ruhig). Seit zehn Jahren umkreisen mich die Raben der schwedischen Hochgerichte! Daß ich Ihrer Warnung traue, entfernen Sie die Maske!

Schlippenbach (sieht sich ängstlich um). Ich bin umgeben von Spähern, die meine Schritte bewachen. Träfe man mich im Gespräch mit Carls des XII. verhaßtestem Feinde (nimmt die Maske ab). Nie haben Sie diese Züge gesehen.

Patkul. Sie sind der schwedische Parlementair.

Schlippenbach. Ja; aber kein Schwede, ein Liefländer. Der diesen Augenblick nicht um Kronen und gold'ne Schätze geben würde! Aber jetzt ist es keine Zeit zu ohnmächt'gen Betheurungen– Fliehen Sie – auf der Stelle!

Patkul. Fliehen? Warum?

Schlippenbach. Man hat eine Gewaltthat gegen Sie im Sinne. Ich habe die sächsischen Räthe aus dem schwedischen Lager erst nach Moritzburg, dann hieher begleitet. In unserer Armee läuft es wie eine Parole durch die Reihen. Die Liefländer zittern, die Schweden jubeln, man will Sie Carl dem Zwölften –

81 Patkul. Opfern? Halten Sie inne, Sie täuschen sich! Der Gesandte einer fremden Nation –

Schlippenbach. Namen weiß ich nicht zu nennen, die That nicht so zu bezeichnen, wie sie eintreffen wird, aber gestern war ich in Moritzburg, die ganze Nacht dauerte die Besprechung der Minister mit dem Könige. Verstört ist er heut in die Stadt gekommen. Niemand wird zugelassen als die Räthe. Es giebt Mienen, Zeichen giebt es auf dem menschlichen Antlitz – Glauben Sie meiner Ahnung, erhalten Sie sich dem Vaterland.

Patkul (halb für sich). O die Rache des Sultans!

Schlippenbach. Bedenken Sie den eisernen Fußtritt Carls des XII. Was diese eherne Faust verlangt, das hat sie. Eher legt er Dresden in Asche, wenn man ihm nicht Kühlung für seine Rache giebt!

Patkul. Entsetzlich!

Schlippenbach. Denken Sie nicht, zweifeln Sie nicht! Handeln Sie. Meine Wächter nahen sich, jeder Verdacht gegen mich könnte Ihre Gefahr beschleunigen. Ich habe gethan was ich mußte. Leben Sie wohl! (Will gehen und wendet sich noch einmal begeistert zurück.) O Herr des 82 Himmels, sind Sie denn der Patkul, der angebetete Held meines Volkes? O, daß mein Auge in diesem Anblick schwelgen, mein Mund einen langen Zug aus dem Taumelkelch dieses Grußes schlürfen dürfte! (ihm vertraulich zuraunend) Wir sind nicht lässig gewesen, wir scheinen nur die Knechte des Tyrannen. Schlägt die Stunde der Freiheit, ein Wink und mitten im Schweden-Heer schütteln die Liefländischen Regimenter die entehrenden Ketten ab. (Ergreift stürmisch Patkuls Hand und drückt sie an sein Herz). O Held! Nun ich Dich von Auge zu Auge gesehen, weiß ich, wie es einst den Propheten war, wenn die Hand Gottes sich flammend auf ihre Scheitel legte. (Ab.)

Sechste Scene.#

Patkul. Die Obersten Petrow, Muraview und Glinka. Sonst Niemand im Zimmer. Später andere russische Offiziere. Zuletzt Anna und drei Masken.

Patkul (steht eine Weile, stumm wie angedonnert und überlegt, dann wendet er sich um und sieht die inzwischen gespannt eingetretenen Obersten). Wo sind die übrigen Herren vom Generalstab?

83 Petrow (besorgt). Zerstreut in den Zimmern, Herr General.

Patkul. Treten Sie näher. Nehmen Sie jeden in aller Stille bei Seite und geben Sie die Ordre, daß wir heimlich, unbemerkt, hören Sie, unbemerkt, in einer Stunde diesen Saal und die Stadt verlassen haben (die Obersten erstaunen).

Muraview (geht ab und kommt später mit andern russischen Offizieren zurück).

Patkul. Nicht wahr, ein sonderbares Verlobungsfest? Hören Sie weiter. Vor dem Thore an der Warte sammeln wir uns und schnell dann in das Lager der Unsrigen.

Petrow. Sind wir nicht sicher?

Patkul. Sicher? Ha, zergliedern wollen wir die Gefahr, wenn sie überstanden ist. Noch in dieser Nacht brechen unsere Truppen auf.

Petrow. Rings sind wir eingeschlossen.

Patkul. Eine Straße ist frei, die nach Böhmen.

Petrow. Unsere Verwundeten –

84 Patkul. Auf Wägen! Getragen auf Baumzweigen! Die Bayonnette gekreuzt und auf die Schultern! Wer noch den Zügel führen kann, auf's Pferd! Ich werde es verantworten vor Gott, vor dem Czaaren. Noch diese Nacht beginnen wir den Marsch, werfen uns auf östreichisches Gebiet; über Pirna hinaus grüßen uns die böhmischen Berge, dort weht frei die Luft, wir athmen wieder auf aus unbeengter Brust. (Die übrigen sechs Offiziere sind eingetreten. Patkul allmälig von den Seinen ganz umringt.)

Muraview. Kann der Friede Gefahr bringen?

Patkul. O, ein fürchterliches Spiel haben sie mit mir getrieben! Der Friede, das Werk meiner Ueberredung und mich selber in ihm begraben! Oeffnet euch, ihr Blätter der Geschichte – vorn, vorn im dunklen Zeitalter, der Scythen und Barbaren – nein, auch die Barbaren ehrten das Menschen-Recht und befleckten ihre Hand nicht mit Gesandtenmord. (Die Musik schweigt.)

Offiziere (ziehen ihre Degen). General!

Patkul. Ja, es bricht dies Jahrhundert mit einer herrlichen Morgenröthe an! Thaten, vor denen der Tapfere zittert, daran setzt hier die Feigheit ihren Heldenmuth! 85 Das Völkerrecht! Die Bande der einzigen Religion, die die Staaten bindet, zerrissen! Im Zeitenkampf und Nationenhaß die einzige Liebesfahne der Menschheit mit Füßen getreten! Hinaus aus diesen mordgierigen Thälern in den reinen Gottesäther freier Berge! Hinweg zur That! (will ab.)

Siebente Scene.#

Anna (kommt von der Mitte ihm entgegen). Die Vorigen.

Anna. Patkul? Was ist? Was sollen die Krieger? Du schweigst? Eine geisterbleiche Furcht rieselt durch meine Glieder. – Was ist das? (Gemurmel hinter der Scene.) Stimmen durch einander, welch ein Getümmel! Um Gott, Alles dringt hieher – Entsetzen auf allen Mienen – (stürzt an's Fenster). Ha! der ganze Hof blinkt wie ein gezückter Dolch – Bayonnette –

Erste Maske (stürzt herein). Die Ausgänge sind besetzt –

Zweite Maske. Die Diener festgenommen –

Dritte Maske. Verrätherei!

86 Anna (auf den schwindelnd dastehenden Patkul). Barmherzigkeit! Patkul, sie suchen Dich!

Patkul. Es war zu spät!

Anna (sinkt mit einem Schrei ohnmächtig in seine Arme).

Achte Scene.#

Durch das Fenster ist vom Hofe ein rother Fackelschein sichtbar, von allen Seiten sind schon am Ende der vorigen Scene

Schacht (kommandirt kräftig). Halt! (Man hört das starke Aufstoßen der Gewehrkolben und das Antreten der Soldaten.)

Schacht. Meine Herren und Damen, entschuldigen Sie diese Störung! Wir suchen Herrn von Patkul –

Patkul. Den Gesandten des Czaaren von Rußland.

Schacht. Im Namen des Churfürsten! Sie sind mein Gefangener.

87 Petrow, Muraview, Glinka (ziehen den Degen). Nur über unsere Leichen!

Patkul. Lassen Sie, Kameraden! Krieger kämpfen nicht gegen Schergen. (Zu Schacht.) Unter welchem Titel des Rechts dürfen Sie meine Freiheit gefährden?

Schacht. Darüber kann ich keine Auskunft geben.

Patkul. Wissen Sie, daß die Person eines Gesandten von Gott geheiligt ist?

Schacht. Ich kenne nur das Heiligste, den Befehl meines Fürsten.

Patkul. Ueber meine Freiheit giebt es nur einen Richter: Peter, den Czaaren von Moskau.

Schacht. Friedrich August wird des Gerichtes Beisitzer sein.

Patkul. O, daß die Gewalt auch stets so gute Schergen findet. Meine Anna! (richtet einen schmerzlichen Blick auf die Ohnmächtige) Nur ein Opfer, dunkles Verhängniß! Mich! Mich! O weckt sie nicht! Laßt ihr den süßen Traum, den ihr die Götter schenkten! Wenn sie erwachte – (mit verzweifelnder Wehmuth) sie ertrüg' es nicht! (Man führt Anna fort.) Aber ist es denn wahr? Bin 88 ich denn der Mittelpunkt eines Bildes, das unserm Jahrhundert zur Schande gereicht? (Wirft den Degen fort.) Hier das Zeichen meiner Freiheit! Aber diese Stunde, wo man das heiligste Gesetz des Völkerrechts mit Füßen tritt – in den Annalen der Geschichte werde sie, wie das Grab eines Verbrechers, mit Steinen beworfen! Das Auge der Welt, das Auge Gottes sieht herab auf diese That. Brandmarken werden sie die ehernen Griffel, welche die Geschichte schreiben. Vor dem Throne der Ewigkeit verantworte sie, wer es kann! (Ein Soldat hebt den Degen auf. Patkul ab. Die Grenadiere fällen die Bajonette. Die Bühne entleert sich und wird vorn dunkel.)

Neunte Scene.#

Einsiedel tritt in großer Aufregung ganz vorn rechts auf. Nach ihm eine Maske mit grünem Domino. Zuletzt Anna.

Einsiedel. Ein Tumult? Was ist hier geschehen? – ich hörte Waffen – (zu der Maske) wer sind Sie? Lösen Sie Ihr Versprechen, sich zu erklären? (Bestürzt die Zimmer übersehend.) Alles leer – die Lichter erloschen – wo ist Patkul – (sieht nach rechts).

89 Anna (tritt ihm entgegen mit halb aufgelöstem Haar, blaß und verstört).

Einsiedel (fährt zurück). Gott im Himmel! Anna, was hast Du?

Anna (fast tonlos ihren Arm um ihn schlingend). Nun weiß ich Alles. Ich wußt' es schon vor Monden, als ich so schwer zu träumen anfing.

Einsiedel. Was weißt Du? Wo ist Patkul? Erkläre mir, Anna–

Anna. Weißt Du wohl, Julius, wenn wir im Kinderspiel so große Seemuscheln an unser Ohr hielten – wie das rauschte und braus'te, dumpf, dumpf, – ach, Julius, wart Ihr Männer, daß Ihr es littet?

Einsiedel. Patkul – wie? – Meine Ahnung – wer hätte das gewagt? Patkul verhaftet? Durch wen?

Maske (schlägt den Domino zurück und nimmt die Larve ab).

Einsiedel (fährt betroffen zurück).

Anna (heftig). Friedrich August! (Sich verstört an ihren Bruder schmiegend.) Sagt' ich's nicht, Bruder? Das ist der einzige Lebende unter uns Leichen! Sieh diesen erlogenen Schmerz, unter dem sich lächelnd die gesättigte Rache birgt! Cupido wollte auf ihn zielen, der Knabe ver-90griff sich im Köcher und schoß einen vergifteten Pfeil in sein Herz.

Einsiedel (außer sich vor Bestürzung). Majestät –

Anna. Nenn' ihn nicht nach seiner Krone! Die andern Könige, die auch Kronen tragen, könnten Dich für einen Hochverräther halten. Er kommt, um von unsern Dornen Trauben zu lesen, an dem Winter unsres Elendes sich zu erwärmen!

Fr. August (nach einer Pause mit feierlichem Ernst). Sie irren sich! Im offnen Buche der Geschichte giebt es viele dunkle Stellen, die man nur enträthseln wird, wenn von allen Geheimnissen der Erde die Siegel sich öffnen und von verschütteten Grabmälern der Menschenbrust eine gerechtere Zukunft den Sand der Wüste weht. (Zu Einsiedel.) Muß ich Frieden schließen?

Einsiedel. Sire – es ist der Wille Ihres Volkes.

Fr. August. Sieger fordern. Carl XII. hat gefordert. Patkul soll den Schweden ausgeliefert werden.

Einsiedel (vernichtet). O Gott.

Fr. August. Flucht unmöglich. Sachsen ist mit fremden Kriegs-91völkern überschwemmt. Europa wird mir für diesen Bruch des Völkerrechtes fluchen.

Anna (mit Thränen). Und Friedrich August wird diesen Fluch verdienen!

Fr. August. Werd' ich ihn?! – – (Zieht ein Billet hervor.) Nehmen Sie dies Papier!

Einsiedel (nimmt es zögernd). Was soll –

Fr. August. Besteigen Sie Ihr schnellstes Pferd, reiten Sie nach dem Königstein und Sie sind früher dort, als Patkul. Heut zählen wir den neunten. Am achtzehnten kommen die Schweden, um Patkul abzuholen. In diesem Brief wird der Kommandant des Königsteins angewiesen, auf Gefahr seines Kopfes Patkuln seiner Haft – zu entlassen.

Einsiedel (freudig überrascht). Majestät!

Fr. August. Nennen Sie mich nicht nach etwas, das ich (mit Beziehung auf Anna) nicht verdienen soll! Was zwischen uns in diesem helldunkeln Moment geschehen, bleibt ein Geheimniß für die Welt, für die Geschichte. Mag sie meiner offnen That jetzt fluchen: in dem Geheimniß hab' ich mir selbst genug gethan.

92 Einsiedel. Vom sichern Glück zur Furcht oft eine Ewigkeit! Von Furcht zur Hoffnung hier ein Augenblick! Des Himmels reichster Segen auf Ihr Haupt. Ich hülle mich in den dunkeln Mantel der Nacht, Schwester, und noch ehe der erste Strahl der Morgenröthe auf Königsteins waldigen Gipfel fiel, tret' ich vor den Verzweifelnden als sein Retter, sein Befreier! (Ab.)

Anna (stürzt ihrem Bruder einige Schritte nach, dann kehrt sie zurück, steht eine Weile zögernd mit Beklommenheit, den Blick abwendend, und wirft sich endlich mit Leidenschaft dem König zu Füßen).

Fr. August. Nicht doch, Fräulein! Sie haben dem unglücklichen Friedrich August mehr zu verzeihen, als er Ihnen. (Er hebt sie auf.) Was Sie mir waren, Anna – ein breiter Strom liegt zwischen uns: das eine Ufer kann das andre nie erreichen. Verlieren und besitzen! Was ich verlor, ich hab es nie besessen – Sie haben wieder, was das Ihre ist! Zürnen Sie mir nicht, gedenken Sie meiner! (Er will ab, bleibt stehen, wendet sich noch einmal um, küßt leidenschaftlich Annas Hand.) Leben Sie wohl! (Ab.)

Der Vorhang fällt. 93

Fünfter Aufzug.#

Erste Scene.#

Zimmer im Dresdner Schloß. Links ein Fenster. Glänzend gekleidete Bediente gehen über die Scene. In der Ferne hört man Jubelgeschrei und in kurzen Intervallen Kanonenschläge. Beim Eintritt

Flemming. Sire, warum entziehen Sie sich dem Jubel des Volks?

Vitzthum. Wie die Menge durch die Straßen wogt! Die Stadt ein einzig Flammenmeer. Bunte Lichter – Feuersäulen! O wie schön der Spiegel der Elbe! Glänzend wie mit Glühwürmern übersäet! Triumph-Bögen, Ehren-Pforten, jubelnde Friedens-Inschriften – Sire, 94 machen Sie Ihrem Volk die Freude, treten Sie hinaus auf den Balkon!

(Ein zweiter Trompeten- und Paukenwirbel.)

Fr. August (düster). Die guten Leute wissen nicht, was dieser Friede mich gekostet hat. – Haben die Gesandten aller Cabinette Europa's nicht Dresden als eine Mörderhöhle verlassen?

Flemming. Noch sind uns're Rechtfertigungsnoten wegen eines angeblichen Bruchs des Völkerrechts nicht widerlegt worden.

Fr. August. Wunderbar. Als wenn das Nichts sich widerlegen ließe! (Dritter Trompeten- und Pauken-Wirbel. Friedrich August geht erzürnt an's Fenster.) Dieser lästige Jubel! Es ist als wenn man sein Gewissen betäuben wollte. (Bei Seite.) Noch keine Nachricht vom Königstein, was soll ich denken? (Laut.) Wo sind Pfingsten und Imhof?

Flemming. Im schwedischen Lager, Majestät.

Fr. August. Heut' schon? Man braucht nicht zwei Stunden, um dort zu sein. Heut' ist der sechszehnte (thut, als wenn er es nicht wüßte). Der Tag der Auslieferung? –

Flemming. Ist am siebenzehnten.

95 Fr. August. (Außerordentlich heftig und mit dem Fuße stampfend.) Den achtzehnten! Sie wollen der Weiser an meiner Lebensuhr sein? (Furchtbar drohend.) Rücken Sie mir die Zeit nicht vor!

Flemming. Sire, ich weiß von nichts. Doch könnt' es dem Gefangenen nur lieb sein, aus seiner ungewissen Lage –

Fr. August (ihn unterbrechend). Nein, nein, Feldmarschall! In meinem Kalender ist der achtzehnte mit Blut angestrichen. Nicht um den tausendsten Gran einer Terzie früher! (Wie von einer Ahnung betroffen, bestürzt.) Oder – hättet Ihr – vielleicht schon?

Flemming (selbst ängstlich). Majestät, es wird Alles in Ordnung sein.

Fr. August. Dazu verhelf' Euch Gott! Wehe der Hand, die hier vorwitzig dem Sand in der Stunden-Uhr nachgeholfen hätte! Laßt mich allein. (Flemming und Vitzthum wollen sich entfernen. Indem hört der Kanonendonner auf. Friedrich August horcht.) Was ist das? Geräusch im Vorzimmer? Seh'n Sie nach – ich höreWortwechsel–

Flemming. Es ist die Stimme –

96 Vitzthum. Des jungen Einsiedel –

Fr. August (der Thür zueilend). Was ist?

Zweite Scene.#

Kammerdiener tritt auf. Nach ihm stürzt Julius von Einsiedel im Mantel blaß mit den Spuren eines heftigen Rittes herein. Die Vorigen.

Kammerdiener. Herr von Einsiedel!

Einsiedel (reißt die Thür auf, bleibt einen Augenblick stehen, sieht den König). Hier Freudenfeuer? Wer weiß, ob das Auge der Menschheit nicht in dieser Stunde in Thränen schwimmt!

Fr. August. Was ist? (Winkt Flemming und Vitzthum zu gehen.)

(Flemming und Vitzthum zur Seite ab.)

Einsiedel (in fiebernder Aufregung). Acht Tage wie ein Wurm am Fuß des Königsteins gekrümmt – und noch hab' ich Patkul nicht gesehen!

Fr. August (in fiebernder Bewegung). Sie entsetzen mich!

97 Einsiedel. Unglücklicher König, lernen Sie hier, wie man Ihre Saaten um die Ernte betrügt, wie tausendmal oft man Ihnen eine gemalte Glückseligkeit Ihres Volkes zeigte! Kennen Sie Ihre Diener? Kennen Sie den Commandanten des Königsteins?

Fr. August. Ein in Ehren ergrauter Offizier.

Einsiedel. Ein eisgrauer Sünder! Sire, die Staatsgefangenen des Königsteins sind in der Hand eines Elenden, der es versteht, wie man unglückliche Angeklagte, vor deren Untersuchung man sich in Dresden fürchtet, auf dem Königstein vor dem Richterspruche sterben läßt.

Fr. August (dringend). Patkul – Patkul –

Einsiedel. Ich sah' ihn nicht, ich hörte nichts von ihm.

Fr. August. Mein Befehl an den Commandanten.

Einsiedel. Ich gab ihn ab. Da man am Tage der Verhaftnahme die Thore Dresdens gesperrt hatte, konnte ich erst nach dem Königstein gelangen, als Patkul dort schon angekommen war.

Fr. August. Mein Befehl – mein Befehl –

98 Einsiedel. Er wurde mir abgenommen mit schuldiger Hochachtung. Ich erhielt vom Commandanten das Versprechen, daß Patkul in kürzester Frist auf freiem Fuß wäre – Acht Tage sind vorüber – wir sehen ihn nicht. – Anna ist hin, sie sitzt in Trauerkleidern und blickt zur Höhe des Felsens, der all' ihr Lieben birgt, mit Augen auf, um die lauernd der Wahnsinn schleicht.

Fr. August. Es ist genug! Hier muß gehandelt sein. (In großer Aufregung.) Reiten Sie zurück. Sagen Sie dem Commandanten, wenn Patkul nicht in vierundzwanzig Stunden entlassen ist, – liegt in der fünfundzwanzigsten sein Haupt auf dem Block!

Einsiedel (außer sich). Und wenn Patkul bei den Schweden das Seine hinzulegen müßte!

Fr. August (erschrickt. Seine Brust hebt sich unter der Qual seines Innern). O wahr, wahr, wahr – das hab' ich nicht bedacht! – – (Besinnt sich eine Weile, geht an den Tisch und klingelt.)

Vitzthum (tritt ein).

Fr. August. Wie weit stehen die Schweden? –

Vitzthum. Zwei Stunden.

99 Fr. August. Das Hauptquartier Carls?

Vitzthum. Auf dem halben Wege nach Königstein.

Fr. August. Mein Pferd!

Vitzthum. Sire!

Fr. August (mit dem Fuß stampfend). Mein Pferd! (Vitzthum ab.) Eilen Sie zurück! Beflügeln Sie Ihr Roß! Feiern Sie Ihr Wiedersehen! Ist es zu spät – nein, nein, zittern Sienicht– Ihre Schwester soll ihm Kränze winden, Kränze, aber für seine Stirn, nicht für sein Grab!

Einsiedel. Was wollen Sie thun?

Fr. August. Eilen Sie! Fragen Sie nicht!

Einsiedel (nach dem Fenster wehmüthig zeigend). Durch diese Lichter wanken wie ein Schatten! (Ein Trompeten- und Paukenwirbel.) Durch diese Freudenklänge verhallen wie der Seufzer eines Sterbenden! (Ab.)

Fr. August (allein). Sollten die Verräther ahnen und mir zuvorzukommen suchen? Ja, die Legende eines Heiligen wäre dagegen ein Schelmenstück! Ich kann die Ruhe meiner Seele dem blinden Zufall nicht preisgeben. Verräth 100 man ihn – hätte man ihn schon verrathen?! – mein blutig Strafgericht kann uns nicht retten– dann, dann – giebt es nur noch Eins (sinnend). Das Leben eines Edlen ist wohl die kurze Demüthigung eines Königs werth; – dann Friedrich August! – vor Carl – der Dich in hundert Schlachten überwunden – dann überwinde Dich selbst (im Kampf mit seinem Stolz) und knie nieder vor ihm – in den Staub! (Ab.)

Verwandlung.

Dritte Scene.#

Das geräumige Innere eines Thurms auf der Veste Königstein. Zur Seite führt eine kleine Treppe hoch hinauf an eine kleine, runde Fenster-Oeffnung mit Eisenstäben. Die Thür im Hintergrund ist offen und hat einen Vorplatz. Eine Lampe brennt.

Patkul (nach einer Weile, nachdem er gesehen, daß der Wächter fort ist, hinaussprechend). Bleiben Sie! bleiben Sie! Der Wächter ist fort. 101 Schämen Sie sich, Herr Commandant, wenn Sie jemals ein Offizier von Ehre waren.

Commandant (von innen). Zehntausend Dukaten! Herr von Patkul! Wechsel auf die Bank von Venedig –

Patkul. Elender Krämer! Ich ahn' es, längst hab' ich meine Freiheit, und Du nur legst mit Deiner gelben habsüchtigen Hand Beschlag darauf. Fünftausend, Du Menschen-Mäkler!

Commandant (von innen). Gelt! Ich weiß berühmte Männer zu schätzen? Zehntausend Dukaten.

Patkul. Bleib, Elender, bleib. Ha! daß es Maulwürfe giebt, wo Adler horsten! Bleib! Da schlorrt es fort, das blasse Gespenst, auf dem der Fluch von tausend Gefangenen ruht! Acht qualvolle Tage ohnmächtig rüttelnd an den Eisenstäben. O Gott, das da draußen ist die lichte freie Welt, da ist die Luft, die Allen gehört, der dunkle Wald, das Silberband der Elbe, sich schlängelnd im Mondenglanz, drüben im sternenhellen Duft des Horizonts die glühenden Flecken, es sind die erleuchteten Kirchthürme Dresdens. Sie feiern das Friedensfest, das ich ihnen gab! Aber ich muß fort. He! Du schleichender Räuber, öffne die verschrumpfte Hand, hohl wie Dein Gewissen. Nimm mich als Bettler in 102 Deine Arme, heilige Freiheit! Wo bist du, schäbiger Wucherer? Hier (zieht ein Papier aus der Brusttasche) schmelze Dir Gold aus meinen Ketten!

Commandant (von innen). Herr von Patkul!

Patkul. Hier ist Dein Sündensold, nächtlicher Schleicher! (bröckelt von der Mauer etwas Kalk ab und wickelt seinen Wechsel darum) nimm ihn hin, Deinen schmählichen Lohn! (wirft das Papier hinaus, so daß man den Fall hört.) Wann bin ich frei?

Commandant (draußen, schnell den Wechsel entfaltend und lesend). Zehntausend Dukaten – Wechsel auf Venedig – datirt Dresden, nicht Königstein, gut. – Ordre, mein leiblicher Bruder in Prag. – Gut, Herr von Patkul! – Sehr gut. Auf mein Wort – sogleich noch in der Morgendämmerung – halten Sie sich ruhig, ich führe Sie selbst hinunter. Still, ganz still –

Patkul. Täuschest Du mich?

Commandant (von innen). Das Wort eines ehrlichen Kaufmanns (mit allmählig verhallender Stimme) Zehntausend Dukaten – Guter Wechsel – Bank von Venedig – Dukaten – Dukaten – (weiter nicht mehr hörbar).

103 Patkul (steigt herab). O Gott, so werd' ich endlich erlöst. Es ist besser, daß ich hier unten weile. Oben jagt mir jedes flimmernde Stäubchen, das im Mondlicht tanzt, Schrecken ein, als säh' ich die blitzenden Streiflichter der schwedischen Bayonette (er wendet sich ängstlich prüfend nach dem Eingang zu, zurückkehrend). Die Schweden? – – nein, nein, um Gott, um Gott, der bloße Gedanke gähnt mich an, wie der geöffnete Schlund einer giftigen Wüstenschlange. Und doch es ist mir, als lachten die empfindungslosen Mauern und ich hörte immer eine Stimme wie zwischen Lachen und Weinen, als wär' es – Pfingstens Hyänen-Stimme und riefe gräßlich: zu spät (bleibt eine Weile, die Hände über die Augen legend, stehen, er wendet den Kopf und sieht das Papier auf dem Boden.) Ein Papier? wie kommt das hierher? (will es ergreifen und schreckt zurück.) Ist mir doch Alles wie Teufels-Blendwerk. Es kann – mein Todesurtheil sein. (Sich ermuthigend) Nervenschwache Furcht! (Er nimmt den Brief auf) Ha! ein Brief von Annen's, nein, von des Bruders Hand! Die Buchstaben flimmern mir vor den Augen (nach der Fensteröffnung zu). Das fahle Dunkel des Kerkers – hilf, du guter Mond. (Hat gelesen) Schändlicher Verrath! schon seit acht Tagen – zittern die treuen Herzen – am Fuße dieses Felsens (liest)„Der König will Deine Befreiung, der Commandant muß Dich, bei Gefahr seines Kopfes, entfliehen lassen: 104 warum zögert er? Seelenfreund, was soll ich von seinen Ausflüchten denken! Nur durch schweres Geld gelang es mir. Anna! Bruder, der Schmerz wird sie tödten.“(Patkul läßt das Papier fallen.) Es ist zu viel! Ich bin frei und dieser Henker kauft sich von der Furcht, sein Haupt zu verlieren, durch eine Sättigung seiner Goldgier los. Anna, Anna, meine Anna! – – Ich höre Geräusch. – Was soll mir denn der kalte Schweiß auf der Stirn? Ich höre Fußtritte – man redet, (horcht) nein, nein, meine erhitzte Phantasie gaukelt mir die Schrecken eines Verrathes vor. Verrath?! Ach, stürzt – dasWort– nicht auf mein Herz wie mit heißen Blutwellen? Die Augen fiebern, erstarren mir in den Höhlen, (horcht) ach nein, nein, das sind ja die jungen Adler im Nest, die an den Knochenresten ihrer ersten Beute die scharfen Schnäbel wetzen. Es ist der Wind, der mit rauschenden Wolkenflügeln über die knarrende Wetterfahne saust – o, welch' ein Thor bin ich! (Pause. Ein Riegel wird draußen geschoben. Patkul schreckt heftig auf.) Ha! Er kommt früh der Schächer; früh? Es ist doch wohl drei Uhr Morgens. Ich hörte ja die Nachtrunde, ganz deutlich den Anruf, von den Bastionen wird auch gleich der Stunden-Schuß fallen, (sieht sich um und erblickt die Hinterwand des Vorplatzes geröthet). Fackeln?! Ach, nein, es ist schon das Morgengrauen! O, gute Sonne, freundlicher Stern des Tages, geh' mir zum Leben auf, du purpurner Schein 105 der Liebe – und doch – Horch, Sporenklirren, die Stufen herunter, es ist, es sind (wankt allmählig an die Thür, blickt gespenstisch erregt etwas von der Seite hinaus und prallt mit furchtbarer Erschütterung zurück) Barmherzigkeit des Himmels, es sind die Schweden.

Vierte Scene.#

Oberst Horn besetzt mit einigen schwedischen Soldaten drinnen und draußen den Eingang. Die hintern Soldaten tragen Fackeln, von beiden Seiten öffnen sich die Reihen. Pfingsten erscheint unter der Thür und tritt hinten grell aus dem rothen Schein heraus. Ganz im Hintergrunde verborgen Alfred von Schlippenbach.

Pfingsten (hinten mit grell erhobener Stimme). Im Namen der ewigen Freundschaft zwischen Schweden und Sachsen, der dreizehnte Artikel des Altranstädter Friedens ist hiemit treu und wie es heiligen Verträgen ziemt, ohne Vorbehalt vollzogen! (verschwindet hinter den fackeltragenden Soldaten, die ihn bedecken.)

Horn. Herr von Patkul, auf den besondern Wunsch des Geheimen Staats-Referendair Pfingsten kommen wir zwei Tage früher, als der anberaumte Termin. Im Namen 106 Carls des XII. von Schweden (zeigt auf den Profoß, der mit Ketten hervortritt). Es ist– meine Pflicht.

Patkul (erwacht wie aus einer Betäubung). Es ist kein Traum. Dies ist die Wölbung dieser Wände, dies ist die Luft, dies ist mein Haupt und (zu den Soldaten) diese – (er stürzt auf den Profoß zu und entreißt ihm die Ketten) ja, ja, dies ist die Kinderrassel, mit der der Knabe im Kerker spielte, das sind sie wieder, die ersten Ammenmährchen meiner Kindheit, meine Wiegenlieder, die ersten Klänge, an denen ich lernte, wie melodisch dieses Leben klingt. (Pause, wo er seine Vernichtung malt.) Ihr seid's – Schweden? – Liefland's Mörder! (wirft die Ketten hin, Profoß hebt sie auf.)

Soldaten (fällen die Bajonette).

Horn. Der Befehl des Königs –

Patkul (heftig). Mich zu fesseln? Nein, auf diesem Boden laßt mich sterben! (Stürzt auf die Bajonette der Soldaten zu).

Schlippenbach (tritt entschlossen, um ihn zu hindern, links hervor, Patkul erblickt ihn, fährt zurück und ihn erkennend, entfährt ihm halblaut der Ruf:)

Patkul. Alfred von Schlippenbach! (Pause. Gefaßter.) Ich werde sterben. (Zum Profoß.) Hier meine Hand! (Man legt ihm Ketten an.) Ich kenne Herzen, die duldend schweigen müssen; sie sind noch unglücklicher als ich!

107 Horn (tritt zu Patkul heran). Lesen Sie selbst, Herr von Patkul! Ihre Augen werden nicht so zittern, wie es meine Stimme würde. (Uebergiebt ihm ein Papier.)

Patkul (entfaltet das Papier und liest). „Ein Hochverräther an der schwedischen Nation. Noch in dieser Stunde – am Fuß des Königsteins – erschossen!“ Mein Tod ist dieser Zeit so noth, wie der lechzenden Erde ein Gewitter. Es muß Menschen geben, an denen das Wehe der Jahrhunderte sich offenbart. Ich bin bereit. (Alle gehen langsam ab, bis auf Patkul und Schlippenbach.)

Schlippenbach (sieht sich ängstlich um, wartet den Augenblick ab, bis Alle fort sind. Dann stürzt er auf Patkul zu und zieht einen Dolch aus der Brust). Wer wie Cato denkt, führt Römerwaffen! (Wendet sich mit dem Gesichte ab und reicht Patkuln den Dolch, indem er spricht:) Willst Du, Patkul?

Patkul (sieht den Dolch, greift erst gierig darnach, wirft ihn aber dann sich besinnend weit fort). Nein, feierlich! unter dem offnen Auge der Sonne – den Völkern und Zeiten zum blutigen Schauspiel!–

Schlippenbach (mit verbissenem Schmerz und niedergeschlagener Wimper). Ich vermählte gern Dein warmes Märtyrer-Blut mit dem meinen.

108 Patkul. Knabe, was sinnst Du?

Schlippenbach. Wenn Du vor den Thron der ewigen Gnade trittst, wo die himmlische Luft der Freiheit weht, so wirst Du fühlen, daß an den Saum Deines weißen Kleides eine Hand sich klammert –

Patkul (streng). Ich würde den Selbstmörder zurückstoßen.

Schlippenbach. – – Auch dann, wenn ich Dir sagte, daß die Tropfen, die aus meiner durchstoßenen Brust quillen, die Thränen sind, die in mir das Vaterland Dir nachweint? Morden kann man Märtyrer der Völkerfreiheit; aber die Völker sind dankbarer, als die Fürsten, – ihr Grab wird niemals ohne Opfer sein. (Ab.)

Fünfte Scene.#

Patkul (stürzt Schlippenbach nach). Knabe, was sinnst Du? (Am Hintergrund tönt ihm gedämpfter Trommelwirbel entgegen; er fährt zurück.) Ha, kommen sie schon, mir den Kranz um's Haupt zu winden? Schwingt der Tod schon seine blitzende Sense? O, diese Gäste, die ich mir zu meinem Hochzeitsfest geladen! Anna, mußtest Du die Braut des Todes werden? 109 Weinet! Weinet! War je ein Mensch unglücklicher als ich? (Etwas stärkerer, aber doch gedämpfter Trommelwirbel.) O läg' ich todt im Schooß der Erde, verbrannter Staub in einem Aschenkruge und wär' ein Hauch nur, eines Sonnenblickes Rückerinnerung, Gedanke nur und längst schon schwarze Nacht! (Sinkt erschöpft auf einen Schemel linker Hand.) (Die Trommeln schweigen.)

Letzte Scene.#

Patkul. Dann Einsiedel, später Vitzthum und Kammerherren, zuletzt Horn mit vielen schwedischen Soldaten, die aber nur draußen sichtbar sind.

Einsiedel (schon hinter der Scene hörbar). Wo? Wo? Laßt mich! (sucht Patkul und stürzt auf ihn zu:) (Verzweiflungsvoll). Keine Rettung!

Stimmen (hinter der Scene). Platz! Platz!

Vitzthum (tritt bestäubt, mit Reitstiefeln heftig auf, begleitet von einer glänzenden Cortège. Er tritt herein und bleibt erschüttert stehen). Keine Rettung!

Patkul. Wer redet da? (Heftig aufspringend, zu Einsiedel freudig) O, doch nicht alles Verräther! (umarmt ihn lange, ganz heimlich) Wer ist das, Bruder?

110 Vitzthum. Friedrich Augusts Thränen erweichten das nordische Felsenherz nicht. Um sein Kind hätte ein Vater nicht bitterlicher flehen können. Der Friede ist unterzeichnet. Wir sind besiegt, sind wehrlos. – (Nach einer Pause.) Flemming wird aus des Königs Umgebung scheiden. Imhof ist Staatsgefangener auf Lebenszeit. Der Commandant des Königsteins und Pfingsten legen ihr Haupt auf den Block.

Patkul (nach einer Pause). O, warum dringen Fürsten erst über Gräber zur Wahrheit! Aber (zu Einsiedel) Du sagst nichts von meinem letzten Kleinod?

Einsiedel. Ich habe Annen getäuscht, sie nach Dresden gesendet, der Hoffnung Rosenschein noch einmal mit erdichtetem Trost auf ihre Wange gezaubert. Sie glaubte – und ging!

Patkul. So – soll ich – sie – erst wieder küssen mit Geisterlippen – und den Ring der Treue mit ihr vor himmlischen Altären wechseln? – Es war hart, aber groß von Dir, Julius – wir hätten es nicht ertragen –

Vitzthum (auf Patkul zustürzend). Was kann Friedrich August thun, um Ihren Schatten zu versöhnen?

111 Patkul. Königen hab' ich wenig zu hinterlassen. Meine vierzehn Orden, Julius, schicke an die, die mir die Brust damit schmückten und sie nicht schützen konnten. Ich sparte in der Bank von Venedig für die Befreiung Lieflands 50,000 Kronen; vertheile sie an meine armen Krieger, daß sie in die Wälder und Steppen ihrer Heimath zurückkehren. Was ich bei mir trage, gieb diesen armen schwedischen Soldaten für die letzte Kugel!

Horn (vortretend). Diese Krieger werden Ihnen den letzten Dienst erweisen.

Patkul. Sieh doch, Bruder, welche Farbe tragen sie?

Einsiedel. Blau und gelb, mein Patkul!

Horn. Es sind Liefländer. Der Befehl des Monarchen.

Vitzthum (heftig ergrimmt). Liefländer?

Einsiedel (mit glühender Leidenschaft zu Horn). O sagen Sie Ihrem nordischen Carl, daß man sein militairisches Genie neben das des Alexander stellen wird. Aber dieser Haß, mit dem er den Märtyrer des Völkerrechts und der Völkerfreiheit, den Liefländer Patkul noch in seiner letzten Stunde höhnte, wird in der Glorie seines Namens ein unauslöschlicher Flecken sein.

112 Patkul. O, mein Bruder! Die Pflugschaar der Tyrannei muß tiefe Furchen in den Erdboden reißen, damit daraus die Freiheit blühe! Ich bin der Erste nicht, noch werden Andere kommen, bis sich die Nachwelt unsrer Saaten freut! Kein Ach, kein Tropfe Bluts geht verloren, und jedem Freiheitsseufzer aus dem kleinsten Erdenwinkel antwortet donnernd einst der Jubel der Jahrhunderte. (Aus den Fenstern quillt das rothe Licht der Morgenröthe. Freudig.) Auf, Liefländer, zielt auf dieses Aug', das oft für Euch gewacht, auf diese Stirn, die oft für Euch gesonnen. (Draußen fällt ein Pistolenschuß) Ha, Alfred, das warst du! – Rufst du mich, du kühner Heldenknabe? Bestell' uns Wohnung bei den Himmlischen! Der Tag bricht an, der Freiheit Thore rauschen auf! Lebt wohl! (Umarmt noch einmal Einsiedeln.) Lebt wohl! In Brutus' Armen sehen wir uns wieder! (wendet sich entschlossen zum Abgehen).

(Die Seinen und die Schweden schließen ihn ein.) Der Vorhang fällt.

Apparat#